Fotos von Werner Krainbucher, puckfans.at









Eindrücke von den Junioren-Turnieren

Von Thomas Roost, Central Scouting Europe / NHL

Der Sommer bringt jedes Jahr mehr Hockey als man denkt, denn die in alle Ligen der Welt verstreuten Nachwuchstalente versammeln sich in dieser Jahreszeit meist ohne Ausnahme in ihren Juniorennationalteams. Der Ivan Hlinka-Memorial World Cup U18 ist zudem das einzige internationale Juniorenturnier der gesamten Saison in dem wir das bestmögliche U18-Team Kanadas bewundern können. Viele potenzielle Erstrundenpicks für den NHL-Draft 2011 geben sich ein Stelldichein. Auch einige der U20-Nationalteams messen sich zu meinem Glück im Sommer oft in Europa, so dass ich Mitte August bereits über ein Dutzend höchst interessante internationale Juniorenspiele gesehen habe. Welches sind die ersten Rauchzeichen für die kommenden NHL-Drafts? Gibt es neu aufgetauchte potenzielle Starspieler? Welche Rolle spielen die Schweizer in diesem Spielerroulette?

Eines vorweg: Spieler in der Klasse eines Sidney Crosby sind keine gesichtet worden. Nicht umsonst galt der kanadische „Posterboy“ als Jahrzehntetalent und dieses Talent hat er bereits eindrücklich bestätigt. Der interessanteste Mann aus Europa für den nächsten Draft ist der schwedische Verteidiger Adam Larsson. Er ist vermutlich noch besser als Viktor Hedman, No.2-Overall-NHL-Draftpick 2009. Larsson ist allerdings ein später 92er, so dass ich ihn in diesem Sommer noch nie habe spielen sehen. Trotzdem war er Gegenstand der meisten Spielerdiskussionen im Rahmen dieser Sommerturniere. Die interessantesten Erkenntnisse am Ivan Hlinka Memorial-U18-Turnier aus Schweizer Sicht: Die Schweiz hat nach den positiven Juli-Ergebnissen gegen Deutschland auch gegen die Slowakei gezeigt, dass mit dieser U18-Mannschaft ein Abstieg in die B-Gruppe unwahrscheinlich ist. Dieser Jahrgang hat sogar einen kleinen Vorsprung auf die Altersgenossen der aktuell direkt konkurrierenden Nationen wie z.B. Deutschland und die Slowakei. Ebenso klar hat sich gezeigt, dass der Abstand zur absoluten Weltspitze weiterhin sehr erheblich ist. Gegen Kanada waren unsere Jungs chancenlos und gegen Schweden wurden wir einmal mehr richtiggehend vorgeführt. Es resultierte zwar keine zweistellige Niederlage mehr wie meistens in den beiden Vorjahren, aber wenn die Schweden ihre 93er-Mannschaft an der U18-WM mit den besten 94er-Talenten veredeln, dann schaut es noch schlimmer aus für unser Team. Insgesamt hat sich gezeigt, dass unsere diesjährige U18-Nationalmannschaft läuferisch stärker ist als andere Jahrgänge und diesbezüglich auch gegen die besten Nationen im Durchschnitt nicht sehr stark abgefallen ist. Hinsichtlich Physis (vor allem Körpergrösse und Gewicht) und Scheibenkontrolle (Scheibenannahme, Passgenauigkeit, offensive Eins-gegen-Eins-Situationen, Schussqualität) liegen wir aber gegenüber der Weltspitze deutlich zurück. Diesbezüglich hat sich nichts verändert gegenüber den Vorjahren. Im Hinblick auf die Draftaussichten glaube ich aus heutiger Sicht ebenfalls nicht, dass wir im nächsten Draft wieder mehr Schweizer Spieler sehen werden als in den letzten Jahren. Neben Sven Bärtschi – der wie Nino Niederreiter den Weg nach Portland in die WHL gefunden hat – ist es höchst unsicher, ob weitere Schweizer vom eigentlichen Draftjahrgang gezogen werden. Der Zürcher Verteidiger Dean Kukan hat zwar in vielen Szenen sein grosses Talent hinsichtlich Spielverständnis und Gelassenheit unter Beweis gestellt und ich wurde auch von einigen Scouts in Gespräche über ihn verwickelt. Im Spiel gegen Schweden hatte er aber drei, vier „Shifts“ die grosse Sorgenfalten auf unsere Stirnen der getrieben haben.

Die interessantesten Erkenntnisse aus internationaler Sicht: Russland hat für den nächsten Draft kaum Spieler, die in Frage kommen. Dieser Jahrgang ist vermutlich der schwächste den ich je bei Russland gesehen habe. Die besten Talente in dieser Mannschaft sind so genannte „Underager“ (2012-Draft), allen voran der „Entertainer“ Nail Yakupov, unglaublich wie er mit der Scheibe zaubert, unglaublich seine Körpertäuschungen, sensationell sein Skating. Von der individuellen Klasse her gesehen ist Nail Yakupov ein Supertalent. Es gibt aber auch sehr dunkle Seiten in seinem Spielerprofil. Er ist leicht zu frustrieren, im Spiel ohne Scheibe taugt Yakupov erst für eine Bierliga und er neigt zu überlangen „Shifts“, d.h. er bleibt ganz einfach auf dem Eis, auch wenn er müde ist. Ein anderer interessanter Spieler aus Russland ist der 94er Center Mikhail Grigorenko. Er ist hünenhaft gebaut und dominiert vor allem mit seiner Physis, aber er hat auch gute Skills. Weil sein Body bereits sehr ausgereift scheint, stellt sich bei ihm die Frage, wie viel „Upside“ er noch hat? Zudem gibt es – ähnlich wie teilweise bei den nigerianischen Juniorenfussballern – Gerüchte um seinen Jahrgang. Es kann durchaus sein, dass der 94er Grigorenko effektiv ein 91er oder 92er ist... Die Tschechen sind in diesem Jahr stärker als in den letzten Jahren. Vielleicht eine erste scheue Trendwende zum Guten nach vielen Jahren der Enttäuschungen auf Juniorenstufe in dieser traditionellen Eishockeynation. Schweden hat bei den 93ern keinen besonders guten Jahrgang. Trotzdem war ich von der Qualität aller schwedischen Verteidiger beeindruckt. Vier oder fünf dieser schwedischen Verteidiger haben sehr realistische Draftchancen! Bei Kanada hat mir Ryan Nugent-Hopkins am besten gefallen. Extrem flink, mobil und schnell wie er skatet, seine Beschleunigung aus allen noch so extremen Situationen ist erstklassig. Exzellent seine Scheibenbehandlung, sein ansatzloser, schneller Schuss und vor allem eindrücklich wie er das Spiel liest und Passlinien wie kaum ein anderer findet. Nugent-Hopkins ist ein „High-End-Prospect“. Er hat das Potenzial zum Starspieler in der NHL. Ganz im Gegensatz zum Russen Grigorenko wirkt seine Körperreife noch sehr kindlich. Nugent-Hopkins bringt trotz einer akzeptablen Grösse von 183cm erst 73kg auf die Waage und wenn man sich vorstellt wie er sich in einem ausgewachsenen Körper von mindestens 85kg auch physisch noch besser in Szene setzen kann, dann gerät man ins Schwärmen. Ebenfalls beeindruckend die Vorstellungen des Powerforwards Brett Ritchie und der schnellen und kompromisslosen Stürmer Matt Puempel und Daniel Catenacci. Die USA ist nicht mit ihrem Top-Team angetreten, dieses wird dann – im Gegensatz zu Kanada – an der WM zu sehen sein. Trotzdem konnte die USA in diesem Turnier an der Spitze mithalten, was ein sehr eindrücklicher Beweis für die Qualität der Ausbildung in diesem Land ist. Goalies haben keine so richtig überzeugt. Darum die Vorhersage aus heutiger Sicht: Auch im nächsten Juni wird es keinen eigentlichen Goaliedraft geben, d.h. nur wenige Goalies werden in einer frühen Runde gezogen werden. Dies meine Analyse aus heutiger Sicht. Die Saison wird lang und am Ende stehen sehr oft andere Namen im Vordergrund als zu Beginn der Saison; dies ist mehr als nur eine These. Trotzdem macht es Sinn und Spass, sich bereits am Anfang der Saison ein mögliches Ranking zurechtzulegen.

Bei der Zusammenfassung des U20-Turniers in Arosa beginne ich mit einer etwas gefährlichen Feststellung: Die Schweiz hat mir von allen Teams am besten gefallen. Gefährlich ist dies darum, weil uns einerseits Tschechien besiegt hat und andererseits die Slowakei an der WM mit einer weitgehend veränderten, besseren Mannschaft antreten wird. Auch die Deutschen – die Schweiz hat gegen Deutschland knapp 3:2 gewonnen – sind ohne ihre drei besten Stürmer Rieder, Kühnhackl und Höfflin angetreten. Das diesjährige Deutschland U20-Team in Vollbestand ist mindestens so gut wie unsere Mannschaft. Unser Team hat Probleme in der Verteidigung, insgesamt hat mir die Vorstellung der Schweizer aber gut gefallen. Sehr positiv beeindruckt bin ich von den unglaublichen Fortschritten von Grégory Hofmann, dem Ambri-Stürmer. Beeindruckend wie er sich in den letzten 18 Monaten verbessert hat. In Arosa hat er bereits zu den allerbesten Schweizer Stürmern gehört. Ebenfalls gefallen hat mir die energiegeladene Vorstellung von Tristan Scherwey. Irgendwie hat man gespürt, dass er bereits eine Saison auf höchstem Niveau im Team des SCB gespielt hat. In Arosa konnten neben dem etwas überbeansprucht wirkenden Nino Niederreiter auch zwei weitere Diamanten bewundert werden. Zwei Spieler denen ich Erstrundenpotenzial für den kommenden Draft zubillige. Einerseits ist dies der tschechische Verteidiger David Musil, Sohn der NHL-Legende Franky Musil. Franky Musil, heute als Scout in Diensten der Edmonton Oilers, ist eine der schillerndsten Persönlichkeiten in der Scouting-Community, ein phantastischer Typ, bescheiden und immer guter Laune. Wenn sein Sohn David auch nur einen Teil des Persönlichkeitsprofils seines Vaters adaptiert, dann wird er eine grosse Zukunft als Hockeyspieler haben. Technisch gesehen ist David Musil ein exzellenter Defensivverteidiger der jüngst auch eine zweite Dimension in seinem Spiel gefunden hat. Er ist dabei, sich zum Zweiwegverteidiger zu entwickeln. Der Slowake Tomas Jurco hat in Arosa sehr unausgeglichen gespielt. Manchmal hat man ihn für lange Zeit gar nicht gesehen, zwischendurch zeigte er aber mit dem Puck am Stock Müsterchen im höchsten Tempo gezeigt die indizieren, dass er das Potenzial zum Erstrundendraft mitbringt. Tomas Jurco, ein exzellenter Skorer mit einem sehr hohen Skill-Level. Jetzt muss er nur noch etwas an Muskelkraft zulegen und beständiger werden.

An der U20-WM wird die Schweiz trotz meiner positiven Eindrücke in allererster Linie gegen den Abstieg spielen und dies liegt vor allem daran, dass die Slowaken und die Deutschen überdurchschnittliche Jahrgänge an den Start bringen werden. Die U20-WM wird sehr anspruchsvoll für unsere Jungs, denn wer glaubt, dass Siege gegen Grosse zur Normalität und Siege gegen gleichwertige Gegner zur Routine werden, der verkennt die Tatsachen! Siege gegen grosse Nationen bleiben mindestens vorläufig nur Ausnahmen. Schön, wenn es irgendwann in der Zukunft nicht mehr so sein wird; davon sind wir aber noch ein gutes Stück entfernt.

Puck-Dreams

Der Schweizer NHL-Scout Thomas Roost hat diesen Sommer die neue Auflage von "Puck-Dreams - Der steinige Weg in die „Big League“,die legendäre NHL" veröffentlicht und befasst sich unter anderem mit dem Thema Schweizer und die NHL. Er sucht nach Gründen, wieso sich bis jetzt erst sehr wenige Schweizer Spieler in der NHL durchsetzen konnten. Darüber hinaus findet der Leser Erkenntnisse aus der übergeordneten Talentmanagement-Forschung. Wie wird aus einem Talent ein Weltklasse-Performer? Es finden sich wertvolle Tipps für Eishockeytalente und alle die das Ziel haben, in ihrer Disziplin Weltklasse werden zu wollen.

Bestellbar im Bücher-Shop auf hockeyfans.ch für 16 Franken inklusive Porto.