Raffainer blickt zurück und nach vorne

18.10.2018 - Von Fabian Lehner

Es war ein ereignisreiches Jahr für Swiss Ice Hockey. Mit bescheidenen Olympischen Winterspielen, welche jedoch mit einer WM-Silbermedaille in Dänemark wettgemacht wurden. Wir trafen uns mit Raeto Raffainer, Director National Teams, und warfen einen Blick zurück und einen in die Zukunft.

Wie ist ihr allgemeines Fazit der Saison bei der Herren-Nationalmannschaft?

Raeto Raffainer: Wir sind auf dem richtigen Weg. Wir haben gezeigt, dass der Erfolg von 2013 wiederholbar ist und waren sehr nah an der Goldmedaille. Ich habe im Sommer oft an die Chance von Kevin Fiala in der Verlängerung oder an das Penaltyschiessen gedacht... Die Silbermedaille ist aber ein herrlicher Lohn für den ganzen Staff, die Clubs und alle, welche uns in den letzten Jahren unterstützt haben.

Wo liegt die Wahrheit für das Schweizer Eishockey? Beim Viertelfinalaus an den Olympischen Spielen oder bei der Silbermedaille an der letzten WM?

Ganz klar dazwischen. Erreicht Patrick Fischer in Bratislava den Viertelfinal, ist er der erste Trainer, welchem dies drei Mal in Folge gelingt. Die Zielsetzung bleibt die Gleiche: Wir wollen ins Viertelfinal. In den letzten Jahren war unsere Quote beim Erreichen dieses Ziel bei 50%. Unsere Vision ist es, wie die Top 6 Nationen, diese Quote auf 100% zu steigern. Im Moment ist das jährliche Erreichen der Viertelfinals aber leider noch keine Selbstverständlichkeit.

Kann man Weissrussland als warnendes Beispiel nehmen? Sie erreichten auch regelmässig die Viertelfinals und sind nun abgestiegen.

Natürlich ist das Beispiel Weissrussland ein warnendes Zeichen für alle Nationen ausserhalb der Top 6.

Ist die gestiegene Erwartungshaltung eine Gefahr?

Die Erwartungshaltung nach einer Medaille steigt immer und das ist auch gut so. Nach der Silbermedaille 2013 mussten wir zwei Jahre warten, bis uns die nächste Viertelfinalqualifikation gelang. Dies wollen wir in den nächsten Jahren verhindern. Gleichzeitig müssen wir aber richtig einschätzen, wo wir mit unserem Eishockey im internationalen Vergleich stehen. Wenn alles zusammenpasst, wie in Dänemark, liegt aber eine Überraschung für uns drin. Einfach ist es aber nicht.

Was ist der grösste Unterschied zu den Top 6 Nationen?

Sie haben viel mehr Spieler mit dem Potential auf höchsten Niveau zu spielen. Das Ersetzen von mehreren Top-Spielern ist für diese Nationen viel einfacher. Wir arbeiten jedoch daran mit den Prospect-Kader-Aktivitäten, dass unser Spieler-Pool von Jahr zu Jahr grösser wird und wir Absenzen durch Verletzungen oder NHL-Playoffeinsätze besser kompensieren können.

Wie sieht das Fazit bei der U20-Nationalmannschaft aus?

Die Resultate sind sehr erfreulich. Besonders die Tatsache, dass auch Christian Wohlwend die Chance hat, der erste U20-Headcoach zu werden, welcher die Viertelfinals drei Mal hintereinander erreicht. Der letztjährige 1998er-Jahrgang war sehr dünn. Wir waren mutig und nahmen 13 jüngere Spieler an die WM. Dieses Risiko wird sich hoffentlich in diesem Jahr positiv ausbezahlen.

Wie sieht es mit der U18-Nati aus?

Die Resultate am Ivan Hlinka in diesem August waren nicht gut, waren aber für uns keine Überraschung. Thierry Paterlini und sein Staff haben in den letzten Jahren aber immer wieder bewiesen, dass sie die Jungs über das laufende Jahr sehr gut weiterentwickeln können. Nicht zuletzt auch dank der guten Zusammenarbeit mit den Clubs. Letztes Jahr hatten wir das entscheidende WM-Spiel gegen die Weissrussen verloren. Wir dürfen aber nicht vergessen, dass die Weissrussen fast eine Million Dollar in die U18/U20-Mannschaften investieren. Die Spieler wohnen, studieren und trainieren zusammen. Für ein Turnier ist dies ein nicht zu unterschätzender Vorteil. Das Spiel war trotzdem eine enge Angelegenheit und hätte auch auf unsere Seite kippen können.

Ist ein solches Programm, wie es nicht nur die Weissrussen haben, sondern auch die Amerikaner, keine Option für die Schweiz?

Swiss Ice Hockey hatte dies 2013 mit dem Campus in Winterthur so angedacht. Das Projekt ist gescheitert und bis heute liegt der zentrale Ausbildungsauftrag bei den Clubs und das ist auch gut so. Unsere Juniorenligen würde es deutlich schwächen, würden wir die besten 25 Spieler immer bei uns haben. Unser Spielerpool ist leider nicht so gross wie beispielsweise in Nordamerika, wo die Entnahme von 25 Spielern den Ligen nicht schadet. Den ausgewählten Spielern würde zwar eine Ausbildung der Extraklasse geboten werden können, jedoch würde die Breite Schaden nehmen. Ausserdem ist es extrem schwierig in diesem Alter bereits zu wissen, welche Spieler die Besten sind oder sein werden. Dadurch würden wir Spieler ausschliessen, die ev. erst zu einem späteren Zeitpunkt einen grossen Entwicklungsschritt machen. Zusammengefasst wäre es für die konkrete Auswahl zwar top, aber das Schweizer Eishockey würde durch ein solches Projekt wohl eine Verschlechterung erfahren.

Wo haben wir am meisten Luft nach oben im Vergleich mit den Top 6 Nationen?

Besonders viel Steigerungspotential sehe ich bei den 9- bis 14-Jährigen. Wir haben bis zur U16 einen grossen Rückstand im Vergleich zu den Top-Nationen und wir können diesen bis zur U20 kaum mehr aufholen.

Und in welchen Bereichen speziell?

Überall! Wenn wir uns mit den Top 6 messen wollen, beginnt es bereits bei der Rekrutierung und den Jugendligen. Es ist wichtig, dass die Coaches aller Altersstufen eine professionelle Ausbildung geniessen. Wohl gemerkt, wenn unser Anspruch die Top 8 ist, machen wir bereits sehr vieles sehr gut. Wollen wir uns aber mit den Besten messen, müssen wir noch viel mehr tun.

Hilft hier nicht vor allem der Bau neuer Hallen? Ungarn hat durch den Bau von mehreren Trainingshallen seine Juniorenanzahl stark gesteigert und hat jetzt schon Österreich in diesem Bereich überholt.

Jede Halle hilft. Leider ist der Bau neuer Hallen ist in der Schweiz aber wesentlich schwieriger und teurer. Jedem CEO oder Präsidenten, dem es gelingt, eine neue Halle zu bauen oder eine alte zu renovieren, müsste eigentlich eine goldene Statue erhalten.

Die Liga hat die Einführung von sechs Ausländern andiskutiert. Wie stehen Sie dazu?

Ich kann die wirtschaftlichen Überlegungen der Clubs nachvollziehen. Als Director National Teams hoffe ich jedoch, dass wir bei der aktuellen Regulierung bleiben werden. Ich befürchte, dass die Erhöhung der Ausländerzahl einen negativen Einfluss auf die Entwicklung der jungen Spieler, insbesondere Center und Torhüter, haben würde. Auch der wichtige Ausbau der Breite in der Herren-Nationalmannschaft würde massiv gebremst. Für die Nationalmannschaften ist die jetzige Regelung sehr gut und war ein wichtiger Faktor für die zwei Medaillen in den letzten fünf Jahren.

Zum Schluss: Was für ein persönliches Fazit ziehen Sie von Ihrer Zeit als Director National Teams von Swiss Ice Hockey?

Wir haben seit meiner Ankunft eine Strategie implementiert, welche fortlaufend angepasst wird. Die Silbermedaille ist ein sehr schöner Lohn dafür und eine Bestätigung für alle Beteiligten, dass wir auf einem guten Weg sind. Die Entwicklung des Fraueneishockeys bereitet mir Freude und wir müssen alles daransetzen, auch weiterhin Olympisch zu bleiben. Ich bin Stolz das wir uns in vielen Bereichen professionalisieren konnten. Zum Beispiel die Qualität des Nationalmannschaftsprogramsm, die Förderung der Frauen und Mädchen, die Torhüterförderung, und die Implementierung von Advanced Stats. Die Entwicklung der Juniorinnen und Junioren ist und bleibt eine der grössten Herausforderung. Positiv fürs Schweizer Eishockey ist die Tatsache, dass wir mit allen Teams in der obersten Spielklasse mit dabei sind. Die Nationen hinter uns schlafen aber nicht, das heisst wir müssen uns stetig weiterentwickeln.

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Raffainer

Nationalteamdirektor Raeto Raffainer während einer Medienkonferenz bei den Olympischen Winterspielen 2018. Foto: Andreas Robanser
 

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