Sean Simpson hat seine erste WM als Schweizer Nationaltrainer hinter sich. Foto: Michael Zanghellini (auf Bild klicken für MMS)

Gescheitert und doch gewonnen

Von Urs Berger

Aus Schweizer Sicht muss die Weltmeisterschaft als Niederlage gewertet werden. Und dennoch ist die Niederlage gegen Deutschland genau das, was die Schweiz benötigt, um in den kommenden Jahren den nächsten Schritt zu vollziehen.

Die Niederlage gegen Deutschland schmerzt noch zwei Tage später nach. Noch hat man nicht alles verdaut, noch kann man nicht nach vorne schauen. Ein zu bitterer Nachgeschmack hinterlässt die Partie einem im Gedächtnis. Dabei lassen sich einige Szenen nicht aus der Erinnerung streichen. War die Fünf-Minuten-Strafe gegen Martin Plüss wirklich eine oder war es keine? War diese eine Szene der entscheidende Faktor in dieser Partie? Oder waren es die vier Metall-Treffer im Spiel? Oder war es das nicht genommenen Time-Out von Sean Simpson in der 28. Minute des Spieles gegen Deutschland, als der Gegner Druck machte und man auf den Tribünen das Tor förmlich riechen konnte? All diese kleinen Details können in der Kumulation zum entscheidenden Ausscheiden beigetragen haben. Und werden in der Analyse des Spiels sicher eine Rolle spielen. Doch dieses eine Spiel war dasjenige, auf welches die Schweizer Anhängerschaft seit 1998 gewartet hatte. Das Erreichen eines Halbfinales. Die Mannschaft scheiterte zuletzt daran, dass man nicht, wie Deutschland, die letzten beiden Spiele gewinnen musste, sondern dass man seit Sonntag wusste, dass die Qualifikation erreicht war. Dieser eine zusätzliche Punkt war schlussendlich der entscheidende Faktor der Nicht-Qualifikation für das Halbfinale.

SC Bern Vorbild für die Schweizer Nationalmannschaft?

Würden wir nun die ganze Situation auf die Meisterschaft in de Schweiz herunter brechen, dann könnte man von einem „SC Bern Syndrom“ sprechen. In den letzten fünf Jahren scheiterten die Berner bekanntlich drei Mal an den Viertelfinals. Und konnten nicht in das Halbfinale einziehen. Ein neuer Trainer kam, ein weiterer Sportpsychologe wurde nach der Qualifikationsrunde verpflichtet und man konnte in diesem Jahr den 12. Titel in der Schweizer Eishockeygeschichte feiern. Alles deutet auf ein Problem in Kopf der Spieler hin. Ist dies auch mit der Schweizer Nationalmannschaft so? War man mental zu wenig robust, um die Hürde der Qualifikation zu meistern? Dachte man in den Köpfen der Spieler bereits an den einfachen Gegner Deutschland? Die Eisgenossen gewannen ja immerhin die letzten Direktbegegnungen auf Niveau der A-Nationalmannschaft seit 2003 alle. Und wieso sollte dies in diesem Jahr nicht anders sein? Eine Einschätzung, welche fatal gewesen sein könnte. Ob dem so war oder nicht, können wir nicht abschätzen, wir können es nur vermuten.

Grosse Nationen bezwungen – Fast kein Zittern gegen Kleine

Es gibt aber ab erfreuliche Eindrücke aus diesen Weltmeisterschaften zu ziehen. Die Schweizer Nationalmannschaft hinterliess erneut einen starken Eindruck. Die Spiele gegen die vermeintlich kleinen Nationen wie Lettland und Italien, welche in der Weltrangliste hinter den Schweizern liegen, konnten gewonnen werden. Gegen Kanada und gegen Tschechien zeigte man gute Ansätze und gewann diese Spiele mit der nötigen Cleverness. Und Teilweise der Unterschätzung durch den Gegner. Was den Schweizern am Ende nicht geholfen hat, aber doch nun den nötigen Respekt der grossen sechs Nationen eingeheimst hatte. Als Beispiel sei das Spiel gegen Schweden genannt. In diesem konnte die Schweiz nicht mehr furchtlos nach vorne spielen. Zu früh wurde der Puck-führende Schweizer Spieler schon angegangen und zu früh setzte Schweden die freien Schweizer Spieler unter Druck. So konnte das Schweizer Team das schnelle Spiel nicht umsetzen. Und Schweden adelte so gesehen die Schweiz mit ihrer Spielweise, da sie den Gegner mehr als nur ernst nahmen. Die Schweiz spielte fast auf Augenhöhe mit und liess dies die Schweden auch spüren. Die Schweden waren in diesem Spiel einfach den einen entscheidenden Schritt schneller, die eine kleine Bewegung, den einen kleinen Gedanken schneller. In dieser Kombination war dann das Resultat auch (zu) hoch.

In zwei Jahren Qualifikation fürs Halbfinale?

Welches Fazit kann nun aus Sicht der Schweizer Nationalmannschaft gezogen werden? In welchen Bereichen muss man in Zukunft ansetzen und wo steht die Schweizer Nationalmannschaft wirklich an den grossen Weltmeisterschaften? Um dies abschliessend zu beantworten, muss man Sean Simpson Zeit geben, sein System den Spielern zu vermitteln und die Korrekturen anzubringen. Dies kann man nicht von einem auf den anderen Tag machen. Dazu war denn auch die Vorbereitungszeit auf die Weltmeisterschaft für den neuen Trainerstab zu kurz. Gewisse Automatismen welche an den Weltmeisterschaften anders sind als an anderen Turnieren, griffen nicht richtig in einander. All dies und die Erfahrung aus nur vier Wochen Vorbereitungszeit sind für Sean Simpson zu wenig, um dessen Leistung abschliessend zu beurteilen. Aber, und das ist erfreulich, die Schweizer Offensivleistung war besser als an anderen Turnieren. Und dies macht Mut für die kommenden vier Jahre. Und dem nächsten Ziel, das nun nicht mehr Erreichen des Viertelfinales heissen sollte. Denn dass man mithalten kann, hat die Schweiz nun gesehen. Nun muss dies nur noch in den Köpfen der Schweizer Spieler ankommen. Und dazu muss nun Sean Simpson und sein neuer Staff die Bedingungen schaffen. Dann sollte in zwei Jahren die Qualifikation erreicht werden. Auch wenn die anderen Teams dann vielleicht mit besseren Teams antreten werden. Dies wird aber auch die Schweiz machen. Und so gesehen sind dann die Spiesse wieder gleich lang. Und den Schritt in dies nächste Kategorie sollte machbar sein. Das Fundament ist gelegt.

Kommentar: Nicht nur profitieren – auch zurückgeben

Vorerst geht es nun im Verband darum, das Geschehen auf und neben dem Eis der vergangenen Weltmeisterschaft mit allen Beteiligten aufzuarbeiten und die richtigen Schlüsse zu ziehen. Es kann nicht sein, dass der Nationaltrainer mehr als ein Dutzend, teilweise fadenscheinige, Absagen hinnehmen muss und der Verband hier nicht interveniert. Von ausgelaugt über eine im fünften Monat schwangere Freundin oder keine Lust für das Nationalteam zu spielen reichte die Spannweite. Hier muss und soll der Verband korrigierend eingreifen. Und notfalls zu Massnahmen greifen, bei welchen auch die Clubs in die Pflicht genommen werden. Denn am Ende zahlen die Clubs die Saläre der Spieler. Und wenn diese nicht ebenfalls stolz genug sein sollten, um einen Spieler aus der eigenen Mannschaft im Team Sean Simpsons zu sehen, dann ist es Zeit, diese Ansicht zu ändern. Denn ein jeder Spieler der im Dress der Nationalmannschaft aufläuft repräsentiert auch den Club. Oder anders gesagt: Wer nicht stolz genug ist, im Dress der Schweizer Nationalmannschaft zu spielen, der sollte sich überlegen, ob er sich denn auch den Beruf Eishockeyspieler hätte verwirklichen können, ohne dass der Verband indirekt mitgeholfen hätte. So gesehen bestünde sogar eine moralische Pflicht, dem Aufgebot Folge zu leisten und nicht irgendwelche fadenscheinige Gründe zu suchen.

Auf der anderen Seite läuft man dann Gefahr, dass man Spieler im Team hat, welche nicht motiviert sind für das Nationalteam zu spielen. So gesehen ist es ein zweischneidiges Messer. Wie soll der Nationaltrainer nicht motivierte Spieler begeistern können ohne an Qualität auf dem Eis einzubüssen? Diesen schmalen Grat zwischen Müssen und Dürfen zu bewältigen und eine für alle Seiten befriedigende Lösung zu finden wird nicht einfach sein. Hier ist nun Sean Simpson und die Swiss Ice Hockey Association gefragt. Um diese Absagewellen zu unterbinden und allen klar zu machen, dass es nur um eines geht: den Stolz, für das eigene Land zu spielen. Und damit die eigenen Interessen hinten anzustellen und für die Weltmeisterschaften zu vergessen. Denn damit gibt man dem Schweizer Eishockey mehr zurück als in jeder anderen Form.