Senn tankt Selbstvertrauen

11.11.2018 - Von Martin Merk

Beim HC Davos läuft es derzeit alles andere als rund. Für die vier beim Deutschland Cup aufgebotenen Spielern der Bündner ist es damit auch eine gute Gelegenheit Selbstvertrauen zu tanken. Nicht zuletzt für den im Club in Kritik geratenen Gilles Senn, der heute im Schweizer Tor mit der Nationalmannschaft um den Turniersieg gegen die russische Auswahl kämpft.

Rein statistisch gesehen darf man Patrick Fischers Aufgebot für Gilles Senn als überraschend beziechnen. Der HCD kassiert mehr Tore als jedes andere NL-Team. Senn ist 24. und letzter bezüglich Gegentorschnitt (4,4)  in den Statistiken auf hockeyfans.ch, ebenso bezüglich Fangquote (86,5 Prozent). Er kam aber auch bloss in drei Spielen zum Einsatz, allesamt Niederlagen.

Nach zwei Jahren als Backup von Leonardo Genoni und zwei Jahren als Stammtorhüter hatte sich der grossgewachsene Walliser diese Saison bestimmt anders vorgestellt. Doch weil sowohl er wie auch Joren van Pottelberghe mit einem Wechsel nach Nordamerika für 2019/20 liebäugeln und auf eine Vertragsverlängerung verzichteten, stellte die HCD-Führung dem jungen Duo den Schweden Anders Lindbäck vor die Nase als mögliche Lösung für die nächste Saison. Er ist statistisch auch nur auf dem 22. Platz, weil sich Höhen und Tiefen abwechseln und es der gesamten Mannschaft schlecht läuft.

Was ist los beim HC Davos? Auf diese Frage hat niemand eine Lösung bereit. «Wenn man das wüsste, wäre es nicht so. Ich kann es auch nicht genau sagen, wir versuchen aber alles um es zu wenden», sagt Senn. «Ich versuche immer so zu trainieren, damit ich der Mannschaft bei einem Einsatz den Rückhalt geben kann, den ich geben muss.»

Das Aufgebot war auch ein Zeichen von Fischer und dem Verband, dass man Senn nicht fallenlassen möchte wie eine heisse Kartoffel. Dass ihm die Zukunft gehören kann, wenn er die missliche Situation – oder Saison – übersteht und seinen Weg geht. Der Tapetenwechsel diese Woche hat ihm gewiss nicht geschadet.

«Es gefällt mir gut, es sind viele bekannte Gesichter aber auch neue Spieler, die ich erstmals persönlich kennengelernt habe. Alle Spieler hier sind angenehm, wir kommen gut miteinander aus», sagt der 22-Jährige.

Weil jeder der drei Torhüter ein Spiel erhält, nutzte er die Zeit zum Beobachten.

«Ich schaue auch den anderen Torhütern zu und wie sie sich bewegen. Die ersten Tage war [Goalietrainer] Peter Mettler hier, so konnte ich mit ihm trainieren und auch mal was anderes hören. Im ersten Spiel war ich auf der Bank, konnte dem slowakischen Goalie und Gauthier (Descloux) zuschauen, sah auch Lukas (Flüeler)», sagt Senn.

Das Beobachten der anderen ist etwas, was ihm nicht unbekannt ist. Senn konnte als dritter Torhüter letzten Frühling WM-Luft schnuppern und eine Silbermedaille gewinnen. Es war eine wertvolle Erfahrung in seinem Alter, selbst wenn er nicht spielte.

«Es war streng für mich», sagt er mit einem Lächeln, weil er einerseits nicht spielte, dafür aber lernen konnte. «Ich trainierte oft mit dem Konditionstrainer weiter, war viel auf dem Eis, machte viel mit den Goalietrainiern, schaute auch Spiele anderer Mannschaften und was die Torhüter tun, wie sie wissen wie geschossen wird. Ich half beim Team mit Statistiken und Videos. Ich sah da auch, wieviel Arbeit der Staff überhaupt macht, mit dem Scouting der anderen Spieler, das Analysieren einzelner Spieler. Das bringt auch der Mannschaft etwas. So sah ich das vorher noch nie.»

Wenn er nicht vor Ort ist, schaut er sich auch gerne Videos von Torhütern an. Der Finne Pekka Rinne von den Nashville Predators, der ebenfalls zur Gilde der grossgewachsenen Torhütern zählt, und der Kanadier Carey Price sind seine Favoriten.

Von der NHL träumt auch der vor einem Jahr von den New Jersey Devils gedraftete Senn. «Ich hatte im Sommer Gespräche. Ich bin regelmässig mit dem Goalietrainer in Kontakt, er kommt mich auch oft besuchen, schaut meine Spiele an. Wir sprechen, was wir besser machen könnte», sagt er vage zu seinen ferneren Zukunftsplänen in Nordamerika.

Etwas näher liegen derzeit die Nati und der HCD. Dort versucht er sich nach Rückschlägen nicht aus der Ruhe bringen zu lassen. Vom Transfer Lindbäcks kurz vor Saisonbeginn war auch er überrumpelt. Es war beim HCD ein Abbruch des Plans junge Torhüter zu fördern, da man dies «nicht für ausländische Clubs tun möchte».

«Ich war schon überrascht, aber es spielte keine Rolle. Ich wusste, was ich kann und mache so weiter wie bis jetzt», sagt Senn.

Senn war nur noch die Nummer 2, van Pottelberghe wurde gar zeitweise nach Dänemark ausgeliehen. Die Desavouirung der Clubführung war damit nicht beendet. Der Präsident Gaudenz Domenig sagte vor einigen Wochen zum Thema Ausländer im "Blick": «Wenn Gilles Senn als dritter Torhüter an die WM fährt, zeigt das, wie verzweifelt man ist.» Peng!

Senn bleibt zu dieser befremdend wirkenden Aussage diplomatisch. «Ich habe mit Marcel (Kull), dem Goalietrainer in Davos, eine enge Beziehung. Ich sprach nur mit ihm darüber und er half mir auch es zu verarbeiten. Es war ein schneller Schock, der schnell vorbei war», sagt er.

Überhaupt ist Kull, der in Davos schon Torhüter wie Jonas Hiller und Leonardo Genoni zu Stars formte, die wichtigste Bezugsperson für den Walliser, der als 15-Jähriger seine Heimat verliess und sich dem Novizen-Team der Bündner anschloss.

«Er ist sehr wichtig. Wenn ich könnte, würde ich ihn überall mitnehmen, wo ich kann», sagt er. «Ich arbeite seit über acht Jahren mit ihm zusammen. Wir sind auch gute Freunde, gehen zusammen Essen und Kaffee trinken. Auf dem Eis ist er ein Trainer, der mich jeden Tag mehr fordert. Es ist eine sehr spezielle Beziehung.»

Die letzte Partie gegen Russlands B-Auswahl, ein Sichtungsteam im Hinblick auf die Olympischen Winterspiele 2022 das intern als «Olimpijskaja Sbornaja» vermarktet wird, wird zum Finale um den Turniersieg. Die Russen wie auch die erstklassierten Schweizer haben beide fünf Punkte auf dem Konto – jeweils ein Sieg in regulärer Spielzeit gegen die Slowakei und einer nach Verlängerung oder Penaltyschiessen gegen Deutschland.

Es ist für die Schweiz ein unbekannter Gegner. Gegen eine russische B-Auswahl hat die Schweiz schon sehr lange nicht mehr gespielt. In Russland wurde sie vor wenigen Jahren wiedereingeführt.

«Ich werde sicher noch Videos anschauen vor dem Spiel», sagt Senn.

Bei den Schweizern wird man die Russen nicht unterschätzen nach den Leistungen hier und dem Turniersieg beim letztjährigen Deutschland Cup.

«Es sind sicher auch Top-Spieler, wenn auch nicht die A-Auswahl. Vorgestern lieferten sie gegen Deutschland auch ein intensives Spiel ab, sind technisch begabt. Es wird sicher nicht einfach», warnt Lino Martschini, der gegen Deutschland das Siegestor erzielte.

Nachdem man gegen die Deutschen eine 3:1-Führung in den letzten zehn Minuten aus der Hand gab, möchte man sich steigern.

«Wir müssen uns steigern in der Passqualität und im Powerplay. Wir müssen mit der gleichen Einstellung ins Spiel und kämpfen. Wir müssen einen Schritt rauf», sagt der Nationaltrainer Patrick Fischer. Sein Rezept: «Ihre Hauptstärke, die Technik, müssen wir versuchen wegzunehmen indem wir sehr schnell und aggressiv rangehn und ihnen keinen Raum geben.»

Background-Portal

Senn

Gilles Senn in rot und weiss bei der Nationalmannschaft. Fotos: Vedi Galijas
 

Gilles Senn im Einsatz für den HC Davos. Foto: Vedi Galijas
 

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