NHL-Trends: Weg mit dem Mittelstand

Von Thomas Roost, Central Scouting Europe / NHL

Drei-Sterne-Hotels*** sind unter Erfolgsdruck. Es mehren sich die Anzeichen, dass sie mehr und mehr von der Bildfläche verschwinden. Ein ähnlicher Trend ist in der NHL zu sehen. Doch dazu später.

In der Tourismusbranche ist seit längerer Zeit ein Trend hin zu Fünfsterne-Plus-Hotels einerseits und zu günstigen Schnäppchenhotels andererseits zu erkennen. Zahlungsfähige Klienten wollen nur das Beste und der Preis spielt hierfür eine untergeordnete Rolle. Gleichzeitig werden aber auch sehr pragmatisch Hotelzimmer ausgewählt, zum Teil von derselben Klientel, situationsbedingt. Praktische, saubere Hotels ohne Schnörkel, ohne ungewünschte Servicedienstleistungen zu einem vorteilhaften Preis „boomen“ ebenso wie die „High-End-Häuser“. Mittelklassehotels mit mittelmässigem Komfort und mittelmässigem Service kämpfen mehr und mehr ums Überleben.

Wieso dieser Exkurs in die Tourismusbranche? Ein sehr ähnliches „Kaufverhalten“ ist jüngst in der NHL zu beobachten. Die GMs sind einerseits bereit, für die absoluten Top-Spieler Höchstpreise zu bezahlen. Die mittelmässigen Spieler haben hingegen einen sehr schweren Stand in den Vertragsverhandlungen und werden mehr und mehr durch so genannte „Schnäppchenspieler“ ersetzt. Spieler die nur unwesentlich schwächer sind als die Mittelklasse – falls überhaupt – und aber bereit sind, für einen „Dumpingpreis“ in der NHL zu spielen. Verzeihen Sie mir das Wort „Dumpingpreis“ wenn wir von sehr gut bezahlten Spitzensportlern sprechen, aber ich möchte dies ganz einfach in Relation stellen zu dem was ansonsten in den NHL-Vertragsverhandlungen abgeht (Beispiel Kovalchuk-Deal). Leidtragende dieser Entwicklung sind mittelmässige NHL-Spieler die auf Verträge in der Höhe zwischen 2 und 3 Millionen Dollar hoffen. Solche Verträge sind aktuell sehr schwer zu erhalten weil sich die GMs ausrechnen, dass es ebenso gute Spieler gibt die auch für ein Salär zwischen 500´000 und 800´000 unter Vertrag genommen werden können. Beispiel hierfür: Der Finne Niemi, Stanley-Cup-Sieger mit den Chicago Blackhawks, ein 2.7 Mio-Mann, tut sich sehr schwer, irgendwo unterzukommen. Martin Gerber, neuerdings „nur“ noch ein 0.6 Mio-Mann, hat bereits einen Vertrag bei den Edmonton Oilers.

Hinsichtlich der Salary-Cap-Problematik (reglementarische Salärobergrenze für die Gesamtlohnsumme) gewinnt das wirtschaftliche Denken bei den Vertragsverhandlungen mit Ergänzungsspielern immer mehr an Bedeutung. Gewinner in diesem GM-Strategiewechsel sind gute Spieler aus den europäischen Ligen einerseits und junge hoffnungsvolle eigene Spieler - so genannte „Draftees“ - andererseits. Bleiben wir bei den Europäern. Die Beispiele Blindenbacher und Gerber sind sehr typisch für diese Entwicklung. Dallas steht im Umbruch und hat kurzfristig keine Ambitionen. Dallas wird über den Draft mittelfristig ein neues Team aufbauen. In einer solchen Situation ist es widersinnig, für mittelmässige NHL-Verteidiger Millionenbeträge auszugeben. Forderungen dieser Art werden vom Management kalt lächelnd und ohne Kommentar zurückgewiesen. Ersetzt werden diese Spieler durch eigene Draftpicks und ergänzt durch den einen oder anderen Europäer der bereit ist, für deutlich weniger als 1 Million Dollar zu spielen. Exakt dasselbe gilt für die Edmonton Oilers. Die Oilers sind bereits weiter im Aufbauprozess als die Dallas Stars. Die jungen Spieler (Hall, Pääjärvi-Svensson und ansatzweise auch Eberle), sind positioniert und werden im nächsten Draft hoffentlich durch ein weiteres Supertalent ergänzt. In zwei Jahren spielen die Oilers wieder um einen Playoff-Platz, aber vermutlich noch nicht in diesem Jahr. Soll man in einer derartigen Situation viel Geld ausgeben für einen Nr. 2-4-Goalie? Selbstverständlich nicht. Martin Gerber bietet sich in dieser Konstellation als hervorragend geeignet an. Ein solider Goalie, charakterstark und günstig. Ein Schnäppchen für die Oilers: Wenig Geld ausgegeben, kein Risiko. Ein Schnäppchen ist es aber auch für die Spieler Blindenbacher und Gerber. Beide stehen mit diesen Deals im Schaufenster der NHL und haben die theoretische Chance, sich mit guten Leistungen für einen weit höher dotierten Nachfolgevertrag zu empfehlen. Dieses Szenario würde aus heutiger Sicht allerdings überraschen. Ich glaube nicht, dass Dallas oder die Oilers grosse Mittelfristpläne hegen mit ihren Schweizer Verpflichtungen. Trotzdem sind die Deals aus Schweizer hoch einzuschätzen. Es ist als Zeichen des Fortschritts zu werten, wenn einige unserer Spieler als „Ausverkaufs-Schnäppchen“ in den Einkaufstaschen von NHL-Teams landen.

Bei Roman Wick beurteile ich jedoch die Situation als tendenziell anders. Er hat reelle Chancen, sich für einen lukrativen Nachfolgevertrag zu empfehlen. Aktuell ist er aber auch nicht mehr – und auch nicht weniger – eine Art Testspieler, d.h. ein Spieler der so gut ist, dass man ihm einen Vertrag gibt, aber (noch) nicht so gut, dass dieser Vertrag echt lukrativ und langfristig ausgelegt ist. Vermutlich werden mehr und mehr Schweizer und Deutsche solche Vertragsangebote erhalten. Dies verkompliziert die strategische Planung für die Teams in unserer Liga, denn kaum ein Spieler wird künftig einen Vertrag ohne NHL-Ausstiegsklausel unterschreiben. Wer will es ihnen vergönnen? Der Lockruf NHL ist noch immer das „Nonplusultra“ für jeden Hockeyspieler und wenn sich die Tür öffnet, dann muss man die Chance auch packen. Wie gesagt, all dies ist auch ein Zeichen des Fortschritts für die Qualität unserer Spieler. Ein Fortschritt zwar, aber noch kein Durchbruch. Von einem Durchbruch und dem letzten Schritt zum erweiterten Kreis der absoluten Weltklasse fehlen uns ein halbes Dutzend Spieler, die bei NHL-Vertragsgesprächen den Verhandlungsverlauf selbstbewusst mitbestimmen können, d.h. Spieler bei denen es darum geht, ob sie für 4, 5 oder 6 Millionen Dollar pro Saison unterschreiben. Oder wie wärs mit einem Schweizer Spieler bei dem das NHL-Schiedsgericht den Vertrag annullieren muss, weil der Spieler so begehrt ist, dass die Verhandlungspartner die Gesamtarbeitsvertragsabsichten virtuos umkurven?

Puck-Dreams

Der Schweizer NHL-Scout Thomas Roost hat diesen Sommer die neue Auflage von "Puck-Dreams - Der steinige Weg in die „Big League“,die legendäre NHL" veröffentlicht und befasst sich unter anderem mit dem Thema Schweizer und die NHL. Er sucht nach Gründen, wieso sich bis jetzt erst sehr wenige Schweizer Spieler in der NHL durchsetzen konnten. Darüber hinaus findet der Leser Erkenntnisse aus der übergeordneten Talentmanagement-Forschung. Wie wird aus einem Talent ein Weltklasse-Performer? Es finden sich wertvolle Tipps für Eishockeytalente und alle die das Ziel haben, in ihrer Disziplin Weltklasse werden zu wollen.

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