| Theo Fleury: Missbrauch und erste internationale Erfahrung |
Mit dem Wechsel nach Winnipeg begann der Leidensweg von Theo Fleury. Während zwei Jahren wurde er von seinem Coach Graham Jones sexuell missbraucht. Um danach die erlittene Pein im Alkohol zu ertränken. Auf dem Eis gab es für den jungen Fleury kein Halten. Und wurde immer wie besser.
Es waren für Fleury keine einfache Zeiten In Winnipeg. Zu Beginn als er dort war, dachte er, er könne Graham Jones entkommen. Doch Jones befahl ihm zwei Mal die Woche bei ihm zu schlafen. „Ohne mich bist du eine Null und wirst nicht weiter kommen im Eishockey. Du kannst nichts und du bist nichts. Nur mit mir kommst du weiter. Denn ich bin dein Mentor und dein einziger Vertraute, der an dich glaubt, alle anderen sind nicht auf deiner Seite und verstehen nicht, wie das Eishockey funktioniert.“ Mit diesen Worten, welche Fleury jeden Tag zu hören bekommt, wurde der junge Theo immer wieder konfrontiert, wie er schrieb. Und dies hinterliess seine Spuren. Im ersten Jahr konnte Fleury mit einem Trick die Annäherungsversuche von James noch erwehren. Schlief er beim Trainer, so schlang er sein Bettlaken so eng wie möglich um seinen Körper, damit der Coach nicht an ihn heran kam. Und dennoch griff ihn diesen an die Füsse oder an den Po. Und streichelte ihn dort. An Schlaf konnte der junge Spieler natürlich nicht denken. Denn immer wenn er bei Graham James war, das wusste er, kam dieser zu ihm und missbrauchte ihn. Doch mit 14 Jahren konnte sich Theoren Fleury nicht mehr richtig wehren. Nach einem Jahr der Tortur hatte ihn James dort, wo er ihn wollte. Dazu schrieb Fleury in seinem Buch: “Es brauchte ein Jahr, bis er mich dort hatte, wo er mich wollte. Nachdem wir erfahren hatten, dass Winnipeg das Team nach Moose Jaw verkauft hatte, und wir dorthin umziehen würden, hat er mich gebrochen. Ich war erschöpft und vermochte mich nicht mehr zu wehren. Er hatte sich in eine Position gebracht, in welcher er volle Kontrolle und volle Macht über mich und mein Tun hatte. Im Jahr 2005 habe ich einen Artikel in der New York Times gelesen, in welchem beschreiben wurde, wie die Gefangenen in Guantanomo Bay in Kuba durch die Militärärzte behandelt wurden. Dabei habe ich gelesen, wie sie die Gefangenen mit dem Erhöhen des Stresses und mit dem Arbeiten der Angst diese so weit brachten, dass sie auseinander brachen. Wie gut kann ich dies bei den Gefangenen nachfühlen. Ich weiss wie es sich dies anfühlt. Denn genau dies hat Graham mit mir gemacht.“
Wem anvertrauen? - Niemand würde im Glauben!
Was konnte Fleury in dieser Situation machen? Zum Teambesitzer gehen? Das ging nicht, denn die würden ihm nicht glauben. Sich an Hockey Canada oder an die CHL wenden? Auch das geht nicht, denn wer würde einem Jugendlichen glauben? Man würde eher James glauben, dass Fleury dies so wollte. Sollte er sich an seine Eltern wenden? Nun, diese hatten genügend eigene Probleme als um sich um ihren ältesten Sohn zu kümmern. Genau diese Gedanken machte sich auch Fleury: “Ich war sicher nicht dumm. Ich wusste, wie es gehen würde, wenn ich Graham anschwärzen würde. Ich habe es immer wieder im Kopf durchgespielt. Doch egal was ich überlegte, ich kam zum Entschluss, dass ich nichts sagen sollte. Ich würde für immer gebrandmarkt sein als Kind, das die Wahrheit gesagt hatte. Doch würde Hockey Canada irgend etwas zu meinem Schutz unternehmen und sagen, ‚Schaut zu Theoren Fleury, beschützt ihn, denn er hat die Wahrheit gesagt.’ Nein, es würde eher heissen, dass James pervers war und Fleury hat ihn machen lassen und sich missbrauchen lassen. Oder es würde heissen, dass auch ich ein perverses Kind war, welches mit dem Coach eine Beziehung hatte. Wäre ich unter diesen Umständen von Hockey Canada eingeladen worden, um im Trainingscamp zu überzeugen und nach Piestany gehen zu können? Das Turnier, welches mir dann auch den Weg in die NHL ermöglichte? Überlegt doch einmal nüchtern. Das wäre kaum der Fall gewesen, wenn ich damals mit jemandem darüber gesprochen hätte. Aber wenn ich nun zurückblicke, oder die Zeit zurückdrehen könnte, dann würde ich es machen. Auch im Wissen, dass ich keine Karriere im Eishockey machen würde, ich würde es sagen. In meinem Alter damals wusste ich es nicht besser und schwieg. Und liess mich missbrauchen.“
„Die Hölle wartet auf mich!“
In den kommenden zwei Jahren entwickelte es sich nun zu einem Spiel zwischen Graham James und Theo Fleury. Fleury wusste, dass wenn James zu ihm kam, er missbraucht würde. Zuerst befriedigte sich James selber, danach musste Fleury, nach einer Pause, James befriedigen. Danach befriedigte James Fleury. Und wenn es durch war, erklärte der Coach, dass dies für ihn kein sexueller Akt war. „Graham James erklärte mir, dass dies nichts mit Sexualität zu tun hatte. Ich würde ihm jedoch helfen, mehr Spermien zu produzieren, denn er würde zu wenige davon machen. All diesen Scheiss erzählte er mir. Als Höhepunkt führte er einmal an, dass dies für ihn eine Medizin war und ihm helfe. Und ich war noch verwirrter. Es war nicht so, dass ich ihm dies glaubte, aber ich glaubte, dass er an dies glaubte und für sich als Entschuldigung gebrauchte und dass er selber an diesen Scheiss glaubte, den er mir erzählte“, erklärt Theo Fleury seine Situation in diesen beiden Jahren. Dabei kamen ihm immer wieder Gedanken, was wäre wenn er es jemandem erzählen würde. Doch er verwarf alle diese Gedanken. Und dachte sogar, dass er für sein Verhalten in die Hölle kommen würde.
Alkohol war meine Erlösung
Nachdem Fleury immer und immer wieder missbraucht wurde, kam eines Tages der Alkohol dazu. Mit 16 Jahren versuchte begann es. Und für ihn war es wie Medizin. „Es war aber nicht so, dass ich langsam zu einem Alkoholiker wurde. Sondern es war so, dass es für mich zur Medizin wurde. Ich war sofort Alkoholiker. Es war für mich eine Erlösung. Auf einmal konnte ich Freude haben, konnte Lachen. Vom ersten Tag an war der Alkohol nun etwas, das ich zum Leben brauchte. Es war wie Sauerstoff oder das Eishockey spielen. Ohne diese drei Dinge konnte ich nicht leben“, führt Fleury aus.
Die Schlacht von Piestany
Auf dem Eis wurde Fleury besser. Dies vor allem, nach dem sein ehemaliger Coach bei den Moose Jaw Warriors gehen musste. Dieser Abschied war mehr oder weniger unfreiwillig. Und nur zum Vorteil von Theo Fleury. Der Spieler Fleury konnte wieder an sich arbeiten. Konnte die eine oder andere Nacht durchschlafen und war am Morgen ausgeruhter. Die Probleme mit dem Alkohol blieben aber bestehen. Die Trainer merkten nichts davon oder wenn, dann beruhigte sie Fleury wieder. Er entwickelte sich weiter und konnte in den kommenden Jahren einen wichtigen Schritt Richtung NHL machen. In seinem Draft-Jahr wurde er aber noch nicht gezogen. Erneut war seine Grösse das Problem der NHL-Scouts. So war die Junioren-Weltmeisterschaft 1987 in Piestany für ihn wichtig um zu zeigen, was er konnte. In Piestany waren die Kanadier und die damalige Sowjetunion Favoriten auf den Turniersieg. Die UdSSR war nicht gut in diesem Turnier. Das Team konnte die hohen Erwartungen nicht erfüllen. Am 4. Januar 1987 kam es dann zu dem Spiel, von dem noch jahrelang gesprochen und geschrieben werden sollte. Das erste Tor der Partie erzielte Theo Fleury. Dabei fuhr er im Jubel neben der Bank der Russen vorbei und machte dabei mit seinem Stock die Bewegung eines Maschinengewehrs in deren Richtung. Dieses Verhalten wurde von den Offiziellen von Hockey Canada nicht goutiert. Sie entschuldigten sich in der Pause beim Gegner. Dies nützte jedoch nichts in einem Spiel, das vor Gehässigkeiten nur so strotzte. Im zweiten Spielabschnitt kam es dann so, wie es kommen musste. Nach einem Foul des russischen Junioreninternationalen Pavel Kostichkin an Theo Fleury schlug der quirlige Kanadier zurück. Dies führte zu der noch heute viel beschriebenen Massenschlägerei und das Spiel musste abgebrochen werden. Beide Teams wurden vom Turnier ausgeschlossen. Trotz allem konnte sich Fleury mit seiner Spielweise in die Notizbücher der Scouts spielen. Dass er im gleichen Jahr von den Calgary Flames gedraftet werden sollte, davon ahnte er noch nichts. Doch er wusste, dass er nahe an einem Erfolg war. Und arbeitete weiter an sich.