NHL: Vegas oder Washington – wer schreibt Geschichte?

28.5.2018 - Von Maurizio Urech

Während bei uns die Entscheidungen in den wichtigsten Mannschaftssportarten bereits gefallen sind, geht es in Nordamerika sowohl in der NBA wie auch in der NHL jetzt in die heisse Schlussphase und in wenigen Stunden folgt er erste Puckeinwurf für ein Finale, das so wirklich niemand voraussagen konnte und auf das wohl auch niemand gesetzt hat, ansonsten wäre er jetzt ein reicher Mann.

Zu den Kuriositäten dieses Finals gehört auch, dass einerseits mit den Vegas Golden Knights die Mannschaft mit der besten Bilanz für ein Team in der ersten NHL-Saison und auf der anderen Seite mit den Washington Capitals das Team mit der schlechtesten Bilanz für ein neues Team (1974) gegenüber stehen.

Washington steht nach 1998 zum zweiten Mal in einem Stanley-Cup-Finale, damals war man gegen Detroit chancenlos und verlor in vier Partien. Diesmal hat man die Waffen, um es besser zu machen. Coach Barry Trotz ist es offenbar gelungen, die Mannschaft vor allem mental stärker zu machen, denn der Weg in den Final war für die Caps nicht leicht.

In der Startrunde geriet man gegen Columbus gleich 0:2 im Rückstand, trotz des Heimvorteils, doch dann schlug man zurück und entschied die Serie in sechs Partien. In der nächsten Runde wartete mit den Pittsburgh Penguins das Team, welches den Stanley Cup zweimal in Serie gewonnen hatte und dabei beide Male Washington aus dem Weg räumte, das ewige Duell Crosby gegen Ovechkin. Doch diesmal änderte sich das Szenario und Washington konnte endlich den Fluch brechen und das Team um Superstar Crosby in sechs Partien eliminieren.

Im Conference Final wartete mit Tampa Bay eine Mannschaft, die wie Washington viel offensives Talent hat, man geriet mit 2:3 in Rückstand, vieles sprach für Tampa, doch dann packte Goalie Braden Holtby sein bestes Eishockey aus und führte sein Team mit zwei Shutouts in den Final.

Was die Vegas Golden Knights in Ihrer ersten Saison geleistet haben ist ganz einfach phänomenal, und wenn ein Regisseur seinem Produzenten eine Geschichte vorschlagen hätte in der ein Team in einem der wichtigsten Mannschaftssportarten es gleich in der ersten Saison bis ins Finale geschafft hätte, der Script wäre wohl abgelehnt worden, weil zu kitschig oder unrealistisch.

Doch genau dieses Szenario wurde Realität und grossen Anteil hat sicherlich Headcoach Gerard Gallant mit seinem Stab, der es nicht nur schaffte die richtigen Spieler für sein Spielsystem zu holen, sondern auch die Mannschaft zu einer Einheit zu formen, die erfolgreiches und attraktives Eishockey spielte. Und mit dem Selbstvertrauen, das man während der Qualifikation getankt hatte, schockte man die nordamerikanische Eishockeywelt und putzte die Los Angeles Kings in vier Partien vom Eis. In der zweiten Runde wartete mit den San Jose Sharks ein weiteres Team mit viel Playoff-Erfahrung, Vegas setzte sich souverän in sechs Partien durch.

Im Conference Final wartete mit den Winnipeg Jets ein weiteres Überraschungsteam der diesjährigen Playoffs, Winnipeg hatte soeben nach sieben Spielen den Vorjahresfinalisten aus Nashville eliminiert. Wenn bei Washington Goalie Braden Holtby ein Schlüsselfaktor für den Erfolg war, dann kann man das gleiche von Marc-André Fleury sagen, der in der Serie gegen Winnipeg brillierte und die Stürmer auf der Gegenseite zur Verzweiflung brachte. «The Flower», der von Pittsburgh abgeschoben wurde, nahm sich damit seine Revanche und auch dank ihm könnte das Märchen von Vegas noch ein weiteres Kapital schreiben.

Auf den ersten Blick hat Washington die besseren Einzelspieler mit Alexander Ovechkin, T.J. Oshie oder Nicklas Bäckström. Der Trump von Vegas ist ohne Zweifel die Ausgeglichenheit des Teams. Sowohl der erste wie auch der vierte Block kann wichtige Tore schiessen. Natürlich werden die beiden Torhüter eine Schlüsselrolle innehaben, beide Teams haben bisher vor allem bei fünf gegen fünf überzeugt und Ihre bisherigen Gegner dominiert, vielleicht werden die Special-Teams den Unterschied ausmachen.

Und nicht zu vergessen: Mit Luca Sbisa steht erneut ein Schweizer Feldspieler in einem Stanley-Cup-Finale. Er könnte nach David Aebischer, Martin Gerber und Mark Streit der vierte Schweizer Stanley-Cup-Sieger werden – und der Erste, der dabei im Finale auch zum Einsatz gelangte. Der Zuger hatte in dieser Saison viel Verletzungspech und bestritt nur 30 Partien in der Qualifikation, jetzt hat er in sieben Spielen immerhin zwei Assist zum Vorstoss von Vegas in den Final beigetragen, doch seine Stärken liegen sicherlich eher in der Defensive.

Prognose:
Ohne Zweifel wird diese Serie mindestens über sechs Partien führen. Washington hat gezeigt dass es auch Rückschläge wegstecken kann, Vegas reitet auf einer positiven Welle und steigt voller Selbstvertrauen in die Finalissima, und wird trauen Vegas den Final-Coup zu und glauben, dass die Golden Knights Ihrer Cinderella-Story noch die Krone aufsetzen werden.