Theo Fleury: In 18 Monaten 3 Titel und der langsame Abstieg

Von Urs Berger

Nach den Juniorenweltmeisterschaften in Piestany war Theo Fleury in aller Munde. Die Probleme mit dem Alkohol blieben jedoch. Denn Hilfe war von niemandem zu erwarten. So lange die Leistung stimmte, interessierte dies niemanden.

Nach dem die Juniorennationalmannschaft vom Turnier ausgeschlossen wurden, kehrte man nach Kanada zurück. Die einen Kommentatoren sahen es als eine Schande an, die anderen waren stolz auf die Leistung und deren Reaktion auf die Provokationen der Sowjets. Im Zentrum des Interesses war Theo Fleury, welche die Massenschlägerei angezettelt und sich an dem Russen für den Stockschlag an ihm gerächt hatte. Das Warten auf den NHL-Draft begann für Theo Fleury. Je näher der Draft-Tag kam, desto nervöser wurde er. Am 13. Juni war es dann soweit. In der Joe Louis Arena in Detroit wurde der Draft abgehalten. Die Frage war, wann Fleury gezogen werden würde.

Alles deutet darauf hin, dass er an drittletzter Position im Draft in die Geschichte eingehen würde. Es kam jedoch anders. Die Clagary Flames zogen Fleury in der 8. Runde an 166. Stelle im ganzen Draft. Nachdem er dies vernommen hatte, legte er sich noch mehr ins Zeugs. Doch die Flames haben ihn nicht sofort ins Kader genommen. Sie schoben ihn noch mal zu den Junioren ab und warteten ab, wie er die nächste U20-Weltmeisterschaft in Moskau bestreiten würde. Und in diesen überzeugte er wieder. Und wie. Mit 8 Punkten aus 7 Spielen und als Capitain der Mannschaft war er einer der besten Spieler im Team Canada. Mit seiner Junioren-Mannschaft war er der beste Spieler. In 65 Spielen punktete der junge Fleury 168 Mal und sammelte 235 Strafminuten. Trotz allem konnten sich die Moose Jaw Warriors nicht für die Playoffs qualifizieren. So ging er für die Playoffs der IHL in das Farmteam der Calgary Falmes, den Salt Lake City Golden Eagels, und spielte dort bis in das Finale, welches Salt Lake gewann.

Rückschlag in der Karriere – Abschieben in die IHL

Im kommenden Sommer übertrieb es Fleury mit seiner Arbeit neben dem Eis. Statt auch an seiner Ausdauer zu arbeiten, verlegte er sich nur auf das Arbeiten mit den Gewichten. Und legte dadurch zwar Muskeln zu, verlor aber seine Beweglichkeit. Das Resultat war, dass er zum ersten Mal in seiner Karriere zurückgestuft und wieder zum Farmteam der Calgary Flames gesandt wurde. Und dies hat ihn nicht besonders motiviert. Nachdem zu Beginn der Saison Fleury zu egoistisch war, nahm ihn sein Trainer Paul Baxter zur Brust. Nach dieser Aussprache mit seinem Trainer fand Fleury wieder den Rank. Und wurde der beste Spieler in der International Hockey League, damals auf gleicher Ebene mit der American Hockey League.

Dies veranlasste die Flames, Fleury am Neujahrstag 1988 in das NHL-Team zu berufen. Zwei Tage später stand der nun auch dem Kokain verfallenen Fleury auf dem Eis. Dies begann bereits in den Playoffs 1988 nach der ersten Runde. Damals ging es nach dem siegreichen Weiterkommen in den Playoffs an eine Party. Dort konnte Fleury seine erste Erfahrung mit dem Kokain machen. „Erinnert Ihr euch, wie ich geschrieben habe, wie ich das erste Mal mit Alkohol in Berührung kam? Nun, das war hundertmal besser, als Alkohol. Ich war nach der ersten Linie euphorisch. Ich habe mich vorher nie so gefühlt, wie nach dieser ersten Linie. Auf einmal war ich ein Mann, der mit viel mehr Selbstvertrauen herumlief. Und die Frauen nicht mehr nur vom weiten anschaute, sondern sie richtig gehend anmachte. Ich war Superman. Und nicht irgendein Mensch.“

Als vermeintlicher Superman stürzte er noch tiefer. Denn mit Drogen ruinierte er nicht nur seine Gesundheit, sondern setzte auch auf eine Substanz, die nicht nur im Gesetz verboten ist, sondern auch auf der Anti-Doping-Liste steht. Und stürzte menschlich damit noch tiefer als durch die Alkoholsucht, was ihn später einholen sollte.

Stanley-Cup Sieg und noch mehr Alkohol – Einstieg zu Kokain

Nachdem er im Januar zu den Flames gestossen war, konnte er mit dem Team bis in das Finale um den Stanley-Cup einziehen und mit Calgary den ersten Titel in der Geschichte der Franchise erringen. Viele sehen in ihm auch das entscheidende Mosaiksteinchen zu diesem Erfolg. Nach den Siegen an der Junioren-Weltmeisterschaft und dem Gewinn des Allan Cups mit den Salt Lake Golden Eagles kam im Fruhjar 1989 auch der Stanley Cup dazu. Innerhalb von 18 Monaten gewann der quirlige und kleine Kanadier drei Titel. Und dies veränderte auch sein Leben.

Mit dem Wechsel zu Calgary verdiente Fleury nun auch genug, um den nun immer ausschweifenderen Lebensstil zu finanzieren. Alkohol, Kokain und Frauen gehörten von nun an zu seinem täglichen Tagesablauf. Egal ob ein Spieltag war oder nicht. An schlafen war kaum zu denken. Und dennoch brachte er lange seine Leistungen auf dem Eis. Er wurde zu einem der bestimmenden Spieler der Flames, war in den 90er-Jahren sechsmal im All-Star-Team der NHL. Dazu kamen seine Aufgebote für die Nationalmannschaft an den Weltmeisterschaften 1990 in Bern und Fribourg (4. Platz) und 1991 in Helsinki, Turku und Tampere, an welcher er mit der Kanadischen Mannschaft die Silbermedaille gewinnen konnte. Mehr Erfolg hatte er am Canada Cup 1991, den die Kanadier gewannen.

Als 1996 der nächste grosse Anlass anstand und Fleury erneut eine bestimmende Rolle übernahm, reichte es nicht zu einer goldenen Auszeichnung. Am World Cup of Hockey klassierte sich Kanada hinter den USA auf dem zweiten Platz. Die nächste Chance für die Revanche kam schon bald. 1998 konnten die NHL-Spieler das erste Mal an den Olympischen Spielen teilnehmen. Die Kanadier stellten eines ihrer bis an hin besten Teams zusammen. Doch Nagano brachte einen anderen Helden hervor. Der tschechische Torhüter Dominik Hasek verwies die Kanadier in einem intensiven und umkämpften Spiel in ihre Schranken. Und Kanada verlor danach auch das kleine Finale gegen Finnland und schloss enttäuschend auf dem vierten Rang ab.

Kanada wollte beim nächsten Mal alles besser machen und schrieb sich auf die Fahne, den Olympiasieg 2002 zu erringen. In Salt Lake City war dann Kanada nicht wieder zu erkennen und konnte die Goldmedaille erringen. „Dies war für mich der wichtigste Erfolg neben dem Stanley-Cup-Gewinn“, führt Theo Fleury im Interview mit hockeyfans.ch aus (mehr dazu in Teil 4 der Serie). Doch damals hatte der langsame Abstieg des Theoren Fleury bereits begonnen.

Immer wieder Frauen, immer wieder Partys und keine Ende in Sicht

Der Abstieg hat schon vor seinem Wechsel zu den Colorado Avalanche begonnen. Obwohl dies Fleury im Rückblick anders sieht. Denn auch in Clagary hatte er immer wieder Probleme mit dem Alkohol und mit den Drogen. Auch die Frauen liessen ihn nicht los. Der Wechsel nach Colorado brach ihn dann aber endgültig. Und das Leiden nahm seinen Gang. Mit einem Tiefpunkt nach dem anderen. Kaum war er in Denver angekommen, musste er mit einer Knieverletzung aussetzen. So schloss er die Reguläre Saison mit nur 15 Spielen ab. In den Playoffs kam die Avlanche bis ins Finale der Western Conference, wo sie an den Dallas Stars scheiterten.

Colorado war nicht glücklich mit der Leistung von Fleury und entschied sich, ihn nicht weiterzubeschäftigen. Im Sommer bekam er eine Offerte der New York Rangers, welche er annahm. Und diese Unterschrift führte ihn noch tiefer in seine Probleme. Denn in der Metropole fand er sich nie zurecht. Immer wieder durchzechte er die Nächte, nahm Kokain und andere Drogen. Und hatte wechselnde Frauenbekanntschaften. Dazu verfiel er noch dem Glücksspiel und konnte in einer Nacht ruhig bis an eine halbe Million Dollar verspielen. Die Folge davon war, dass Fleury von der NHL aus dem Spielbetrieb ausgeschlossen wurde und er in ein Entzugsprogramm musste.

Diese Massnahme beendete seine erste Saison mit den New York Rangers. Die Saison 2001/02 versuchte er noch einmal Fuss zu fassen. Doch seine Probleme waren nun auch auf dem Eis zu sehen. Und New York hatte daran keine Freude. Nach einem Spiel in New Jersey hielt er mit Kritik gegen die NHL und deren Offiziellen nicht hinter dem Zaun. Und wurde dafür gebüsst. Eine andere Szene verdeutlicht den damaligen Spieler Fleury ebenfalls sehr gut. Während einem Spiel lief Fleury, nach einer Strafe gegen sich, einfach davon. Um sich dann bei der gesamten Mannschaft zu entschuldigen. Die Probleme wurden immer offensichtlicher. Und die Entscheidung, der New York Rangers nicht weiter auf die Dienste von Fleury zu zählen ist verständlich. So kam der Wechsel zu den Chicago Blackhawks nicht überraschend. Doch besser wurde es mit den Problemen nicht.

Suspendierung und Ende einer Karriere

Zwei Tage vor dem Saisonstart 2002/03 wurde Fleury von der NHL suspendiert. Chicago reagierte und stellte dem nun erneut rückfälligen Fleury einen Freund an seine Seite. Diese Massnahme schien erfolgreich zu sein. Zwei Monate später spielte der Kanadier wieder. Doch die NHL und auch Fleury freuten sich zu früh über den angeblichen Sieg über seine Störungen. Im Januar kam Fleury auf dem vorläufigen Tiefpunkt seines Lebens an. Während er mit seinen Teamkollegen im Ausgang war, wurde er im Januar 2003 in eine Schlägerei in einer Bar verwickelt. In dieser wurde er verwundet und hat auch heute noch, sieben Jahre nach dem Ereignis, keine klare Vorstellung, was genau geschehen war. Die NHL hat ihn trotz des Vorfalles und trotz des klaren Verstosses gegen seine Auflagen nicht vom Spielbetrieb ausgeschlossen. Und auch die Blackhawks verzichteten vorläufig auf weitere Massnahmen. Man spürte aber, dass das Vertrauen nicht mehr stimmte. Weder zwischen der Mannschaft, dem Management noch dem Spieler Fleury. Die Führung der Blackhakws entschied sich, Fleury auf die Waiver Liste zu setzen. Das keines der damaligen Teams den nun verpönten Spieler Fleury ziehen würde, war abzusehen. So spielte er noch die Saison zu Ende, ehe er dann erneut von der NHL suspendiert wurde. Theo Fleury war nun auf dem höchsten Level der Suspendierungen der NHL angekommen.

Aus und vorbei – Fleury läuft davon

Trotz schlechten Vorzeichen versuchte sich Fleury auf die neue Saison 2003/04 vorzubereiten. Noch einmal an seine Leistungen heranzukommen. Noch einmal allen zu zeigen, dass er es immer noch kann und er nun clean war. Mitte in der Vorbereitung gab er jedoch auf, stieg vom Rad und lief davon. Ohne den Blackhawks von seiner Entscheidung eine Mitteilung zukommen zu lassen. „Ein Jahr später habe ich mich im Fitnessraum auf die kommende neue Saison vorbereitet. Mitten in meinem Ausfahren mit dem Standvelo stoppte ich mein Training. Ich schaute in den Spiegel. Meine rechte Backe schmerzte mich immer noch von einer Verletzung eines Pucks aus einem Spiel der letzten Saison. ‚Das kotzt mich langsam an, Ich hasse es, mich auf die neue Saison vorzubereiten. Ich hasse mein Leben. Ich hasse das Spiel. Ich will nicht mehr. Ich kann nicht mehr länger.’ Ich steig vom Velo ab, lief aus dem Fitnessraum und ging meinen Weg. Ich habe nicht einmal den Chicago Blackhawks angerufen um zu sagen, dass ich mit dem Eishockey fertig war. Es interessierte mich nicht.“ Um dann im Sommer 2004 in seinem Haus mitten im Niemandsland seinem Leben ein Ende setzen zu wollen. Doch er überlegte es sich anders und kehrte wieder zurück. Und fand in seiner jetzigen Frau die Liebe seines Lebens. „Am 19. August 2006 heiratete ich meine Jenn. Nun weiss ich, wie es sich anfühlt, wenn man sagt, dass dies für immer sei“, schreibt Theo Fleury unter sein Hochzeitsfoto in seinem Buch „Playing with fire“.

*Kursive Zitate aus dem Buch „Playing with Fire“ von Theo Fleury und Kristia McLellan Day. Erschienen bei HarperCollins Publishers Ltd. 2009