Generationenwechsel vollzogen

Von Urs Berger

Als am 24. Februar 2010 die Schweiz gegen die USA unterlag, endete der Traum der Eisgenossen von einer Überraschung. Dennoch darf die Schweizer Nationalmannschaft zufrieden sein mit dem Gezeigten. Und Stolz sein auf einen weiteren Schritt nach vorne.

Erneut gelang es dem Schweizernationaltrainer eine Mannschaft mit Herz und Charakter zu bilden. An diesen olympischen Spielen erarbeitet man sich weiteren Respekt bei den grossen Nationen. Als einziges Team konnte man einem der beiden Finalisten einen Punkt entreissen und war so auch mitverantwortlich, dass Kanada keinen einfachen Einzug in das Finale hatte. Erst im Penaltyschiessen war es Sidney Crosby, der die Schweizer zu bezwingen vermochte. Und die Schweizer Nationalmannschaft kam nach einem 0:2-Rückstand wieder in das Spiel zurück und arbeitete härter als in Turin für diesen Erfolg. Aber es gab auch Schattenseiten bei den Leistungen der Schweizer.

Gegen die Grossen hält man mit – gegen die Kleinen hat man Probleme

In den Spielen gegen die „kleinen“ Nationen ist man nach wie vor nicht im Stande, das Spiel zu diktieren, das Geschehen zu dominieren und sich die nötige Ruhe in den Spielen zu erarbeiten. Manchmal spielte man zu kompliziert, ging nicht genügend vor das Tor und suchte den Abschluss nicht. Oder er fehlte an Härte. Vor allem im Spiel gegen Weissrussland liess man dem Gegner zu viel Spielraum. Und diesen nutzten die Gegner auf diesem Niveau erbarmungslos aus. In diesem Bereich muss die Schweizer Nationalmannschaft und die Liga arbeiten. Denn man hat in der Liga manchmal das Gefühl, dass auch hier so gespielt und trainiert wird. Keiner der Spieler sucht den direkten Zug vor das Tor oder sucht den direkten Abschluss. Lieber schiebt man die Verantwortung noch einmal einem anderen Spieler zu. Wieso aber in einem Spiel gegen die Grossen dieses Phänomen nicht zu beobachten ist, ist erstaunlich. Dort scheint alles zu klappen und man kann die kleinen Dinge richtig machen, die man gegen die Kleinen auf einmal nicht mehr kann. Liegt dies am Druck des Gewinnenmüssens? Diese Frage wird man wohl erst in einigen Monaten oder Jahren abschliessend beantworten können.

Auf der Torhüter-Position gut besetzt – Aber auch Hiller mit Patzer

Abschliessend kann man die Torhüterwahl Kruegers beantworten. Auf dieser Position hat sich gezeigt, dass auch die Schweizer Nationalmannschaft einen ausgezeichneten bis brillanten Torhüter braucht, um in den entscheidenden Spielen einen Schritt nach vorne zu machen. Und dies hatte Ralph Krueger in diesem Jahr nicht. Sowohl gegen Norwegen wie auch gegen Weissrussland war die Leistung von Jonas Hiller nur durchschnittlich. Und dies reicht nicht, um mit den grossen Nationen mitzuhalten. Vor allem im Spiel gegen Norwegen patzte der erfahrene NHL-Schlussmann der Anaheim Ducks. Um auch gegen Weissrussland das eine oder andere Mal nicht die richtigen Entscheidungen zu machen. Doch in beiden Spielen wurde er auch zu wenig von den Verteidigern unterstützt. Eine Frage die sich dem neutralen Zuschauer stellte ist, ob Krueger nicht in einem der beiden Spiele Tobias Stephan hätte einsetzen sollen. Denn mit Stephan verfügte man über einen guten Backup-Torhüter, welcher sicher einen Einsatz verdient gehabt hätte. Und eine solche Rochade hätte auch Hiller gut getan.

Verteidigung gereift – Weber tat Denkpause gut

Eine andere Art der Pause tat Yannick Weber gut. Nach seinen beiden missglückten Auftritten gegen die USA und gegen Kanada verordnete Krueger dem erst 22-jährigen eine Pause. Danach wirkte er wieder konzentrierter, war mit vollem Einsatz dabei und liess sich nicht mehr so leicht übertölpeln. Er traf danach die richtigen Entscheidungen und wurde solider. Anders ist die Leistung von Luca Sbisa einzustufen. Der 19-jährige Verteidiger war von Beginn an bereit, liess sich durch nichts beirren und konnte das eine oder andere Mal mit seinen Entscheidungen das Spiel beeinflussen und beruhigen. Seine Spielübersicht und seine Ruhe waren für sein Alter perfekt. Auch ein sehr gutes Turnier spielte Mathias Seger. Der Zürcher Verteidiger vermochte sich wieder an seine Position neben Mark Streit zu spielen. Vor zwei Jahren hatte man das Gefühl, dass seine Nationalmannschaftskarriere dem Ende zu neige. Doch mit eisernem Willen kämpfte er sich wieder in das Team zurück. Und sein Einsatz hat sich gelohnt. Er war mit Mark Streit und Severin Blindenbacher einer der besten Verteidiger im Team.

Überraschung Wick – Generationenwechsel eingeleitet

Im Sturm war die Entdeckung des Turniers Roman Wick. Mit seinen Vorstössen und seinem Spielverständnis konnte er das eine oder andere Mal überraschen. Dabei merkte man ihm seine Erfahrung aus Nordamerika an. Das kleinere Eisfeld war für ihn ein Vorteil. Enttäuscht waren wir von dem Stürmer-Duo Martin Plüss und Ivo Rüthemann. Ihre Arbeit war meist brotlose Kunst. Keiner der beiden fand den Tritt richtig in das Turnier. Dafür sprangen mit Julien Sprunger und Romano Lemm zwei junge Spieler in deren Lücke und vermochten je zwei Tore zu erzielen. Wenn man den beiden weiter Zeit gibt sich zu entwickeln, dann hat man in naher Zukunft das eine oder andere Plus in der Nationalmannschaft. Und die jungen Spieler drücken nach oben. Dies merkten an diesen Spielen auch die renommierten Spieler. Ob der eine oder andere den Rücktritt aus der Nationalmannschaft geben wird? Zu hoffen ist es. Oder hat Sean Simpson den Mut, die erfahrenen Spieler aus dem Kader zu streichen und den Jungen in der Zukunft die Chance an Weltmeisterschaften geben? Denn Ralph Krueger hat den Generationenwechsel eingeleitet. Hoffen wir, dass Simpson diesen weiter ziehen wird.

Die Beurteilung

Wir haben lange überlegt, ob wir die Schweizer mit Noten beurteilen wollen. Dabei haben wir gemerkt, dass das Team als gesamtes die Note 5 verdient hat. Keiner der Spieler viel ab oder konnte nicht mithalten. Denn die olympischen Spiele waren, anders als andere Turniere zuvor, ein Teameffort.

Torhüter

Jonas Hiller

Hiller überzeugte mit guten Reflexen und seiner Spielübersicht. Dazu gewann er an Beweglichkeit und Sicherheit. Auch eine gewisse Aggressivität war vorhanden. Hiller hatte aber Mühe in Spielen, in denen er wenig Arbeit hatte. Dort war er nie richtig im Spiel.

Tobias Stephan und Ronnie Rüeger: keine Beurteilung

Verteidiger

Severin Blindenbacher

Severin Blindenbacher schätzen wir schon lange. In Schweden hat er offensichtlich Fortschritte gemacht. Sein gutes Auge für den ersten Pass, sein schneller Spielaufbau und sein ruhiges Spiel beeindrucken uns. Aber ein Manko hat er immer noch. Er neigt zu übereifrigem Stellungswechsel und zu unnötigen Strafen.

Mark Streit

Nicht nur bei den New York Islanders ein verlässlicher Verteidiger. Auch in der Schweizer Nati ein Spieler mit viel Verantwortung. Doch das Team hat sich phasenweise zu sehr auf ihn verlassen. Zu viel lief über den Captain. Dabei überwiegen doch die Vorteile von Streit. Er hat einen schnellen ersten Pass, verfügt über eine grosse Spielübersicht und ist nicht aus der Ruhe zu bringen. Und hatte mit Seger einen ausgezeichneten Backpartner an seiner Seite.

Rafael Diaz

Rafael Diaz verfügt über ein gutes Positionsspiel und ist ruhig im Aufbau. Auf den ersten Blick scheint er alles richtig zu machen. Dennoch haben wir einen kleinen Kritikpunkt. Wenn er unter Druck spielen sollte, scheint er auf diesem Niveau etwas überfordert zu sein.

Mathias Seger

Zu Beginn musste er seine Rolle finden. Doch nach dem Wechsel zu Mark Streit blühte er auf. Er ist eine defensive Bank, macht fast keine Fehler und spielt ein einfaches Spiel. Dazu kommt noch seine Geschwindigkeit, welche nun immer wie besser zur Geltung kommt.

Luca Sbisa

Er spielte für einen 19-Jährigen ausgezeichnet. Er spielte ruhig und abgeklärt. Sein Stellungsspiel ist 1A und sein gutes Auge beruhigte manches Spiel. Sein erster Pass ist gut. Er macht kaum Fehler. Und wenn er mal einen macht, dann ärgert er sich masslos und macht diesen mit dem nächsten Einsatz wieder wett.

Philippe Furrer

Furrer ist einer der wenigen Spieler in der Schweiz, welcher das harte Spiel auf den Körper liebt. Er hat dazu gelernt und ist reifer geworden. Er ist nun unter den harten Arbeitern angekommen und hat keine Aussetzer mehr.

Patrick von Gunten

Von Gunten ist ein schneller und wendiger Verteidiger. Hat er einmal die Scheibe, so kann er diese schnell weiter spielen oder das Spiel beruhigen und neu Aufbauen. Er verfügt über ein gutes Auge. Nur schade, dass ihn Krueger nicht mehr einsetzte. Er rechtfertigte seine Nomination auf alle Fälle.

Yannick Weber

Yannick Weber startet sehr schlecht in das Turnier. Im ersten Spiel verursachte er durch zwei Fehler zwei Tore. Dies sollte ihm nicht geschehen. Doch nach der Zwangspause gegen Norwegen steigerte er sich merklich. Und beschränkte sich bei seinen Einsätzen auf das was er kann. Vielleicht war es zu früh für ihn, an den olympischen Spielen anzutreten. Doch daran wird er wachsen.

Stürmer

Andres Ambühl

Andres Ambühl hat sich durch sein AHL-Jahr verändert. Er wirkt schneller, wendiger und beweglicher. Zudem hat er sich im Körperspiel verbessert. Er wurde härter und unnachgiebiger. Auch mit seiner Arbeit in der Defensive ist er einen Schritt weiter gekommen.

Roman Wick

Einer der wenigen Spieler, der den Zug direkt vor das Tor sucht. Er ist trickreich, wendig und hat ein gutes Auge. Was uns aber fehlt ist, seine physische Präsenz. Uns schien es, dass er den Checks eher ausweicht und meidet. Oder irren wir uns?

Hnat Domenichelli

Wir sahen einen anderen Domenichelli als im Klub. In der Nationalmannschaft überzeugte er mit seinem guten Auge und seiner Geschwindigkeit. Sein Zug aufs Tor war da. Seine Spielübersicht war für das Schweizer Spiel von Nöten. Zu Beginn war er noch nicht im Turnier. Am Ende war er ein wichtiger Teil in der Nationalmannschaft.

Thomas Déruns

Déruns ist ein harter Checker, der keinem Gegner aus dem Weg geht. Zudem arbeitet er an der Bande hart und unerbittlich. Seine Läufe an der Bande sind ein Pluspunkt in der Nationalmannschaft.

Thierry Paterlini

Paterlini spielte Wohl sein letztes grosses Turnier. Er ist ein verlässlicher Defensiv-Arbeiter und ein guter Checker. Er neigt aber zu unnötigen Strafen. Dies kann ihm in der Nach-Krueger-Ära den Platz kosten.

Thibaut Monnet

Monnet ist einer der Spieler, der sein Rolle gut interpretieren konnte. Er ist läuferisch und kämpferisch Top. Sein Spiel wurde immer besser und er kann in entscheidenden Phasen noch besser sein. Dies hat er aber an den olympischen Spielen noch nicht gezeigt. Doch in Zukunft wird dies anders sein.

Martin Plüss

Martin Plüss ist schnell, wendig und kampfstark. Dazu ist er ein guter Bully-Spieler und hat ein gutes Auge. Oder täuschen wir uns? Teilweise hatten wir das Gefühl, dass er zu viel wollte.

Ivo Rüthemann

Rüthemann ist ein Spieler, der schnell und trickreich agiert. Er sucht auch den direkten Weg auf das Tor. Und er hat Erfolg damit. Doch nicht an diesen olympischen Spielen. Vermutlich wird er sein letztes grosses Turnier gespielt haben. Oder irren wir uns hier? Das kann durchaus sein. Die Zukunft wird es jedoch weisen.

Sandy Jeannin

Er ist ein Spieler, den man kaum wahr nimmt. Bis man dann dem Spiel genauer zu sieht und ihn beobachtet. Er ist ein ruhiger Spieler, der mannschaftsdienlich und mit seinem ruhigen Spiel unter Druck profitiert. Sein Auge für den Pass zum Mitspieler ist ausgezeichnet.

Raffaele Sannitz

Sannitz ist ein Kämpfer und Arbeiter. Er kann sich immer wieder durchsetzen. Zudem hat er gute Beine und ist laufstark. Kann es aber sein, dass er unterschätzt wurde?

Romano Lemm

Lemm wird ein Spieler sein, der in der Zukunft von sich reden machen wird. Es kann sein, dass der Lemm, den wir an den olympischen Spielen sahen, noch nicht am Ende seiner Entwicklung ist. Er ist schnell und wendig. Zudem ist er im Abschluss unberechenbar. Ein Plus in der Zukunft?

Julien Sprunger

Hätten wir Julien Sprunger nach den ersten beiden Spielen bewerten müssen, dann wäre er bei uns durchgefallen. Wir hätten ihn als Fehlbesetzung im Team gesehen. Ja länger aber das Turnier dauerte um so besser wurde er. Aber Sprunger kann noch mehr und wird dies in Zukunft auch wieder zeigen.