Der Schweizer Talentspäher Thomas Roost. Foto: Christian Häusler (auf Bild klicken für MMS)



Roost: „Larsson ist der Beste, Schweizer mit Chancen“

Von Reto Wiedmer

Im Rahmen der U18-Weltmeisterschaft in Bobrujsk und Minsk traf hockeyfans.ch den Schweizer Scout Thomas Roost und sprach mit ihm über die Talente der U18-WM und fragte Roost nach den Chancen der jungen Schweizer, bezüglich Karriere in Nordamerika.

Welches sind aus Ihrer Sicht die drei grössten Talente in der Schweizer-Gruppe?

Das grösste Talent ist der schwedische Verteidiger Adam Larsson. Er ist einer der Favoriten für den 1st-Overall-Pick im nächsten Jahr, 2011, d.h. er gilt hier an der WM noch als so genannter "Underager", d.h. als ein Spieler der erst im nächsten Jahr gedraftet wird. Er ist gut gebaut, sein Skating ist gut genug, er hat gute Hände, trifft meistens hervorragende Entscheidungen, besticht durch seine Ruhe und Abgeklärtheit und spielt bereits im zarten Alter von 17 Jahren wie ein 25-Jähriger. Weiter gilt es den US-Amerikaner Brandon Saad zu beachten, ein typischer Powerforward nordamerikanischer Prägung. Ebenfalls ein "Topshot" mit Weltklassepotenzial ist der US-Goalie Jack Campbell. Er spielt bereits derart abgeklärt und auf athletisch hohem Niveau, dass ich ihm zutraue, bereits ein oder zwei Jahre nach dem Draft in der NHL zu spielen und dies ist bei Goalies normalerweise nicht so früh der Fall. In der anderen Gruppe - die in Minsk spielte - gilt es die Russen Kuznetsov und Namestnikov zu beachten, vor allem aber auch dem noch sehr jungen Tschechen Martin Frk traue ich sehr viel zu, er spielt sehr physisch, hat sehr gute Skills und zeigt diese auch in höchstem Tempo und unter Druck. Ebenso beeindruckt bin ich vom Finnen Mikael Granlund, vermutlich derjenige Spieler an dieser WM mit dem höchsten Hockey-IQ.

Wurden Sie von Spielern überrascht, welche bis jetzt den Scouts eher unbemerkt blieben?

Nein, eigentlich nicht, es gibt jeweils zu Saisonende an einer WM kaum Spieler die bisher völlig unbekannt waren und sich jetzt plötzlich als Stars präsentieren. Überraschungen gibt es schon, vor allem aber eher negative, z.B. bei den Kanadiern bei denen der Stürmer John McFarland seit der letzten WM kaum Fortschritte erzielt hat und der ebenfalls hoch gehandelte Brett Connolly, der sichtlich physisch noch nicht top war, weil er eine schwerwiegende Verletzung hinter sich hat. Auch vom kanadischen Verteidiger Erik Gudbranson habe ich mehr erwartet.

Welche Spieler der Schweizer U18-Mannschaft könnten für die Scouts interessant werden?

Einen zweiten Niederreiter sehe ich nicht, d.h. für eine frühe Draftrunde wird es für alle diese Schweizer schwierig. Aber, nicht zu vergessen, ein Grossteil der Schweizer gehört zu den "Underagern". D.h. in einer Saison bis zum Draft kann noch sehr viel passieren. Von den Schweizern die für den kommenden Draft 2010 berechtigt sind gefallen wir am besten der Berner Vermin und der Bieler Haas. Talentiert aber physisch limitiert ist zudem der Kloten Flyers Stürmer Lars Neher. Alle drei haben gute Chancen auf eine respektable Karriere als Profispieler. Für die NHL wird es schwierig aber nicht unmöglich. Von den angesprochenen "Underagern" gefallen mir die Verteidiger Dean Kukan (GCK Lions), Dario Trutmann (EV Zug), Samuel Guerra (HC Davos) und Sven Bärtschi (SC Langenthal) am besten. Sven Bärtschi steht aus heutiger Sicht in der Pole-Position für die Schweizer Rangliste für den nächsten Draft. Im nächsten Draft erwarte ich aber ziemlich viele Namen auf der Schweizer Liste. In den letzten Wochen und Monaten haben sich der Ambri-Stürmer Gregory Hofmann und der GCK-Lions-Verteidiger Cédric Hächler enorm entwickelt. Hächler war in Füssen beim letzten Vorbereitungsspiel gegen Deutschland sehr stark und hat seine Nomination mit guten Spielen in Bobrujsk mehr als gerechtfertigt. Mir gefallen seine Intensität und sein Körperspiel, er ist ein guter "Checker". Hofmann ist ein Charakter-Spieler der jetzt sogar begonnen hat, wichtige Tore zu erzielen. Ebenfalls bin ich ein "Fan" des sehr kleinen Zugers Lino Martschini. Eigentlich kann man mit seiner Körpergrösse kaum Hockey spielen, aber er belehrt uns eines Besseren. Er ist furchtlos, hat dieses Leuchten, diese Leidenschaft in den Augen und kompensiert so seine körperlichen Nachteile. Auch ihm traue ich eine Profikarriere zu.

Wie wichtig ist eine U18-WM für die NHL-Scouts?

Die U18-WM ist das letzte namhafte Turnier vor dem Draft und es hat die Bedeutung des "Finetuning" der eigenen Ranglisten. D.h. die Scouts haben bereits ihre Ranglisten und werden diese aufgrund von überraschend guten oder schlechten Leistungen noch leicht modifizieren. Wichtig aus Schweizer Sicht für die Scouts sind immer die Duelle gegen die nordamerikanischen Teams. Wie können sich unsere Spieler in den direkten Duellen gegen Kanada und die USA behaupten? Diese Spiele werden von den Scouts ganz besonders unter die Lupe genommen. Generell muss gesagt werden, dass die Scouts die zur Verfügung stehenden Spieler in der Regel seit mindestens zwei Jahren regelmässig beobachten. Am Tag des Drafts gibt es kaum ausgewählte Spieler über die nicht mindestens zehn detaillierte Scoutingreports bestehen von eigenen Leuten. Hinzu kommen unzählige Reports von uns, Central Scouting, die für alle NHL-GMs und Headscouts "online" einsehbar sind.

Wie stehen die Chance von U20-Goalie Benjamin Conz? Was ist für seine Zukunft optimal?

Conz steht seit einigen Jahren im erweiterten Blickfeld der Scouts und wird dies auch bleiben. Jedes Jahr besteht die Möglichkeit, dass er in einer späten Runde gezogen wird, denn so wie ich die Sachlage beurteile ist er ein so genannter "Borderline-Spieler", d.h. ein Spieler der knapp gedraftet oder eben knapp nicht gedraftet wird. Im kommenden Draft vom Juni 2010 stehen seine Chancen nicht schlecht, weil kaum sehr gute Goalies zur Verfügung stehen. Ich persönlich würde ihn (noch) nicht draften, aber ich empfehle sehr, ihn weiterhin sehr eng zu beobachten. Es ist sehr gut möglich, dass er in zwei, drei Jahren so gut ist, dass er in der NHL zu einer Alternative werden kann. Das Problem ist, dass er mit seiner geringen Körpergrösse nicht dem Typus des modernen NHL-Goalies entspricht. Dies bedeutet zwar nicht, dass er es nicht schaffen kann, aber es bedeutet, dass er in allen anderen Aspekten Weltklasse sein muss und er ist dies noch nicht; er ist "erst" sehr gut. Wichtig für seine Zukunft ist, dass er möglichst auf höchstem Schweizer Niveau viel Eiszeit, viele Spiele erhält. Zudem wäre es ideal, wenn er von einem Weltklasse-Goaliecoach profitieren könnte. Mit dieser Kombination bildet er den Nährboden für seine bestmögliche Zukunft.