Was der Hockey Summit gebracht hat

Von Martin Merk

In knapp zwei Wochen geht in Europa die Saison los, rund einen Monat danach in der NHL. Während hier die letzten Vorbereitungsspiele anstehen, regieren in der NHL die Wirren um den geplatzten Kovalchuk-Deal und weiteren Verträge, bei denen eine Umgehung des Gesamtarbeitsvertrags befürchtet wird. Und gleichzeitig fand in Toronto der World Hockey Summit statt, ein internationales Gipfeltreffen hochrangiger Eishockey-Funktionäre. Was blieb vom Anlass als Fazit übrig?

Eishockey-Gipfeltreffen gab es in Kanada auch schon und sie haben bislang den Sport in Kanada verbessert. Diesmal wurde das Spektrum jedoch erweitert. Die NHL war auch eingeladen, der US-amerikanische Verband ebenfalls und auch der internationale Eishockeyverband IIHF, der Redner mit europäischem Hintergrund nach Toronto brachte wie dessen Präsident, der Freiburger René Fasel, den KHL-Präsidenten Alexander Medvedev, der tschechische Eishockey-Lehrer Slavomir Lehner, verschiedene Verbandsfunktionäre oder etwa auch den Ex-Nationaltrainer der Schweiz, Ralph Krueger.

Es ist somit das erste Mal in der Geschichte des Eishockeys, dass man kontinentübergreifend über mehrere Tage zu einem solchen Anlass zusammen sass. Was Kopenhagen für das Klima war, war Toronto fürs Eishockey. Ein Gipfeltreffen eben. Eines ohne Beschlusskraft allerdings, jedoch mit der Hoffnung, dass die Erkenntnisse des Gipfels von den verschiedenen Organisation in Taten umgesetzt werden. Dies ist gerade im Eishockey jedoch nicht einfach, wo die beste Liga mit dem deutlich höchsten Umsatz (NHL) nicht dem IIHF-System angehört, wie man es bei „europäischen“ Sportarten kennt. Dieser historische Fakt konnte nie beseitigt werden und kann nur durch langsame Annäherung der Parteien verbessert werden, wie dies in den letzten 20-30 Jahren geschehen ist.

Diskutiert wurde mit verschiedenen Rednern und in verschiedenen Diskussionsgruppen über verschiedene Themen. Hier sind einige Themen und das Fazit zusammengefasst anhang einiger von den Veranstaltern veröffentlicher Reden und Dialoge.

Eisfeldgrösse: nordamerikanisch-klein oder europäisch-gross?

Bezüglich Eisfeldern und Regeln gehen die Meinungen auf beiden Seiten des Atlantiks auseinander. Die Intensität der Olympischen Spiele auf dem kleinen Eisfeld überzeugte alle und lässt auch Funktionäre in Europa darüber nachdenken, ob man die Eisfelder nicht verkleinern soll. Der Haken: Die breiteren Eisfelder in Europa sind „Olympia-Grösse“ und für andere Eissportarten notwendig. Und in einigen Ländern ist der Bau von Eisfeldern schwierig und nur mit Eishockey alleine nicht durchsetzbar. Umgekehrt kommt gerade aus Nordamerika das Argument, dass die Spieler grösser und massiger geworden seien und daher eine Vergrösserung der Eisfelder in der NHL ein logisches Thema sein sollte.

Der schwedische Internationale Daniel Alfredsson zeigte sich erfreut über die kleinen Eisfelder an der Olympiade in Vancouver, sagte jedoch auch, dass man auf den grösseren Feldern besser an den technischen Feinheiten feilen kann, etwa das Spiel mit dem Puck und das schlittschuhläuferische Fähigkeiten. Die Resultate einer IIHF-Studie mit den Olympiateilnehmern zeigt, dass die Leute so zufrieden ist, wie es ist: mit den kleinen Eisfeldern in Nordamerika, und den breiteren im Rest der Welt – genauso wie mit den unterschiedlichen Regelbüchern in der NHL und in Europa. Jedem das seine, also.

Champions League oder NHL in Europa?

Die NHL zeigt sich vermehrt in Europa – andere nennen es einen Markttest. Doch wie soll Clubeishockey in Europa aussehen? Der sonst zurückhaltender auftretende IIHF-Präsident René Fasel fand markige Worte an die Adresse der NHL als er auf die Idee einer „Europa-Division“ der NHL angesprochen wurde.

„Versucht zu kommen. Ich werde mit allen Mitteln kämpfen, damit niemand von auswärts kommt. Wir sind gut genug, um selber etwas auf die Beine zu stellen und dann einen Wettbewerb zwischen Europa und der NHL zu haben. Das wäre Musik in die Ohren für die Fans“, sagte Fasel. „Es ist eine alte Geschichte, wie die Summit Series 1972 zwischen Kanada und der Sowjetunion. Ich denke nicht, dass eine NHL-Division in Europa funktionieren würde.“

Stattdessen schwebt die Idee einer Champions League, die nun ein zweites Jahr in einer Auszeit steckt, in den Köpfen. Hier sind nach dem Scheitern eines neuen Vertrags mit einem neuen Vermarkter im vergangenen Winter neue Gespräche mit den Ligen zu erwarten.

Hier zeigt sich Alfredsson als NHL-Europäer eher europäisch: „Man kann die etablierten Mannschaften nicht einfach wegwischen. Jedes Land hat eine Liga, die wichtig für die Entwicklung von Eishockeyspielern ist. Auch wenn die NHL die beste und mächtigste Liga ist, kann sie nicht einfach so expandieren. Es braucht einen bedeutungsvollen Wettbewerb (in Europa) mit einem Format, welches dem Eishockey weiterhilft. Die Champions League im Fussball ist ein Riesenerfolg und daran sollten wir uns orientieren.“

Frage nach dem Transferabkommen

Ein Punkt der in den letzten Jahren immer wieder für Diskussionen sorgte waren Transfers vor allem in die NHL. Bis vor einigen Jahren regelte ein Abkommen zwischen der IIHF und der NHL solche Transfers und brachte innerhalb von 10 Jahren 100 Millionen Dollar an Ausbildungsentschädigungen von der NHL ins europäische Eishockey.

Das Abkommen wurde jedoch nicht verlängert, weil vor allem Russland und Tschechien es nicht weiter unterstützten, da ihnen die Zahlungen zu gering waren. Die Transfers finden aber trotzdem statt, denn die relevanten Spieler haben ohnehin Ausstiegsklauseln für die NHL und können so ablösefrei wechseln. Die NHL sitzt damit am längeren Hebel und kann nicht zu Unrecht sagen, dass die Transferzahlungen vor allem Goodwill sind und eine Anerkennung der Nachwuchsarbeit in Europa.

„50 Prozent von etwas ist immer noch besser als 100 Prozent von gar nichts“, formulierte es René Fasel treffend. Damit steht er nicht alleine, denn mittlerweile haben Deutschland, Finnland und Schweden individuelle Transferabkommen mit der NHL unterzeichnet, die rund 250'000 Franken pro Spieler einbringen sollen, selbst wenn er bei auslaufendem Vertrag in die NHL wechselt.

Ein Problem, etwa im „Fall Radulov“, stellten die Transferstreitigkeiten und Vertragbrüche von Spielern, die zwischen der NHL und der russischen KHL wechselten, dar. Hier gab es jedoch in den letzten zwölf Monaten eine gewissen Entspannung und man fand zumindest eine Einigung, dass Verträge gegenseitig zu respektieren seien.

Eishockeyspielen muss Spass machen

Damit Spieler überhaupt so weit kommen, müssen sie jedoch erst einmal den Weg aufs Eis finden und sich zum Profi entwickeln. Auch wenn die Konkurrenz geringer ist als etwa im Fussball und der Erfolg grösser – Jonas Hiller und Mark Streit sind die bestbezahlten Schweizer Sportler hinter Roger Federer – ist der Aufwand riesig. Nicht nur körperlich, sondern auch finanziell. Es braucht mehr als bloss Schuhe und einen Ball.

Um Kinder zum Eishockey-Sport zu bringen, warnten die Experten am Summit, dürfe nicht vergessen werden, dass Eishockey zu aller erst einmal Spass machen soll. Kritisiert wird, dass Junioren gerade in Kanada schon im Kindesalter viel Leistungsdruck zu spüren bekommen. Letztendlich werden nicht aus allen Kindern einmal Profis, sondern für einige bleibt es auch als Erwachsener ein Sport, den man aus Spass betreiben will.

Eine grosse Frage dabei ist auch ab welchem Alter Bodychecks erlaubt sein sollen. In der Schweiz etwa sind in jüngeren Nachwuchskategorien wie auch im Frauen-Eishockey Bodychecks verbannt.

Dr. Mark Aubry, der für den kanadischen und den internationalen Eishockeyverband im Einsatz steht, zeigte dabei die Ergebnisse einer experimentellen Studie in Junioren-Ligen in Calgary und Montréal, jeweils mit Bodychecking und ohne. „Auf jedem Level und zu jeder Zeit gab es eine signifikante Erhöhung an Verletzungen“, sagte Aubry. Dazu gehörten auch Gehirnerschütterungen. Auch im Vergleich zwischen Männer- und Frauen-Spielen kamen ähnliche Resultate hervor. Wo keine Bodychecks erlaubt sind, würden Verletzungen eher durch Unfälle hervorgerufen als durch beabsichtigten Körperkontakt.

Als ein Grund wird angesehen, dass die Kunst des Checkens nicht nur zum eigentlichen Zweck – der Puckeroberung – eingesetzt wird, sondern auch zur Einschüchterung oder gar Verletzung. Man müsse, so Aubry, die Balance zwischen einem Körperkontaktsport und Verletzungsabsicht finden. Nicht zuletzt deshalb hatte die IIHF Checks gegen den Kopfbereich regeltechnisch verboten, was jedoch in Nordamerika nicht übernommen wurde, aber dort durchaus ein heisses Diskussionsthema ist.

Gerade Kinder, die körperlich noch nicht so robust sind, müssen ihre spielerischen Fähigkeiten in einem sicheren Umfeld ohne übertriebene Checks entwickeln können. Dies ist auch eine Grundvoraussetzung, damit Eltern sie ruhigen Gewissens zum Eishockey schicken können. In Europa ist dieser Gedanke allerdings keineswegs umstritten.

Kanadisches Juniorenhockey – Fluch oder Segen für Europa?

Ein anderes Juniorenthema war, wann europäische Spiele nach Übersee wechseln sollen. Gerade in der ehemaligen Tschechoslowakei hat sich die Produktion von Spielern sowohl quantitativ wie auch qualitativ dramatisch verschlechtert. Fast alle grossen aktuellen oder ehemaligen NHL-Spieler aus diesen Ländern kamen direkt als Profis aus Europa zu den NHL-Teams. Heute versuchen Spieler schon als 16-Jährige nach Kanada auszuwandern. In den drei grossen kanadischen Juniorenligen unter dem Dach „CHL“ (OHL, QMJHL, WHL) machen Slowaken und Tschechen eine Mehrheit der zwei erlaubten Ausländer pro Team aus.

Die Statistiken sehen allerdings nicht sehr gut aus für diese. Eine Mehrheit der Europäer wird nie für die NHL gedraftet, nur 20 Prozent bestreiten überhaupt ein NHL-Spiel und aus nur vier Prozent werden etablierte NHL-Spieler, so eine am Summit publizierte Studie der IIHF.

Für den tschechischen Eishockeytrainer Slavomir Lener ist diese Abwanderung der Hauptgrund, wieso Slowaken und Tschechen kaum neue Stars produzieren. Die Abwanderung der besten Talente würde das eigene Nachwuchssystem kaputt machen.

„Wir wollen die Spieler nicht davon abhalten zu gehen. Man muss jedoch aufklären, wie hoch ihre Chancen dort wirklich sind. Oftmals sagen ihnen die Agenten nicht die ganze Wahrheit“, sagte Lener. „Auch die Scheinwahrheit, dass man in die CHL gehen müsse, um gedraftet zu werden, ist falsch. Eine Mehrheit dieser Spieler wird nicht von NHL-Teams gedraftet. Man muss einsehen, dass Europa auch wichtig für die NHL ist. 50 Prozent der Stammtorhüter und ein Drittel der ersten zwei Linien der NHL-Teams sind Europäer. Von den 22 Europäern, die über 1000 Spiele bestritten haben, kam kein einziger über die CHL. Die CHL ist eine grossartige Liga für Nordamerikaner, aber sie ist nicht die beste Liga für europäische Spieler. Das Nachwuchssystem in der Slowakei und Tschechien wird Jahr für Jahr geschwächt. Dieses Jahr hatten wir einen Tiefpunkt, als kein Spieler aus diesen Ländern für die NHL gedraftet wurde. Unsere Spieler müssen sich daheim entwickeln und gehen, wenn sie bereit für die NHL sind.“

Murray Costello, ehemaliger kanadischer Verbandspräsident und NHL-Spieler und heute im IIHF-Vorstand, kritisierte die kanadischen Nachwuchsteams. „Kanada gab der Welt Eishockey, seither ist es ein globaler Sport. In jedem Eishockeyland wird anders gespielt, was faszinierend ist. Wieso wollen die Führer der CHL diese Spieler rüberholen und sie kanadisch spielen lassen? Wir benötigen Eishockey-Ausbildung überall in der Welt“, sagte Murray.

Ein Problem ist dabei das Selbstverständnis in Nordamerika, dass jeder Spieler frei wechseln kann und seinem alten Club nichts schuldig ist. Was rechtlich natürlich auch zweifelsfrei so ist. Auch moralisch mag dies innerhalb von Kanada absolut zutreffen, wo letztendlich die Eltern die Ausbildung bezahlen und die Clubs von ihnen bezahlt werden. In Europa dagegen werden Nachwuchstrainer von den Clubs finanziert, die wiederum durch den wirtschaftlichen Erfolg der Profiteams derselben Organisation finanziert werden. Also nur teilweise durch die Eltern (z.B. Ausrüstung), indirekt aber vor allem durch Matchbesucher, Sponsoren und Mäzene.

Lener spricht von einem demoralisierenden Effekt für europäische Clubs, wenn ausgebildete Spieler schon als Teenager den Club verlassen. Tommy Boustedt, Verantwortlicher für die Nachwuchsarbeit beim schwedischen Eishockeyverband, warnt, dass dies auch andere europäische Länder betrifft.

„Alle schwedischen Top-Spieler verliessen Schweden erst, als sie bereit für die NHL waren. Unser System in Europa ist anders als in Kanada“, sagte Boustedt. „Die Juniorenteams haben keine Einnahmen, sie werden vom Proficlub unterhalten. Die 1. Mannschaft braucht jedoch Nachwuchstalente bei sich bevor sie wechseln, damit deren Ausbildung für sie auch Sinn macht.“

Aus Boustedts Sicht sollten keine Spieler unter 18 Jahre von Europa nach Kanada wechseln und das Ausländerlimit in der CHL auf einen Ausländer reduziert werden. Er kritisiert ausserdem, dass NHL-Clubs ihre gedrafteten Spieler innerhalb von zwei Jahren unter Vertrag nehmen müssen, um die Spielerrechte nicht zu verlieren. „Im neuen Gesamtarbeitsvertrag sollte dies für Europäer auf vier Jahre erhöht werden“, so Boustedt.

Dies entspräche auch den aktuellen Trends. Die in diesem Sommer von NHL-Clubs neuverpflichteten Europäer aus europäischen Ligen hatten ein Durchschnittsalter von 22,3 Jahren, das heisst sie hatten im Schnitt drei bis vier Jahre Zeit nach dem Draftalter, sich in Europa zu entwickeln. Acht dieser 57 Spieler haben dabei bereits vor dem NHL-Trainingslager eine Vereinbarung, dass sie noch ein weiteres Jahr „leihweise“ in Europa bleiben. Mit solchen Verträgen wird die „2-Jahr-Regel“ oft umgangen, dafür kann der Spieler sich in europäischen Profiligen weiterentwickeln anstatt in der Farmteam-Liga AHL.

Während die Europäer ihre Sorgen mitteilten, präsentierten die Nordamerikaner stolz ihre Zahlen. Die CHL bilde rund 50 Prozent sämtlicher NHL-Spieler aus. Die Regeln, der Stil und die Reisetätigkeit seien die der NHL nächstmögliche Ausbildungsmöglichkeit, führte Kelly McCrimmon, Besitzer und Trainer der Brandon Wheat Kings, aus.

In den USA zeigte man sich vor allem stolz auf das „National Team Development Program“, das ganzjährige eine U17- und U18-Nationalmannschaft mit den besten Spielern des Landes zentralisiert und gegen ältere Junioren-Clubs spielen lässt, was als Grund für den wachsenden Erfolg bei den Junioren-Weltmeisterschaften gesehen wird und für mehr amerikanische Spieler in der NHL. Ausserdem ist der Weg über das US-amerikanische Universitäten-Eishockey immer beliebter geworden. Hierfür würden jährlich 30 Millionen Dollar an Stipendien an Hockey-Spieler vergeben.

Sotschi 2014 setzt NHL unter Druck

Im Februar 2014 finden die nächsten Olympischen Winterspiele im russischen Sotschi statt. Auch mit Eishockey. Die einzige Frage ist: Sind auch die NHL-Spieler dabei, indem die NHL-Clubs einer Olympiapause zustimmen wie 1998, 2002, 2006 und 2010? Dies war ein grosses Thema in Toronto.

Die NHL ist dabei von allen Seiten unter Druck. 96 Prozent der Spieler wollen die Olympia-Pause laut einer Umfrage der Spielergewerkschaft NHLPA, womit das Thema in erster Linie ein Verhandlungsthema für 2012 beim nächsten Gesamtarbeitsvertrag ist. Jedoch wünscht sich auch die IIHF und das Internationale Olympische Komitee ein Bekenntnis der NHL. Hinzu kommt, dass die Fernsehzahlen eine klare Sprache sprechen. In Kanada und den USA gab es die höchsten Werte für Eishockey in den letzten 30 Jahren.

Die NHL verliert durch die Pause aber Geld und riskiert, dass sich Spieler – wenn sie auch über die Verbände versichert sein mögen – wenige Wochen vor den Playoffs verletzten, ohne mit der eher kurzfristigen Denkweise einen finanziellen Nutzen aus der Olympiade zu haben. Und selbst wenn das IOC und die IIHF ein paar Millionen locker machen würden, würde das diesen Non-Profit-Organisationen mehr schmerzen als dem Milliardengeschäft NHL einen wesentlichen Nutzen bringen.

Und doch sind die Olympischen Winterspiele eine Bühne, die für die NHL und das internationale Eishockey von unermesslichem Wert sind.

„Die NHL hat eine grossartige Plattform. Jeder weiss, dass die NHL dabei ist. Es ist beste Werbung für die Liga, die Spiele und die Spieler“, sagte Fasel am Summit. „Eishockey kann keine grössere und bessere Plattform als die Olympischen Spiele erhalten. Vancouver 2010 hat für den Sport, die Fans, Spieler und Trainer einen bleibenden Eindruck hinterlassen.“

Die Zahlen, die Timo Lumme vom IOC präsentierten, waren beeindruckend und unvergleichbar mit jedem anderen Eishockey-Event. 235 Fernsehanstalten aus 220 Ländern übertrugen 32 000 Stunden von Vancouver 2010, davon 2465 Stunden Eishockey. 114 Millionen Menschen sahen das Finale des Herren-Turniers zwischen Kanada und den USA – mehr als der Super Bowl. Im Schnitt sahen sich 28,5 Millionen Menschen die übertragenen Eishockey-Spiele an. Alleine in Kanada sahen bis zu 26,5 Millionen Menschen das Herren-Finale und beim Frauen-Finale war der Spitzenwert 19 Millionen.

Lumme zeigte dabei überraschende Fakten. Nicht das Mutterland Kanada zeigte am meisten Eishockey mit 102 Stunden. In Italien wurden 251 Stunden Eishockey übertragen. Und Eishockey kam auch in exotische Länder wie China (4,5 Mio.), Australien (1,6 Mio.) oder Brasilien (1,5 Mio.).

Und schliesslich hat so manche grosse Eishockey-Karriere als kleiner Junge vor dem Fernseher begonnen.

„Das Potenzial, Eishockey an traditionelle und nicht-traditionelle Eishockey-Fans zu übermitteln, wird auch in der Zukunft riesig sein und ist lebensnotwendig für das nachhaltige Wachstum einer Sportart weltweit“, sagte Lumme.

Ob das die NHL-Clubbesitzer auch so sehen, wenn sie denn einmal die NHL-Position bestimmen, ist offen. Auch wenn die NHL von aussen zu einem „Yes“ gestossen wird, hat es allerdings zumindest nie ein „No“ gegeben.

„Die Olympischen Spiele sind für uns ein zweischneidiges Schwert“, liess der NHL-Commissioner Gary Bettman entlocken. „Die Clubs haben gemischte Gefühle. Für einige ist es eine schlechte Idee, andere befinden die Olympiade als sehr wichtig.“

Für die NHL wird es auch davon abhängen, ob sie stärker in die Olympiade eingebunden wird als bislang. Der grösste Druck wird aber von den Spielern kommen. Alexander Ovechkin etwa hatte angekündigt, notfalls „einfach abzuhauen“, um in Sotschi dabei zu sein. Andere Russen wie Afinogenov und Nabokov haben der NHL kürzlich den Rücken gekehrt und langfristige Verträge für um die fünf Millionen Dollar pro Jahr in Russland unterzeichnet, auch um sicher in Sotschi dabei sein zu können. Dies müsste der NHL zu denken geben.

Unterstützung kommt dabei bei weitem nicht nur von europäischen Spielern, sondern auch aus dem nordamerikanischen Lager. „Es ist nicht einfach zu erklären, aber die Olympischen Spiele sind einfach so viel wichtiger als für einen Club oder eine Stadt zu spielen“, sagte Jamie Langenbrunner, der Captain des US-Teams in Vancouver, am Summit. „Es war grossartig, 2010 dabei zu sein und das Erreichen des Finals ist so viel schöner als jedes NHL-Spiel. Die Fans wollen die Besten gegen die Besten sehen und es ist unsere Pflicht, etwas für sie zu tun bei all dem, was sie für uns tun.“

Die alljährliche WM-Diskussion

Eng mit der Olympia-Frage ist auch jene immer wieder auftauchende Frage verbunden, wie viele WM-artige Turniere es überhaupt verträgt. Alle vier Jahre gibt es die Olympischen Winterspiele. Jedes Jahr eine IIHF Weltmeisterschaft. Dazu will die NHL gerne wieder den World Cup of Hockey alle vier Jahre durchführen mit Nationalteams aus NHL-Spielern und im September vor dem NHL-Saisonstart.

Die alljährliche WM ist für das IIHF-System wichtig, das jährlich über 30 zumeist unprofitable WM-Turniere verschiedener Kategorien und Stufen subventioniert. „In Nordamerika versteht man nicht, was diese Weltmeisterschaft bedeutet“, sagte Fasel. „Es ist ein Zelebrieren des Spiels zum Saisonende. Es geht nicht um viel Geld. Es ist nicht das Geld, das uns zum Laufen bringt, sondern die Leidenschaft.“

Als Redner zum Thema eines internationalen Kalenders trat der frühere Schweizer Nationaltrainer Ralph Krueger auf. Er unterschied dabei zwischen Top-Level, d.h. die Olympiade und den World Cup of Hockey, und der Weltmeisterschaft als wichtiges Turnier zur Entwicklung von Spielern und zur Subventionierung der IIHF-Events ausserhalb des Scheinwerferlichts.

Für Krueger müsste dabei der World Cup ebenfalls alle vier Jahre stattfinden und zwar zwei Jahre nach der Olympiade. Bislang fand der World Cup unregelmässig und sporadisch statt, zuletzt 1996 und 2004. In einem Olympiajahr, so schlägt Krueger vor, sollte auf eine Doppelbelastung verzichtet werden und die Weltmeisterschaft zu einer U23-WM werden.

„Die Nationalmannschaft ist für jedes Land wichtig für den Erfolg der Eishockey-Bewegung. Es braucht sowohl Platz für die Ligen wie auch Nationalteams“, sagte Krueger.

Sorgenkind Frauen-Eishockey

Ein weiteres Thema war das Frauen-Eishockey und wie es nach Vancouver 2010 weiter geht. Frauen-Eishockey ist eher jung, wurde in den 90er-Jahren international und ist seit 1998 olympisch. Seither hat sich an der grossen Leistungsdiskrepanz zwischen Kanada und den USA mit dem Rest der Welt wenig geändert. In Vancouver hat der IOC-Präsident Jacques Rogge daher in Zukunft die Streichung von Frauen-Eishockey von der Olympiade zum Thema gemacht, sollten keine Fortschritte sichtbar sein und damit die Eishockey-Funktionäre wachgerüttelt. So sehr, dass dieser Problematik ebenfalls einige Redezeit am Summit gewidmet wurde.

Als Rednerin trat unter anderem die Kanadierin Hayley Wickenheiser, die gemeinhin als beste Eishockeyspieler der Welt gilt, auf. Seit der ersten Frauen-WM 1990 habe sich die Qualität des Frauen-Eishockeys frappant verbessert. „Es gibt jedoch eine unglaubliche Diskrepanz zwischen den jeweiligen Ligen. In einigen Ländern hat man 66 Spiele pro Jahr, in anderen nur zehn“, stellte Wickenheiser fest. „Ausserhalb der besten vier Nationen hört man von den Spielerinnen zudem, wie viel schlechter das Niveau in der Liga im Vergleich zum Nationalteam sei. Dies macht es schwierig, die Spielerinnen weiterzuentwickeln.“

Ausserdem hätten nur sieben nationale Verbände eine Person angestellt, die sich um die Entwicklung des Frauen-Eishockey kümmern. Dass die Schweiz in der Frauen-Weltrangliste und in Vancouver den fünften Rang erreicht hat, ist daher umso erstaunlicher, denn dahinter steckt vor allem eines: Fronarbeit.

Am Summit hat die IIHF angekündigt, weitere zwei Millionen Dollar vom Budget ins Frauen-Eishockey zu stecken, sofern die Landesverbände dies am Kongress im September annehmen.

Geld alleine genügt aber nicht, falls Frauen-Eishockey sich insbesondere in Europa und Asien weiterentwickeln soll. Die IIHF ist nur die Spitze der Pyramide, darunter ist die Arbeit der Landesverbände gefragt, vor allem aber von deren Clubs.

Die Frage, ob ein Club Frauen-Teams haben soll, wird von Land zu Land und von Club zu Club unterschiedlich beantwortet. Viele NLA-Clubs interessieren sich wenig für Frauen-Eishockey oder haben nicht einmal ein Frauen-Team. Wirkliche Ambitionen zeigen von den NLA-Clubs nur Lugano und die ZSC-Organisation. Diese Teams kämpfen regelmässig um den Titel der Frauen-Liga, wo auch sonst weniger bekannte Clubs wie der DHC Langenthal oder der SC Reinach im Titelkampf mitmischen.

Während einige Clubs zum Thema Frauenhockey kneifen, sehen sich andere Clubs schuldig, Frauen und Mädchen gleiche Möglichkeiten zum Eishockey-Spielen zu ermöglichen. Dies nicht ohne Grund, denn hinter den meisten Eishockey-Stars stehen sowohl Väter wie auch Mütter, welche die Karriere ermöglichten und unterstützten, vom Material bis zum Wäschewaschen und Autofahrten zu Trainings und Spielen. Dass man beiden Geschlechtern entsprechende sportliche Möglichkeiten anbietet, ist aber nicht bei allen Clubs eine Selbstverständlichkeit oder zumindest Notwendigkeit.

Nicht nur die IIHF, auch der Schweizer Verband hat nach dem 5. Platz an der Olympiade und der Rogge-Schelte reagiert und will Frauen-freundlicher werden. Ein Zeichen wurde dabei sofort gesetzt: Die Schweiz hat sich im Frühling erstmals für die Frauen-WM beworben und wird diese im April 2011 in Zürich und Winterthur veranstalten.

Wickenheiser nimmt dabei aber auch Kanada und die USA in die Pflicht zur internationalen Entwicklung. Wie die NHL im Männerhockey sollten auch die Profiligen im Frauen-Eishockey weiter ausgebaut werden und für Spielerinnen, auch aus Europa, attraktiver werden. Denn momentan kommen zwar viele Spielerinnen aus Europa, auch Schweizerinnen, nach Nordamerika und spielen in College-Teams, beenden aber nach erfolgtem Studium oft ihre sportlichen Ambitionen und setzen auf den Beruf.

Aus eigenen Erfahrungen empfiehlt Wickenheiser zudem Frauen-Teams Spiele gegen Juniorenteams des anderen Geschlechts auszutragen. „Dies hilft extrem in der spielerischen Entwicklung“, sagte Wickenheiser.

Sollte Frauen-Eishockey in vier oder eher acht Jahren Olympia-tauglicher werden, benötigt es aber vor allem eins: Akzeptanz und Ambitionen in der Eishockey-Szene der jeweiligen Länder und vor jenen allem ausserhalb Nordamerikas. Gleichwohl darf aber nicht vergessen, dass es eine Angelegenheit von nicht nur dem Angebot, sondern auch der Nachfrage ist. Ob diese in allen Ländern und Kulturkreisen vorhanden ist, darf dabei hinterfragt werden.

Nach den Worten die Taten?

Der Summit war insofern ein Erfolg, weil er wichtige Akteure zu den jeweiligen Themen vor einem Fachpublikum zusammenbrachte, zu denen etwa auch Peter Lüthi und Sean Simpson vom Schweizer Verband zählten. Nun gilt es, aus den gewonnenen Erkenntnissen Fazit zu ziehen und auf den verschiedenen Kontinenten Taten folgen zu lassen.