NHL-Trends Teil 3: Die Goalies – Mr. 50%. Wirklich?

Von Thomas Roost, Central Scouting Europe / NHL

Immer wieder wird behauptet, dass man nur mit einem erstklassigen Goalie eine Meisterschaft gewinnen kann und dass die Goalieposition die wichtigste sei im Eishockey. Martin Brodeur, einer der besten und erfolgreichsten NHL-Goalies aller Zeiten, behauptet gar, dass der Eishockeygoalie die am wichtigsten zu besetzende Position im professionellen Mannschaftssport überhaupt sei! Weil Martin Brodeur nicht irgendwer, sondern ein Goalie selbst ist – und somit befangen in seiner Aussage zu diesem Thema – bin ich stutzig geworden und habe versucht, diese These kritisch zu hinterfragen. Stutzig geworden bin ich auch darum, weil in den letzten Jahren viele Meisterschaften gewonnen wurden von Teams, die nicht mit einem Top-Goalie besetzt waren (z.B. die Detroit Red Wings mit Chris Osgood, Pittsburgh Penguins mit Marc-André Fleury, Chicago Blackhawks mit Antti Niemi). Auch in der Schweiz wird häufig nicht dasjenige Team mit dem besten Goalie Meister. Wichtig bei meinen diesbezüglichen Beobachtungen: Alle genannten Goalies sind keine schlechten Goalies, sondern entsprachen in etwa in der jeweiligen Saison dem Durchschnitt der Liga, wobei ich bei Chris Osgood eine Ausnahme mache. Er ist aus meiner Sicht ein unterdurchschnittlicher NHL-Goalie und trotzdem haben die Red Wings mit ihm den Stanley-Cup gewonnen. Konklusion: Um Meisterschaften gewinnen zu können, benötigt man einen mindestens durchschnittlichen Goalie, aber es ist eine Märchen, dass man nur mit einem Spitzengoalie Erfolg haben kann. Die Wichtigkeit der Goalieposition wird heute tendenziell überschätzt.

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Wie komme ich zu dieser Einschätzung? Ich habe mir die Statistiken von Martin Brodeur angeschaut und sie mit den Statistiken durchschnittlicher Goalies verglichen. An dieser Stelle sei die Bemerkung erlaubt, dass die Evaluation von Goalieleistungen am einfachsten statistisch zu erfassen ist; dies im Vergleich mit den Leistungen der Stürmer und Verteidiger. Am einfachsten darum, weil die Goalieposition eine reaktive Position ist. Der Goalie hat „nur“ die Aufgabe, Schüsse aufs Tor unschädlich zu machen. Bei der Goalie-Evaluation hilft die so genannte Fangquote (Save-Percentage), die prozentuale Anzahl der abgewehrten Schüsse die aufs Tor kommen. Ich habe die Save-Percentage-Zahlen von Martin Brodeur mit dem Ligadurchschnitt verglichen. In seiner Karriere wurde Brodeur (Stand Ende Saison 2008/2009) 25'126 Schüssen ausgesetzt, davon resultierten 2'172 in einem Gegentor. Dies entspricht einer Save-Percentage von 91.4%. Im gleichen Zeitraum lag die durchschnittliche Save-Percentage-Zahl von NHL-Goalies bei 90.4% (an dieser Stelle ein herzliches Dankeschön an die Autoren des Buchs „Stumbling on wins“, David J. Berri und Martin B. Schmidt die diese Zahlen recherchiert haben). Dies ist für Insider ein beträchtlicher Unterschied und beweist, dass Martin Brodeur in diesem beobachteten Zeitraum (1991 – 2009) ein erstklassiger Goalie war. Rechtfertigen diese Zahlen aber auch die Aussage, dass die Goalieposition die wichtigste im professionellen Mannschaftssport überhaupt sei? Nein, keineswegs.

Halten wir uns folgendes vor Augen: Ein durchschnittlicher Goalie hätte im selben Zeitraum von 16 NHL-Saisons 217 mehr Gegentore kassiert (bei derselben Anzahl Schüsse aufs Tor). Auf den ersten Blick schaut dies nach viel aus, aber man muss diese 217 mehr Gegentore durch 16 Saisons teilen und dies ergibt nur gerade 13.5 mehr Gegentore pro Saison, die ein durchschnittlicher Goalie gegenüber Martin Brodeur kassiert hätte und dies bei mehr als 80 Spielen. Wenn man diese Zahl verlinkt mit der Anzahl Punkte für die Mannschaft so bedeutet dies, dass diese 217 zusätzlichen Gegentore die Devils ungefähr 67 Punkte gekostet hätten (als Grundlage für diese Berechnung gilt die Regel, dass ein Sieg zwei Punkte ergibt), oder 33,5 Siege. Rhetorisch formuliert: Mit einem durchschnittlichen NHL-Goalie anstelle des weit überdurchschnittlichen Martin Brodeur hätten die Devils pro Saison 2,1 Siege weniger eingefahren als sie es mit Brodeur getan haben. 2,1 Siege weniger bei einem Spielplan von über 80 Spielen! Auf die Schweiz übertragen bedeutet dies, dass man mit einem mittelmässigen NLA-Goalie im Vergleich zu einem Spitzen-NLA-Goalie durchschnittlich ca. 1 Sieg weniger pro Saison holt. Hmmm…. Irgendwie tue ich mich extrem schwer mit diesen Zahlen….aber….es sind Fakten und wir tun sicher gut daran, diese nicht einfach so zu verwerfen, sondern darüber nachzudenken.

Für mich bedeutet dies, dass auch die Goalieposition - wie jede andere im Eishockey – extrem gut besetzt sein muss. Jede Rekrutierung muss im professionellen Eishockey bestmöglich und mit grösster Sorgfalt erfolgen (vom Top-Import-Player bis hin zum Materialwart und zum Administrationsassistenten). Am Schluss entscheiden Details über Erfolg oder Nichterfolg und darum plädiere ich zu möglichst professionellen Auswahlverfahren bei allen Angestellten in einer Eishockey-Franchise. Es bedeutet aber auch, dass die Goalieposition vielerorts unkritisch überbewertet wird. Ich kenne Franchises bei denen die Goalieposition über 10% der gesamten „Payroll“ auffrisst und dies ist definitiv zu viel. Wir müssen bei der Goaliefrage sachlicher werden und romantische Hexer-Geschichten über „Board“ werfen. Ein Goalie muss den Puck stoppen, that’s it. „He has to get his job done“, nicht mehr und nicht weniger. Für dies muss er anständig bezahlt werden, aber weder ein Goalie noch ein Trainer kann Wunderdinge bewirken. Wir müssen die Zauber-Mythen bekämpfen.

In den vergangenen Wochen haben verschiedene NHL-Teams begonnen, der unkritischen Explosion der NHL-Goaliegehälter zu widerstreben. Dies führte beispielsweise dazu, dass der Klassegoalie Evgeny Nabokov kein befriedigendes Angebot der San Jose Sharks erhalten hat und neu in der KHL spielen wird. Ein weiteres Beispiel: Der Stanley-Cup-Sieger mit den Chicago Black Hawks, Antti Niemi, ist am 24. August 2010 noch immer ohne Team, obwohl er mit 2.7 Mio Dollar Gehalt nur zu den unterdurchschnittlich verdienenden Spielern gehört. Die NHL-Bosse sind sensibler geworden auf Forderungen von NHL-Goalies und behelfen sich mit „Deals“ wie demjenigen mit Martin Gerber. Vielleicht weil sie ahnen, dass sie mit dem 500'000 Dollar-Mann Martin Gerber nur maximal zwei Spiele weniger gewinnen als beispielsweise mit Evgeny Nabokov?