Damien Brunner gehörte am Deutschland Cup zu den Lichtblicken. Foto: Tobias Schlegel (auf Bild klicken für MMS)


Benjamin Conz konnte den Trainer Sean Simpson überzeugen. Foto: Sandro Stutz (auf Bild klicken für MMS)

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Deutschland Cup: Wer sich aufgedrängt hat

Von Martin Merk

"Future Week" und "U25-Nationalmannschaft" waren die Schlagworte der Swiss Ice Hockey Association für die November-Pause mit dem Länderspiel in Kloten und dem Deutschland Cup in München. Zeit, um Bilanz zu ziehen.

Der Verband und sein Nationaltrainer Sean Simpson sind mit ihrer Strategie, die Spiele in November zu einem reinen Sichtungstermin zu machen, ein gewisses Risiko eingegangen und schienen nach der 2:6-Niederlage gegen Kanada den Kritikern recht zu geben. Doch die Resultate am Deutschland Cup haben gezeigt, dass auch mit Kandidaten aus dem erweiterten Kreis der Nationalmannschaft etwas erreicht werden kann.

Der Sieg gegen die Slowakei mit mehreren Spielern aus der russischen KHL kam selbst für Simpson überraschend und wurde mit einem Sieg gegen die kanadische DEL-Auswahl nachgedoppelt. Eine leise Enttäuschung ist dagegen die Niederlage gegen den Erzrivalen Deutschland, der ebenfalls eine "Future Week" einlegte und sogar noch mehr Spieler auf dem Eis hatte, die 25 Jahre oder jünger sind, als die Schweizer. Diesen Vergleich mit "gleichen Ellen" entschieden die Deutschen damit wie schon an der WM für sich, doch mangelnder Einsatzwillen kann man den Schweizern nicht vorwerfen.

Die grössten Defizite in der gesamten Woche lagen im Sturm. In der Offensive fehlt es weiterhin an Klasse und Effizienz. Ein grosser Lichtblick war dabei Damien Brunner, der nach seiner Viruserkrankung zwar weiterhin noch nicht ganz zurück ist, diese Spielgelegenheiten jedoch gut zu seinen Gunsten ausgenutzt hat und am Deutschland Cup gleich drei Tore erzielte.

Auch auf der Torhüter-Position müssen sich die Schweizer keine Sorgen machen. Selbst wenn Jonas Hiller oder Martin Gerber an der WM fehlen sollten, wäre der Kandidatenkreis gross genug. Da gäbe es weitere erfahrene Goalies wie Ronnie Rüeger, Tobias Stephan oder Marco Bührer, die nicht aufgeboten waren. Leonardo Genoni hat bewiesen, wieso er zu den besten NLA-Goalies gehört und Benjamin Conz führte die Schweizer gar zu einem Shutout gegen die Slowakei. Diese Erfahrung wird ihm, gerade vor der U20-WM, gut tun. Auch Daniel Manzato zeigte einige Klasse-Paraden insbesondere im Startdrittel, war jedoch bei den beiden Gegentoren nicht über alle Zweifel erhaben.

Die Idee, ein Sichtungstermin wortwörtlich als solcher zu nutzen und vor allem Spielern eine Chance zu geben, bei denen man die WM-Tauglichkeit nicht mit Sicherheit kennt, macht Sinn – insbesondere, wenn der Plan auch resultatmässig aufgeht. Die Idee ist auch nicht komplett neu. Die Deutschen machten in München dasselbe, die Kanadier und Amerikaner nutzten die letzte WM (mit entsprechenden Resultaten) dazu, NHL-Spieler zu testen, die nicht zwingend zur absoluten Spitzenklasse gehören. Und seit dieser Saison hat Russland eine B-Nationalmannschaft, die vom Ex-NLA-Trainer Jewgeni Popichin trainiert wird, um in Hinblick auf Sotschi 2014 weitere Spieler zu testen in Partien gegen Gegner wie Polen oder die Ukraine.

Es geht somit bei all diesen Gedankenspielen vor allem um Spieler, die nicht mehr Junioren sind und bei der U20-WM nicht dabei sein können, jedoch eine solche Plattform nutzen können.

Mit dabei waren in München Spieler, von denen man ohnehin schon wusste, dass sie WM-Kandidaten sind. Wie etwa Rafael Diaz oder auch Julien Sprunger, der sich nach seiner fragwürdigen WM-Absage rehabilitieren musste. Doch es gab auch unerfahrene Spieler, die sich aufzudrängen vermochten, aber auch solche, die nicht unbedingt WM-Klasse andeuteten oder vom Trainer auch wenig Vertrauen geschenkt erhielten.

Simpson selbst ist zu diesem Thema etwas weniger redefreudig als sein Vorgänger. Einzelne Spieler möchte er nicht hervorheben. "Es wäre unfair Namen zu nennen", so Simpson, "jeder hat wirklich gekämpft und super gespielt. Wir können stolz auf die Spieler sein. Niemand hätte den zweiten Rang am Deutschland mit dieser Truppe erwartet und wir sind zufrieden."

Trotzdem wagen wir eine kleine Kategorisierung:

WM-Niveau

Die Torhüter Benjamin Conz und Leonardo Genoni gehörten in ihren Einsätzen zu den besten Spielern und haben damit ihre Visitenkarte abgegeben. Auf Conz wird Simpson auch bei der U20-WM ein Auge werfen. Damien Brunner war mit drei Toren der Mann des Turniers und auch sein Linienpartner Fabian Schnyder ist zu einem ernsthafteren WM-Kandidat geworden. Rafael Diaz und Julien Sprunger gehörten zu den erfahrensten Spielern im Team und konnten ihre Ambitionen bestätigen.

Erweiterter Kandidatenkreis

Zu dieser Kategorie gehören Spieler, die sich empfehlen konnten, jedoch ihren WM-Platz keinesfalls auf sicher haben. Etwa Kevin Romy, der wie sein Club Lugano nicht in Bestform war, oder Manzato, der bei den Gegentoren nicht die nötige Sicherheit ausstrahlte. Aber auch der flinke, jedoch zuwenig durchschlagskräftige Andrej Bykov oder überdurchschnittliche NLA-Spieler wie Eric Blum, Félicien Du Bois, Tim Ramholt, Paul Savary oder Patrick von Gunten, die bereits eine gewisse Erfahrung aus dem Liga-Alltag mitbringen.

Von den weniger erfahrenen Spielern konnten sich vor allem der HCD-Verteidiger Robin Grossmann, der hartnäckige Davoser Flügel Dino Wieser sowie die Kloten-Stürmer Simon Bodenmann und Denis Hollenstein aufdrängen. Sie dürfen auf weitere Aufgebote hoffen.

Aussenseiterchancen

Eher Aussenseiterchancen besitzen nach dem Deutschland Cup Gianni Ehrensperger, Kevin Lötscher, Simon Lüthi, Caryl Neuenschwander, Janick Steinmann und Tristan Vauclair. Bei diesen Spielern handelt es sich um NLA-Spieler, die bereits eine gewisse Erfahrung mitbringen und die Kategorie "U25" nicht zwingen erfüllen, jedoch nicht unbedingt wie aktuelle oder zukünftige WM-Spieler auftraten, ohne dass man ihnen dabei eine schlechte Leistung vorwerfen könnte.

Momentan wohl kein Thema

Bei den über 30 getesteten Spielern ist jetzt schon klar, dass ein Teil in Simpsons "Casting-Programm" durchgefallen ist, gar durchfallen muss. Schliesslich hat Simpson doch noch eine relativ grosse Auswahl an nicht eingesetzten, bisherige WM- oder Olympia-Teilnehmern. Diese Spieler haben entweder die Chance in den Spielen erhalten, ohne sich für höhere Aufgaben aufdrängen zu können, oder sie hatten bereits in den Trainings wenig Glück und kamen deshalb nur zu wenig Eiszeit. Zu dieser Kategorie gehören etwa John Gobbi und David Jobin, zwei Verteidiger, die schon unter Krueger den Sprung nicht geschafft hatten, aber auch jüngere Spieler: Pascal Berger, Etienne Froidevaux, Patrick Geering, Jonathan Mercier, Simon Moser und Reto Suri.

Weil dies jedoch nicht Simpsons geheime Notizen sind, und der eine oder andere Akteur sich als Rollenspieler Hoffnungen machen darf, ist diese Bewertung aber natürlich ohne Gewähr. Und einige dieser jungen Spieler haben noch viele Jahre in ihrer Karriere vor sich, in denen sie sich zu einem potenziellen WM-Spieler entwickeln können. Harte Arbeit ist sowieso für alle Spieler angesagt, denn wer heute nicht an sich arbeitet, kann bereits morgen überholt werden. Denn aus dem einen oder anderen Neuling kann durchaus schon nächsten Frühling in der Slowakei ein WM-Spieler werden.