| Theo Fleury: „Alles rückgängig machen“ |
Theo Fleury kennt man als kleinen giftigen Spieler der nicht nur austeilen sondern auch einstecken kann. Sein Weg zu Ruhm und Ehren war aber auch gepflastert von Drogen, Alkohol und immer wechselnden Frauen. Und einer schockierenden Jugend. hockeyfans.ch publiziert eine vierteilige Serie über Theo Fleury, die mit einem Interview mit dem Kanadier abschliesst.
In der NHL war lange bekannt, dass Theo Fleury Probleme mit dem Alkohol und mit Drogen hatte. Doch erst nach der Saison in New York handelte man entschlossener als zuvor. Man gab Fleury einen Betreuer an seine Seite. Und es schien als würde es nützen. Doch der Rückfall war umso stärker. Und heftiger. Fleury wurde von der NHL aus dem Spielbetrieb ausgeschlossen und auf Probe gestellt. Damit verlor der Kanadier das, was er so geliebt hatte. Sein Spiel auf dem gefrorenen Eis. Der Leidensweg schien mit der Suspendierung länger zu werden. Und doch konnte sich Fleury wieder in das normale Leben zurückkämpfen und gab sein Comeback im letzten Jahr mit den Calgary Flames. Doch zu einem letzten Spiel in der regulären NHL-Spielzeit reichte es nicht mehr. Die Flames verzichteten auf seine Dienste. In einer vierteiligen Serie blicken wir zusammen mit Theoren Fleury auf sein bisheriges Leben zurück.
Selbstmordversuch 2004
„Es war 2 Uhr morgens, als ich mir die Pistole in meinen Rachen schob. Zuvor habe ich sie geladen und den Sicherungshebel umgelegt. Meine Hände zitterten, die Pistole schlug immer wieder an meine Zähne. Lange sass ich so da. Wie sich die Pistole anfühlte? Sie war kalt, schwarz und ich fühlte mich alleine. Nur ein kleiner Teil in mir sagte mir, dass ich es nicht machen sollte. `Lass es sein, mach es nicht, Lebe weiter,` sagte eine Stimme in mir. Doch ich habe diese Stimme verdrängt. Ich habe immer wieder gesagt `Schieb diese scheiss Stimme weg, es wird nicht besser werden.` Der Kampf in meinem Kopf ging weiter. Für eine lange Zeit“, schreibt Fleury in seinem Buch „Playing with Fire“. Ein Buch, das unter die Haut geht und den Menschen Theo Fleury besser verstehen lässt. Und vielleicht auch, wieso der Kanadier so wurde wie er ist. Doch machen wir einen Sprung zurück zu seinem Geburtsjahr 1968.
Geprägt vom 68er-Geist
Im Jahre 1968 war viel los auf der Welt. Die Studenten protestieren mit Gewalt, in den USA war der Höhepunkt der Proteste gegen den Vietnamkrieg und die Unterdrückung der schwarzen Rasse der die Massen bewegte, Und der Tod Martin Luther Kings bewegte die Welt. Dazu kamen noch der Prager Frühling, welcher mit Gewalt von den Sowjets unterdrückt wurde. Die Zukunft sah für viele Kinder nicht besonders gut aus. Und man wusste nicht, was die Zukunft bringt. In diese unruhige Zeit wurde Theoren Wallace „Theo“ Fleury am 29. Juni in Oxbow, Sakatchewan, in Kanada geboren. Sein Vater Wally war nach einem Beinbruch 1963 zu einem Alkoholiker geworden, da er seine eigene Eishockey-Karriere beenden musste. Seine Mutter Donna war tablettensüchtig und eine glühende Anhängerin der Zeugen Jehovas. So hatte der kleine Theo kaum Nestwärme und war früh auf sich alleine gestellt. Teilweise war er auch bei seiner Grossmutter zu Hause welche zum Stamm der Cree in Kanada gehörte. So ist er denn auch zu einer Hälfte ein Métis, was ein Ureinwohner Kanadas bezeichnet.
Keine einfache Kindheit
In den kommenden Jahren kamen noch zwei Brüder, Ted (1970) und Travis (1973), auf die Welt. Theo fand sich in der Rolle des ältesten Kindes wieder und übernahm die Verantwortung für seine beiden kleineren Brüder. Teilweise schaute er für deren Essen oder für neue Kleider. Die Hilfe dazu kam aus der Gemeinde und der Umgebung seiner ersten Hockey-Mannschaft, den Russel Rams. Doug Fowler, Jim Petz und Walter Werschler schauten, dass Fleury nie hungrig oder durstig nach Hause gehen musste. Diese drei Männer lehrten ihn die wichtigen Dinge im Leben. All das, was ihm sein Vater nicht beibrachte, wurde ihm von diesen drei Männern gelernt. „Ich war in dieser Zeit das wohl glücklichste Kind. Ich hatte eine Gruppe grossartiger Mitspieler und Trainer mit welchen ich meine Kinder- und teilweise meine Jungendzeit verbrachte. Unsere Trainer waren fokussiert und waren grossartige Menschen welche uns und sich selber achteten und dies auch so lebten. Die drei Trainer behandelten mich aber etwas speziell. Ich war wie ihr eigenes Kind. Wie sehr wir zusammen ein Team waren, veranschaulicht ein Beispiel. Walter Werschler, der Trainer des Teams, war stumm. Von ihm lehrten wir dann auch die Zeichensprache und unterhielten uns auch in dieser“, schrieb Theo Fleury weiter.
Erster Kontakt mit dem Alkohol – und Beginn des Leidensweg
In dieser Zeit stellten nicht nur die Trainer fest, dass Fleury ein spezieller Spieler war der den Sprung in die grosse Liga schaffen könnte. Sein grösstes Hindernis war jedoch seine Grösse. Auch als Kind war er für sein Alter nicht der Grösste. Und wurde es auch nicht in der grossen Liga. Mit 168 cm und 82 Kilogramm war er immer einer der kleineren Spieler. Und dennoch war er ein sehr intensiver und harter Spieler, der unter die Haut geht. Dies auch in den Junioren-Jahren. Dazu traf er immer wieder das Tor und gab seine Zuspiele. Doch ein Unfall mit 13 Jahren verdammte ihn zu einem Jahr Pause. In einem Spiel wurde ihm durch einen Schnitt im rechten Oberarm, der ihm nicht nur das Muskelgewebe, sondern auch die Sehnen und die Arterie in Mitleidenschaft gezogen hat, eine langwierige Verletzung zugefügt. Diese führte dazu, dass sich Fleury am rechten Arm alles neu aufbauen musste. Um dies zu machen, wurde ihm nach fünf Monaten ein Camp bei Andy Murray von der Gemeinde und dem Klub bezahlt. In diesem traf er ebenfalls auf Graham James, welcher sein Leben noch zu einer Hölle werden liess und aus welcher Fleury erst 2005 wieder herausfand. Nachdem er sich in seine jetzige Frau Jenny verliebte. Auch sie war, wie er, eine Alkoholikerin und drogenabhängig. Zusammen konnten sie sich aber aus dem Sumpf befreien und leben beide nun ohne Drogen und Alkohol.
Damals wusste aber Fleury nichts von seinem schweren Weg. Denn er vertraute sich Graham James an, welcher in ihm das Potenzial, um in der grössten Liga der Welt spielen zu können, sah. Und dies sagte er ihm. Und hielt Wort. „Im nächsten Jahr, ich war in der neunten Klasse, wurde ich in der zweiten Runde von den (damaligen) Winnipeg Warriors gedraftet. Mein neuer Coach war Graham Jones. Und ich wusste, was er mit mir und einigen anderen Spielern machte. So musste ich abwägen, was ich tun sollte. Könnte ich heute den Entscheid noch einmal fällen, er würde anders aussehen. Denn Graham hat mir meine Seele genommen“, schreibt Theoren Fleury in seinem Buch. Die Unterschrift unter den Vertrag mit den Winnipeg Warriors bzw. Moose Jaw Warriors, einem Juniorenteam der WHL, besiegelte ein weiteres langes Jahr des Leidens für Fleury. Eine Zeit, in der er auch das erste Mal mit Alkohol in Kontakt kam. Um seinen Schmerz und um seine Scham zu vergessen. Und um am nächsten Tag wieder seine Leistung abzurufen. Denn mit dem Alkohol fühlte er sich unverletzlich, konnte vergessen und war immer fröhlich. Zu diesem Zeitpunkt war er 16 Jahre alt. Sein Leiden, seine Drogenexzesse und seine Alkoholprobleme begannen jedoch erst.