| Theo Fleury: “Ich kann nun anderen Menschen helfen“ |
Um an einen Termin mit Theo Fleury zu kommen braucht man viel Zeit. Und auch Geduld. Doch es lohnte sich. Am Ende lernten wir einen Menschen kennen, der nun mit sich und der Welt im Reinen ist. Und gerne anderen Menschen hilft.
Theo Fleury, an was kannst du dich als erstes in deiner Kindheit erinnern?
Ich erinnere mich, dass ich zwischen 4 und 5 Jahren angefangen habe Eishockey zu spielen. Es war für mich sehr viel Freude und jedes Mal wenn ich auf dem Eis stand, hatte ich ein sehr gutes Gefühl. Ich war einfach glücklich, spielen zu können.
Du bist einige Mal umgezogen in deiner Kindheit. Wie hat sich dies auf deine Karriere ausgewirkt?
Eishockey ist nun mal ein Nomadenleben und dass ich schon in jungen Jahren umziehen musste, war für mich sicher gut. Wenn man sich im Eishockey weiterentwickeln will, dann muss man hie und da umziehen. Dies habe ich auch gemacht und wurde auch dadurch ein besserer Spieler.
Als du das erste Mal in Moose Jaw warst, wie war dies für dich?
Ich liebte es in Moose Jaw zu spielen. Die Warriors waren in dieser Zeit eines der besten Teams. Und sind es heute noch. Sie haben in all diesen Jahren immer wieder einige gute Spieler hervorgebracht, welche sich für einen Draft empfehlen konnten. Und danach auch den Durchbruch erreichten. Noch heute denke ich aber sehr gerne an das Team zurück.
Als Du in Moose Jaw gespielt hast, wurdest Du auch für die Juniorennationalmannschaft aufgeboten. Du konntest mit der kanadischen Juniorenauswahl nach Piestany fahren. Dort kam es dann zu der noch heute berühmten Massenschlägerei welche zum Ausschluss Kanadas und der Sowjetunion führte. Du warst damals der Auslöser dieser Schlägerei. Wenn Du an diesen Tag zurückdenkst, was empfindest du dabei?
Das ist für mich abgehakt. Es wurde soviel darüber geschrieben, was dort geschehen ist, dass dies für mich nicht mehr wichtig ist. Für mich persönlich ist wichtiger, wie wir ein Jahr später in Moskau auf diesen Ausschluss reagiert haben. Das steht für mich mehr im Vordergrund. Piestany ist für mich nur eine Anekdote in meiner langen Laufbahn.
In Moskau hat Kanada das nächste Jahr die Goldmedaille gewonnen. Du warst der Captain des Teams. Wie hast du diese Zeit in Erinnerung?
Moskau war für mich etwas sehr spezielles. Ich wurde nach der Schlägerei in Piestany von den Calgary Flames gedraftet und ich war zum ersten Mal in einem Trainingcamp der NHL. Ich hatte gerade den ersten Vertrag mit einem NHL-Klub unterschrieben und konnte danach mit Salt Lake City meine erste Erfahrungen im Profi-Eishockey sammeln. Ich denke, dass die Erfahrungen, welche ich in Moskau gemacht habe, der Massstab für die kommenden Jahre und meine Karriere waren. Denn innerhalb von 18 Monaten gewann ich die Juniorenweltmeisterschaft, den Allan Cup und dann den Stanley Cup. Dies war sicher auch auf meine Leistungen an dieser U20-Weltmeisterschaft in Moskau zurückzuführen. Und beeinflusste mich und mein Leben ebenfalls.
Du hast es gerade gesagt, innerhalb von 18 Monaten hast du drei Titel gewonnen. Eine wunderbare Zeit?
Ja, sicher. Für mich war dies alles neu. Ich war sehr ausgelassen, fröhlich. Alles hat für mich gestimmt. Ich meine, wer gewinnt schon drei Titel innerhalb 18 Monaten? Das war schon verrückt. Danach habe ich aber auch gelernt, dass es harte Zeiten gibt. 1998 in Nagano haben wir nicht reüssieren können, als wir als grosser Favorit an die Olympischen Spiele gingen. 2002 in Salt Lake City konnten wir diese Rolle aber wieder erfüllen und gewannen die Goldmedaille. Persönlich habe ich aber auch erfahren, dass diese drei Titel einem das Leben nicht einfacher machen. Es war für mich eine lange Durststrecke vom letzten Titel von 1989 bis zum nächsten grossen Erfolg 2002 an den Olympischen Spielen.
Du sprichst Nagano 1998 an. Damals konnten die NHL-Profis das erste Mal an den Spielen teilnehmen. Was lief hier schief?
Ich denke nicht, dass hier etwas falsch gelaufen ist. Wir haben gegen die Tschechien im Penaltyschiessen verloren. Da die olympischen Regeln dies so vorgesehen haben, war das natürlich bitter. Ich persönlich bin einfach der Meinung, dass man ein Eishockeyspiel nicht mit einer solchen Lotterie beenden sollte. Der Sieger soll nicht im eins gegen eins erspielt werden, sondern im normalen Spiel. Alles andere ist doch nicht sportlich. Dazu kam noch, dass wir gegen den damalig besten Torhüter der Welt antreten mussten. Dominik Hasek war für uns einfach im eins gegen eins nicht zu bezwingen. Da war auch viel Pech dabei. Ich denke aber nicht, dass wir in Nagano schlechte Spiele gezeigt haben.
Du hast vorhin auch die Spiele in Salt Lake City erwähnt. An diesen konnte Kanada seit langem wieder einmal eine Goldmedaille gewinnen. Diese Freude darüber und die Erleichterung, endlich eine goldene Auszeichnung an Olympischen Spielen errungen zu haben muss gross gewesen sein.
Ja, das war es sicher. Ich spielte damals im wohl besten Team, in dem ich jemals spielen konnte. Es war das Beste, was ich erleben konnte. Nach dem Gewinn waren wir alle überglücklich, dass wir nach mehr als 50 Jahren wieder einmal olympisches Gold für Kanada gewinnen konnten. Das war sehr speziell.
Kommen wir wieder auf die NHL zurück. Nach langen Jahren musstest Du die Flames in Richtung der Colorado Avalanche verlassen. In deinem Buch schreibst du, dass du dies zuerst nicht verstehen konntest. Welche Gefühle gingen dir denn auch noch durch den Kopf?
Nun ja, die NHL ist ein Geschäft. Ich wusste, dass dies einmal kommen könnte. Doch als der Tag da war, war ich schon überrascht. Dennoch habe ich die Flames verstanden, dass sie mich tauschen wollten. Ich wollte Calgary nie verlassen, wolle meine Karriere hier beenden und nicht bei einer anderen Franchise. Als ich jedoch das erste Mal in Colorado dann mit Peter Forsberg, Joe Sakic oder mit Adam Foote spielen konnte, war nach der Enttäuschung die Begeisterung wieder da.
Wir haben nun schon einige Male den Gewinn des Stanley-Cup angesprochen. Als Europäer ist es für mich nicht einfach nachzuvollziehen, wieso dieser Cup solch eine Bedeutung hat. In Kanada wir dieser Cup so hoch eingeschätzt, als wäre man gerade Olympiasieger geworden. Wieso ist dieser Titel so immens wichtig für einen kanadischen Eishockeyspieler?
Das ist nicht so einfach zu erklären. Dies hat auch einiges mit unserer Mentalität zu tun. Als Kind träumst du davon, einen Platz in einem Junioren-Team zu erkämpfen. Danach träumst Du davon, immer im Aufgebot des Teams zu stehen. Hast Du das geschafft, willst Du versuchen, die Scouts auf dich aufmerksam zu machen. Um in der grossen Liga zu spielen. Dort, wo das grosse Geld gemacht wird. Einige erreichen das Ziel, andere nicht. Wenn du dann im Trainingslager bist, hast du nur ein Ziel. Ich will in das Team. Du kämpfst dort gegen 50 oder mehr hoffnungsvolle Spieler, welche alle das gleiche Ziel haben. Hast du dich dann durchgesetzt, heisst dies noch lange nicht, dass du nun definitiv im Team bist. Du musst weiter jeden Tag um deinen Platz kämpfen. In jedem Training, in jedem Spiel, in jedem Einsatz alles geben. Du spürst, dass du, wenn du die Leistung nicht bringst, einfach gegen einen anderen Spieler ausgetauscht werden kannst. Wenn du dies alles spürst, wenn du dich gegen alle deine Konkurrenten durchgesetzt hast, wenn du am Ende im Finale stehst und dann den Cup gewinnst, dann wirst du für all diese Mühen belohnt. Du bekommst einen Ring und bist einer der wenigen, die es auf diese Trophäe mit deinem eingravierten Namen geschafft hat. Dies ist das Grösste was du im Eishockey erreichen kannst. Es ist mit nichts anderem zu vergleichen.
Ich würde nun gerne auf dein Buch zu sprechen kommen, dass du geschrieben hast. Dort beschreibst du deinen Selbstmordversuch von 2004 sehr eindrücklich. Auch der Rest des Buches ist sehr spannend und sehr offen geschrieben. Wieso hast Du dich entschieden, dieses zu schreiben?
Ich war eines Tages an dem Punkt angelangt, an dem ich entschieden habe, dass ich meine Geschichte der Öffentlichkeit zugänglich machen möchte. Dies soll dem Leser aufzeigen, wieso ich so wurde wie ich in meiner Eishockeykarriere war. Des Weiteren will ich mit meiner Geschichte in der Juniorenliga aufrütteln und den Eltern und anderen Beteiligten die Augen öffnen. Denn sexueller Missbrauch soll nicht totgeschwiegen werden.
Und der Selbstmordversuch war für dich der Punkt des Lebens, an dem du alles neu geordnet und ein neues Leben angefangen hast?
Das stimmt. Ich habe mich an diesem Punkt für ein neues Leben entschieden. Es war für mich der Punkt, an dem ich wirklich realisierte, dass es so nicht weitergehen konnte. Danach habe ich neu begonnen. Nun kann ich sagen, dass für mich der Selbstmordversuch der Punkt war, an dem ich mich neu gefunden habe. Aus diesem Blickwinkel war dieser Versuch eine positive Erfahrung und hat mich auf den richtigen Weg zurückgebracht.
Im Buch beschreibst du, das Graham James mitverantwortlich für deine späteren Probleme war.
Nun, das ist Vergangenheit. Ich habe eine wundervolle Frau, welche zu mir schaut, habe heranwachsende Kinder, welche ich nun auch vermehrt sehen kann und kann mich mit ihnen unterhalten. Trotzdem darf man die Vergangenheit, die ich hatte, nicht unter den Teppich kehren. Ich wurde sexuell missbraucht und wenn ich schon eine Chance habe, über dieses Thema zu reden, dann nehme ich dieses auch wahr. Ich rede viel darüber und ich hoffe, dass ich dem einen oder anderen mit meinem Buch helfen kann. Wenn ich dies kann, dann habe ich bereits einen wichtigen Beitrag hier in Kanada geleistet. Man soll und muss über das Thema sexueller Missbrauch reden. Aber nicht nur hier in Kanada, sondern überall. Und darum habe ich auch das Buch geschrieben, um anderen zu helfen, mit dem Erlebten besser fertig zu werden. Ich weiss selber, dass dies nicht einfach ist und versuche, mit dem Veröffentlichen meiner Erfahrung zu helfen.
Dann war das Schreiben des Buches für dich wie eine Therapie?
Ja, absolut. Das kann ich so sagen. Ich wollte einfach die Wahrheit über mein damaliges Leben schreiben. Nun merke ich aber auch, dass dies anderen Menschen hilft. So kann ich der Gesellschaft auch wieder etwas zurückgeben, was ich vorher nicht konnte. Nun kann ich durch meine Geschichte dem einen oder anderen helfen, offen darüber zu sprechen. Dies ist auch das Ziel des Buches.
Du schreibst in deinem Buch auch über die unzähligen Versuche vom Alkohol weg zu kommen. Die NHL hat es mit ihrem Programm versucht. Du hattest wieder Rückfälle. Danach hast du von einem Tag zum anderen mit dem Eishockeyspielen aufgehört und nun bist du seit einigen Jahren nicht mehr Alkoholiker, nimmst keine Drogen mehr und spielst auch nicht mehr. Dennoch hat man das Gefühl, dass die NHL zu wenig für dich unternommen hat, damit du von all dem weg kommst.
Nein, das denke ich nicht, dass die NHL zu wenig unternommen hat. Ich denke eher, dass gerade dies mir auch geholfen hat, dahin zu kommen, wo ich jetzt bin. Natürlich brauchte alles seine Zeit. Diese Zeit wollte ich mir nie geben und so kam es denn auch zu den verschiedenen Rückfällen. Doch genau dies hat mir geholfen, dahin zu kommen, wo ich nun bin. Ich bin sauber und nehme nun weder Alkohol, noch Drogen, noch spiele ich. All dies konnte ich nun hinter mir lassen und kann nun sagen, dass ich von diesen Krankheiten geheilt bin.
Ich gehe davon aus, dass es für dich nicht einfach war, von all diesen Abhängigkeiten wegzukommen?
Es ist nie einfach von Abhängigkeiten wegzukommen. Nie. Doch jeden Tag, den ich ohne Alkohol verbracht habe, ohne Drogen zu nehmen überstand, oder jeden Tag den ich nicht spielen gegangen bin, war ein gewonnener Tag. Ich wurde jeden Tag stärker und konnte mich von diesen Sachen verabschieden. Doch dazu brauchte ich viel Hilfe. Diese gab mir meine heutige Frau und ich bin froh, hatte ich auch noch andere Leute, die mir geholfen haben, sauber und clean zu werden. Nun kann ich anderen helfen, den gleichen Weg zu gehen, den ich gegangen bin. Jeder Tag, den ich nun weiter von diesen Probleme entfernt bin, ist umso besser für mich. Nun bin ich in der Position, an der ich anderen Menschen helfen kann, welche in der gleichen Situation sind wie ich einmal war. Das ist nun das Positive an dem, was ich durchgemacht habe. Ich kann helfen.