Kommentar: Nachgeben gilt nicht

Von Urs Berger

Im Streit der Rapperswil-Jona Lakers und deren Fangruppierung der Szene Rappi brodelt es nicht erst seit gestern. Dass nun der Streit eskaliert ist, erstaunt nicht. Denn die verschiedenen Ansichten der beiden Kontrahenten könnten grösser nicht sein. Auch die Bewältigung der gemeinsamen Probleme wird sehr unterschiedlich angegangen. Während die Szene nach einer Sitzung genug hat, bemüht sich die Führung der Lakers den Ball flach zu halten und versucht sich in Schadensbegrenzung. Doch wo liegt das Problem bei den Rapperswil-Jona Lakers und deren Fans? Das Problem liegt in der Bereitschaft Kompromisse einzugehen und diese auch zu leben. Doch von Beginn an einen Katalog mit Forderungen aufzustellen, zu enge Grenzen zu setzen und ja kein Abweichen zu dulden, zeugt nicht von wirklicher Verhandlungsbereitschaft der Geschäftsführung. Auch die Szene Rappi kann mit ihrer sturen Haltung nicht überzeugen. Dass man nicht bereit ist, sich der Gewalt zu entsagen und auch nicht bereit ist, Fanmitglieder bei der Geschäftsleitung bei solchen Delikten anzuschwärzen kann nicht hingenommen werden. Denn dies hat nichts mit Sport oder mit Fanatismus zu tun. Dies darf von beiden Seiten nicht hingenommen werden uns ist zu verurteilen. Wie sieht es jedoch aus, bei Umzügen mit Pyro und deren Abbrennen ausserhalb der Stadien? Hier sollte der Verein bereit sein, einen Kompromiss einzugehen. Wieso nimmt sich die Leitung der Lakers nicht die Beispiele des SC Bern zu Herzen? Denn dort gelang es der Geschäftsführung, den Umzug der Fans vom Bahnhof Fribourg nach dem Stadion in einigermassen geordnete Bahnen zu leiten. Dabei half auch, dass man mit den Beteiligten das Gespräch suchte, die Grenzen absteckte und klare Linien aufzeigte. Beide Seiten mussten dabei, auch unter politischem Druck, Kompromisse eingehen. In Bern scheint dies nun zu funktionieren. Doch in Rapperswil scheint keiner der Beteiligten bereit zu sein, etwas nachzugeben. Für was auch. Denn es geht ja nicht um den Verein. Es geht ja nur um die Fans. Und diese kann man beliebig auswechseln. Oder doch nicht?
Rappis Fanbewegung steht vor einem Scherbenhaufen

Von Pascal Zingg

Die Szene Rappi, die grösste Fanbewegung im Umfeld der Rapperswil-Jona Lakers, gab Ende Juli ihre Auflösung bekannt. Nach jahrelangem Seilziehen ist es dem Verein und den Fans nicht gelungen einen gemeinsamen Konsens zu finden.

Der Konflikt in der Rapperswiler Fanszene begann vor fünf Jahren, als das Management des damaligen SC Rapperswil-Jona die Umbenennung in Rapperswil-Jona Lakers bekannt gab. Bekanntlich wurden damals auch die Trikotfarben und das Logo geändert. Im schnelllebigen Eishockey-Business werden Spieler und Trainer immer wieder ausgetauscht. Das Einzige was beständig ist, sind deshalb Namen, Logo und Farben. In den Augen einiger Anhänger war das Rebranding des Vereins deshalb ein Verrat an der Tradition. Das Gros dieser Fans organisierte sich zunehmend in der Szene Rappi. Diese war als loser Zusammenschluss der Fanclubs Crazybirds, Obere Eggä und den Fanatics entstanden. Im Gegensatz zum offiziellen Lakers-Fanclub erfreute sich die Szene Rappi einem grossen Zulauf, weshalb sie die Oberhand in der Fankurve der Lakers hatte.

Die Stimmungsmacher

Ein wichtiges Merkmal der Szene Rappi war, dass sie immer und überall dabei war, wo die Lakers spielten. Selbst zu Trainingslagern im nahen Ausland wurden Fanreisen organisiert. Wurden die Rapperswiler früher als Fanmuffel wahrgenommen, entstand in den letzten Jahren eine sehenswerte Fankultur. So wurden auch die Stehplätze in den Auswärtsstadien immer besser gefüllt. Im Sinne einer ultraorientierten Fangruppierung begann man auch eigene Fanartikel zu produzieren. Fanartikel, die bei den Fans sehr beliebt waren. Vor allem die Schals waren immer sehr schnell ausverkauft, währenddem diejenigen der Lakers zu Ladenhütern wurden. Neben dieser positiven Stimmung gab es allerdings auch immer wieder Leute, die durch ihre Gewaltbereitschaft auf sich aufmerksam machten.

Streitereien mit dem Verein

Die Szene Rappi war der Geschäftsleitung der Lakers immer ein Dorn im Auge. Aus ideologischer Sicht wagten sie es das Konzept von Lakers-Vater Bruno Hug anzuzweifeln. Beim Streit um die Farben machte die Vereinsleitung selten eine gute Figur. Bruno Hug wünschte sich mehrmals eine eisblaue Kurve, ähnlich wie die gelb-blaue Kurve in Davos. Ihm war dabei entgangen, dass es bereits zu SCRJ-Zeiten wenige Fans mit Trikots in der Kurve hatte. Anstatt einen Konsens mit der Szene Rappi zu finden und den SCRJ als Teil der eigenen Geschichte zu akzeptieren, begann eine Schlammschlacht gegen die Szene Rappi. Die Clubleitung ging soweit, dass Spieler den Fans sagten, man wolle ihren Support nicht mehr. Man warf der Szene vor, sie würde Lakers-Fans und Sponsoren vergraulen. Ausserdem wolle man dem Club um jeden Preis schaden. Die Szene Rappi machte ihrerseits negative Schlagzeilen, indem Leute aus ihrem Umfeld bei Ausschreitungen dabei waren. Aufgrund der Gewaltprobleme machte die Szene immer wieder in den Medien negative Schlagzeilen. Alsbald kam man als schwarzer Block in Verruf. Diese negativen Schlagzeilen führten schliesslich zu einem Krawalltourismus, der 2007 nach einem Fribourg-Spiel in einem hässlichen Scharmützel mit der Polizei endete. Die Szene Rappi erkannte nun das Problem und versuchte mit einer Selbstregulierung das Problem in den Griff zu kriegen. Die Ausschreitungen sind seither etwas weniger geworden. Auch konnte der Verein durch ein verbessertes Sicherheitsdispositiv die Ausschreitung vor dem Stadion weiter eindämmen.

Verein will null Toleranz

In jüngster Vergangenheit verabschiedete sich mit Bruno Hug der ärgste Widersacher der Szene Rappi aus der Clubleitung. Einige vermuteten eine Entspannung des Konfliktes. Dies traf jedoch nicht ein. Wie sehr sich die Clubleitung an der Szene Rappi störte, zeigt sich im aktuellen Aktionärsbrief. Die Probleme mit der Szene Rappi werden darin gross aufgegriffen. Die Fanprobleme sind dem Club anscheinend gar wichtiger als der finanzielle Verlust und der sportliche Misserfolg. Anders ist nicht zu erklären, dass diese beiden Punkte im angesprochenen Brief weniger genau untersucht werden als die Probleme mit der Fangruppierung. Im Brief werden die Verfehlungen vom Club genau aufgelistet. „Die Szene Rappi tritt nur unter SCRJ und mit eigenen Clubfarben auf, spaltet mit ihrer Anti-Club- und Anti-Lakers-Haltung die Fans, verärgert Sponsoren und Sympathisanten, fördert mit ihrer Anti-Haltung die Aggression unter den Jugendlichen, stösst friedliche Jugendliche ab und erschwert eine dem Club zugeneigte Fankultur, betreibt einen eigenen Fanartikelhandel, macht den Club in der Schweiz unbeliebt“, heisst es reisserisch im Aktionärsbrief. Dabei wird auch ein Massnahmenkatalog vorgeschlagen, was man von der Szene Rappi verlangt. Sollte die Szene diese Forderungen nicht erfüllen, werde man die Stehplätze verkleinern. Die Szene Rappi ging auf diese Forderungen ein und machte geltend, dass man nicht in der Lage sei für rund 400 Leute zu garantieren. Ausserdem sei man nicht für die Überführung von Gewalttätern zuständig.

„Wir wollen keine Zensur!“

Unter der Leitung des neugewählten Verwaltungsrates Christian Stöckling arbeitete der Club darauf hin einen neuen Massnahenkatalog aus, den die Spitze der Szene Rappi unterschreiben sollte. Dieser Massnahmenkatalog spricht die beiden Streitpunkte Farben und Gewalt an. In Sachen Farben sollte die Szene Rappi unter anderem die Lakers akzeptieren und keine Aktionen mehr gegen das neue Erscheinungsbild starten. Ausserdem sollte man auf die Produktion eigener Fanartikel verzichten. Im Gegenzug würde der Verein eine Retrolinie lancieren und drei Fahnen mit dem alten Logo zulassen, wenn diese auch ein Lakers-Logo enthalten. Damit zeigte der Verein immerhin, dass man sich ein Miteinander von Lakers und SCRJ vorstellen kann. Mit dem Bewilligen genau dreier Fahnen mit SCRJ- und Lakerslogo verhöhnt den Gedanken einer freien „Farbwahl“ jedoch gleich wieder. Dieser Meinung ist auch Kevin Rückmar. „Wir können keine Einschränkungen von Anzahl und Grösse der SCRJ-Fahnen akzeptieren. Ausserdem führt die Vereinbarung eine Zensur ein. Wir könnten beispielsweise nicht mehr mit Spruchbändern gegen Missstände in der Vereinsleitung protestieren“, gibt uns das Mitglied des Szene-Vorstands zu Protokoll. In Sachen Gewalt liess der Verein nicht gross mit sich reden. Die Verantwortlichen verlangten von der Szene Rappi, dass man Mitglieder, die in Gewaltdelikte verwickelt werden ausschliesst und die Personalien dem Verein zur Verfügung stellt. Ausserdem soll die Szene Rappi mit den Behörden und dem Club zusammenarbeiten um fehlbare Personen ausfindig zu machen. „Wir können nicht die Aufgaben der Polizei oder der Security übernehmen. Ausserdem gibt diese Vereinbarung dem Club die Freiheit, Druck auf den Vorstand auszuüben, falls wieder einmal etwas passiert“, meint Rückmar zu diesen Forderungen. Von Seiten des Clubs ist derweil zu hören, dass die Szene Rappi diesen Punkt falsch interpretiert habe. Man wolle lediglich, dass die Szene Rappi bei der Aufklärung der Gewaltfälle mit dem Club zusammenarbeite, meinte Christian Stöckling auf Anfrage. Als Beispiel gibt er einen Zwischenfall aus der letzten Saison an. Ein HCD-Fan wurde nach einem Spiel am Bahnhof zusammengeschlagen und erlitt einen Schädelbruch. Laut Stöckling kannte die Spitze der Szene Rappi die Täter, wollte diese dem Verein aber nicht mitteilen. Dieser Vorwurf wird seitens der Szene entschieden zurückgewiesen.

Wie weiter?

Nach dem Zusammenbruch der Szene Rappi stellt sich die Frage, wie es in der Fankurve der Lakers weitergehen soll. Christian Stöckling meinte auf eine Anfrage: „Die Auflösung der Szene Rappi, die uns in einem Newsletter mitgeteilt wurde, kommt für uns ebenso überraschend, wie der einseitige Abbruch des Dialoges seitens der Szene Rappi nach nur einer Sitzung. Wir hoffen, dass dieser Schritt dazu führt, dass die nicht gewaltbereiten Mitglieder der Szene Rappi, zusammen mit dem Lakers-Fanclub, eine neue Fankultur im Umfeld der Rapperswil-Jona Lakers aufbauen können. Eine Fankultur ohne Gewalt, geprägt von Stolz auf unser Erbe als SCRJ und auf unsere Gegenwart und Zukunft als Lakers. Der Club wird diese bereits begonnen Bemühungen nach Kräften unterstützen.“

Die Last der moralischen Unterstützung der Mannschaft scheint somit in erster Linie in der Hand des offiziellen Fanclubs zu liegen. Dieser blickt zwar auf eine 30-Jährige Tradition zurück, trat in den letzten Jahren aber kaum in Erscheinung. Vor allem auswärts ist man kaum präsent. Selbst bei Gratisfahrten fanden in der letzten Saison nur wenige Anhänger den Weg ins Stadion. Auch in Sachen Stimmung ist vom offiziellen Fanclub wenig zu erwarten. Viele Mitglieder besuchen die Spiele aus Liebe zum Sport und wollen sich nicht unbedingt die Seele aus dem Leib schreien. Wird es damit zur Totenstille in der Diners Club Arena kommen? „Die Szene Rappi wurde von den Medien und vor allem von Seiten des Clubs so oft durch den Dreck gezogen, dass wir einen Schlussstrich ziehen mussten. Momentan laufen die Verhandlungen aber weiter. Es gibt nach wie vor Leute in rot-weiss-blau, die sich für eine Fanszene in Rapperswil einsetzen. Dies geschieht jedoch unabhängig und nicht mehr im Namen der Szene Rappi“, sagt Kevin Rückmar entwarnend. Der Wunsch, dass mit der Auflösung der Szene Rappi alle gewalttätigen Fans der Diners Club Arena fernbleiben, scheint jedoch ein frommer zu sein. Leider ist die Gewalt ein Bestandteil der heutigen Jugendkultur. Eine Auflösung einer Fangemeinschaft wird daher kaum zur vollständigen Bekämpfung eines Gewaltproblems beitragen.