Sandy Jeannin blickt zurück

2.8.2018 - Von Maurizio Urech

Sandy Jeannin (42) musste vor fünf Jahren seine Aktivkarriere nach diversen Gehirnerschütterungen beenden. Er vertrat die Schweiz an drei Olympischen Spielen und 12 Weltmeisterschaften, gewann zwei Meistertitel mit dem HC Lugano und bestritt insgesamt 774 Partien (167 Tore/374 Assist) in der NLA für die ZSC Lions, den HC Davos, den HC Lugano und Fribourg-Gottéron. Während der letzten WM in Dänemark gab er sein Debut als Experte für das Westschweizer Fernsehen. Wir haben mit ihm über seine Zukunftspläne gesprochen, aber auch über die Vergangenheit.

Als erstes erkundigten wir uns über den Gesundheitszustand von «Zizou».

Danke, es geht mir gut. Ich habe mich erholt, aber es waren schwierige Zeiten. In den letzten Jahren meiner Karriere hatte ich immer mit den Symptomen der Gehirnerschütterungen zu kämpfen, es war ein ständiges Auf und Ab. Doch am Schluss musste ich einsehen, dass mein Körper nicht mehr in der Lage war, die Checks zu akzeptieren und vor allem nicht mehr der Geschwindigkeit des Spiels gewachsen war. Am Schluss war es die Summe der Schläge, die ich gegen den Kopf und Nacken erhalten habe, welche zu dieser Situation führte. Ich hatte das Glück nie schwerer verletzt zu sein. Die Situation war schwierig zu akzeptieren, doch am Schluss war der Rücktritt die richtige Entscheidung, mein Körper brauchte eine «ruhigere» Phase. Auch für meine Familie war es nicht immer einfach, da ich häufig nervös war. Jetzt geht es mir gesundheitlich wieder besser und ich schätze mich glücklich, dass ich bis 37 spielen konnte und auf eine erfolgreiche Karriere zurückblicken kann.

Wie sehen Ihre Zukunftspläne aus? Sie sind ja dem Eishockey treu geblieben und haben eine Karriere als Trainer bei Fleurier begonnen.

Nach dem Ende meiner Aktivkarriere habe ich ein Jahr lang die Novizen Elite von La Chaux-de-Fonds trainiert. Keine leichte Aufgabe, ich hatte wenige Spieler zur Verfügung, dazu gab es auch während der Saison Abgänge. Auch organisatorisch hatte ich Probleme, es gibt keine zweite gedeckte Eishalle, so dass wir nur wenige Trainings bestreiten konnten. Auch mit der Schule war nichts organisiert, so dass ich mich auch darum kümmern musste. Ein schwieriges Jahr für mich, denn wir verloren fast alle Spiele und ich habe während dieser Zeit realisiert, dass ich noch nicht für eine solche Aufgabe bereit war. Ich war viel zu nervös und aufgeregt. Vielleicht spielte auch eine Rolle, dass ich in Fribourg wohne und jeweils zwei Stunden Fahrzeit hatte. Doch trotz allen Schwierigkeiten war es am Schluss positiv, denn es hat mir die Augen geöffnet was ich ändern musste wenn ich weiterhin coachen wollte. Im nächsten Jahr erhielt ich die Chance zu meinen Stammklub Fleurier zurückzukehren, wo ich mich um alles kümmere von den Jüngsten bis zu den Ältesten. Am morgen arbeite ich mit 4-jährigen Kindern, am Abend mit 40-jährigen Männern. Interessant und herausfordernd zugleich, denn logischerweise muss ich die jeweiligen Trainingsformen anpassen, aber es macht mir riesigen Spass, denn mein Ziel muss es sein, jeden meiner Spieler vom Jüngsten bis zum Ältesten weiterzubringen. Momentan haben wir in Fleurier genügend Spieler um in den diversen Kategorien präsent zu sein, dies war nicht immer so. Den Jungen versuche ich vor allem den Spass am Eishockeysport zu vermitteln, ob es dann jemand in die NL schafft, ist nicht so wichtig, viel wichtiger ist dass sie positive Erinnerungen an Ihre Juniorenzeit haben wie dies bei mir der Fall war. Ich kann mich noch daran erinnern wie ich mit Fleurier in der 1. Liga zusammen mit Klassenkameraden gespielt habe. Ein erster Schritt in diesem Metier, der auch mein Selbstvertrauen gestärkt hat. Wir werden sehen was die Zukunft bringen wird.

Zu Ihren besten Souvenirs der Aktivzeit zählen auch die Jahre in Lugano (2000-2008) mit zwei Meistertiteln.

Kann ich nur bestätigen. Es waren tolle Jahre. Wir hatten immer eine starke Mannschaft, die um den Titel mitspielen konnte. Zweimal habe ich den Titel gewonnen, doch ein paar Mal auch schmerzliche Niederlagen im Final erlitten. Auch meine zwei Töchter wurden im Tessin geboren. Ich konnte eine neue Sprache lernen. Ausser dem letzten Jahr, in dem wir in die Playouts mussten, habe ich nur Positives in Lugano erlebt. In diesen Jahren spielte ich mein bestes Eishockey, habe mich weiterentwickelt, auch persönlich nicht nur auf dem Eis. Ich lernte von den Fehlern die ich vorher zum Beispiel in Davos gemacht hatte und habe nur schöne und positive Erinnerungen an meine Zeit in Lugano, wie gesagt vielleicht die beste Phase in meiner Karriere.

Sprechen wir auch noch über die Schweizer Nationalmannschaft. Nach einer schlechten Olympiade standen alle, auch Coach Fischer, in der Kritik. An der WM zeigte die Mannschaft ein anderes Gesicht und spielte ein tolles Turnier.

Manchmal sind es die Details, welche die Differenz ausmachen um einen Titel zu gewinnen, oder auch für die Karriere. Man kann nicht immer alles logisch erklären, manchmal reicht ein falscher Pfiff, ein Foul, eine schlechte Entscheidung um alles zu ändern. Jetzt sehe ich das Ganze von der anderen Seite. Als Journalist musst du versuchen zu analysieren was passiert ist. In Dänemark kam das Team in eine positive Dynamik, aber ich glaube auch, dass Fischer einiges aus der Olympiade gelernt hat. Er ist ein junger Trainer, der noch nicht so viel Erfahrung auf diesem Niveau hat. Nach diesem Turnier wird er ruhiger weiterarbeiten können. Er hat gezeigt, dass er lernfähig ist und nach einem negativen Turnier die richtigen Schlüsse gezogen hat. Für uns als Spieler war es das grösste in der NL spielen zu können, die heutige Generation hat eine ganz andere Mentalität. Man will mehr. Das Ziel ist die NHL, die beste Liga der Welt. Die grösste Differenz ist die mentale Stärke. Wir standen uns teilweise selbst im Weg, da wir nicht an unsere Chancen geglaubt haben. Diese Barriere gibt es nicht mehr. Wenn wir 10-15 Jahre zurückschauen, gab es in der NHL mehr Deutsche als Schweizer, weil sie eine bessere Einstellung hatten. Wir hatten schon immer Talent, die neue Generation hat auch gelernt hart für den Erfolg zu arbeiten und es ist kein Zufall, dass wir jetzt von der NHL mit ganz anderen Augen gesehen werden und ich schliesse nicht aus, dass wir in der Zukunft auch einmal an einem grossen Turnier eine Mannschaft am Start haben werden ohne Spieler aus der einheimischen Liga. Die Jungen haben jetzt Ihre Vorbilder, die in Nordamerika bei Topklubs spielen. Unsere damaligen Vorbilder spielten alle in der Schweiz. Ich sehe eine positive Entwicklung für unser Eishockey und wir können optimistisch in die Zukunft schauen.

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Jeannin

Sandy Jeannin jubelt im Dress der Schweizer Nationalmannschaft. Foto: Thomas Oswald

Die letzten Jahre seiner Spielerkarriere verbrachte Jeannin bei Fribourg-Gottéron. Foto: Thomas Oswald