Aufstand der Kleinen?

Von Urs Berger

Die vier "kleinen" Nationen sind bereit, um an den Olympischen Spielen eine Überraschung zu erreichen. Doch welches Team wird das Glück haben und in einen Viertelfinal vorzudringen? Potenzial haben alle vier Nationen. Wir beleuchten deren Chancen für das olympische Turnier.

Norwegen – Kannonenfutter für die Grossen?

Am wenigstens Chancen wird wohl Norwegen haben. Die Norweger konnten sich gegen ein besser eingeschätztes Team aus Dänemark durchsetzen und die Olympia-Qulaifikation zu Hause in Oslo für sich entscheiden. Zuvor war man davon ausgegangen, dass Dänemark gesetzt sein dürfte. Doch Norwegen konnte sich im entscheidenden Spiel dank einem überragenden Patrick Thoressen (Ex-Lugano) mit 5:3 für die Olympischen Spiele in Vancouver qualifizieren. Nun gilt es für die Mannen mit dem Eisbären auf der Brust, sich zu beweisen. Doch mehr als der eine oder andere Achtungserfolg wird wohl nicht im Bereich des Möglichen sein. Oder doch? Ein Blick auf den Kader für das olympische Turnier verheisst wenig Spektakel und viel Defenisvverhalten der Norweger. Dabei wird es auch auf die Torhüter ankommen. Als Nummer eins dürfte wohl Pal Grotens gesetzt sein. Der 32jährige Schlussman konnte bereits an den Weltmeisterschaften in Bern und Kloten seine Position halten und verteidigen und vermochte durchaus das eine oder andere Mal zu überzeugen. Als zweiter Torhüter könnte der zehn Jahre jüngere Ruben Smith nach Olympia reisen. Auch er verfügt über internationale Erfahrung und kennt die Stadt Vancouver. Vor vier Jahren spielte er mit Norwegen gegen Julien Sprunger, Yannick Weber und Raphael Diaz um den Klassenerhalt. Doch gereicht hatte es den Norwegern damals nicht. Im Eröffnungsspiel der Schweizer verlor Norwegen mit 0:2.

Auch in der Verteidung tifft man auf bekannte Spieler von internationalen Anlässen. Mit Tommy Jakobson, Ole Kristina Tollefsen (Philadelphia Flyers) und Mats Trygg (Kölner Haie) stehen erfahrene Verteidiger, welche durchaus das eine oder andere Mal den Unteschied machen können. Im Sturm sind die Norweger ausgeglichen. In der ersten Linie dürften Morten Ask (Nürnberg Ice Tigers), Mathias Olimb (Frölunda Götheborg) und Patrick Thoresen (Ufa) spielen. Damit hätte man eine schlagkräftige erste Linie, welche durchaus sehr gefährlich werden könnte. Sollte einer dieser Spieler sich verletzen oder angeschlagen sein, so würde Thoren Vikingstad, der vermutlich die zweite Linie anführen wird, die frei werdende Position übernehmen. Doch reichen diese Spieler aus, um an den Spielen die Schweizer zu bezwingen?

Deutschland – Auf der Suche nach der Identität

In Deutschland ist der Verband und die DEL im Dauerstreit. Die DEL will mehr Mitsprache-Recht im DEB; der DEB will mehr Freiheiten, was das Aufgebot seiner Nationalmannschaft anbelangt. Doch hier stellt sich die DEL wiederum quer. Ein Teuelfskreis, der kaum vor den Olympischen Spielen zu durchbrechen sein wird. Und dann ist noch das Dauertehma Nationaltrainer sowie die schlechten Leistungen der Nationalmannschaft in den vergangenen Jahren. Nach dem Abstieg an den Weltmeisterschaften in Wien 2005 konnte sich Deutschland nie mehr richtig erholen und aufbauen. Diese wichtige Aufbage wurde immer wieder von der DEL torpediert. Eine Liga, in welcher notabene elf ausländische Spieler auf dem Matchblatt stehen können und welche sich immer als eine der besten Ligen ausserhalb der NHL sieht, aber den eigenen Nachwuchs vernachlässigt und versucht, die strukturellen Probleme der Liga auf den DEB abzuwälzen? Und auch vergisst, den eigenen Nachwuchs auszubilden und in der DEL zu integireren. Weiter erschwerend kommt dazu, das Uwe Krupp die deutschen Nationalspieler erst ab dem 8. Februar zur Verfügung standen. Erneut hat die DEL, welche bis am 14.02.2009 weiterspielt, dem DEB die Suppe versalzen.

Unter diesen erschwerten Bedingungen erhoffen sich die Deutschen ein gutes Resultat erhoffen. Einfach wird es aber nicht werden. Auch wenn Spieler wie Jochen Hecht (Buffalo Sabers), Dennis Seidenberg (Florida Panthers), Christian Erhoff (Vancouver Canucks) oder Marcel Goc (Nashville Predators) dabei sein werden. Dies vorallem darum, weil die Deutschen an einer latenten Selbstüberschätzung leiden. Einige Spieler sprechen bereits offen von einer Quallifikation für das Halbfinale. Ob dies nicht etwas realitätsfremd ist, wird sich weisen. Realistischerweise ist in der Gruppe mit Schweden, Finnland und Weissrussland wohl eher mit einem letzen Platz zu rechnen. Und ob mann dann die Qaulifikation für das Viertelfinale erreichen kann, wird sich weisen. Sicher ist nur, dass Deutschland an den kommenden olympischen Spielen seine Identität und seinen Platz unter den weltbesten Teams suchen muss. Und wenn das Deutsche Kader am vermutlich letzten grossen Turnier von Uwe Krupp am gleichen Strick zieht, dann wäre eine Überraschung möglich. Trotz allen Querelen zwischen Verband und Liga.

Lettland – Immer wieder für Überraschungen gut

Seit 2002 ist Lettland immer wieder an den Olympischen Spielen dabei. Und bei allen Teilnahmen hinterlässt Lettland einen guten Eindruck. Ein Vergleich mit der Schweiz ist durchaus gegeben. Wie die Schweiz scheiterte Lettland 2002 in der Vorqualifikation. Vier Jahre später konnte man ebenfalls nicht in die Viertelfinals vordringen und musste nach der Vorrunde die Koffern packen und nach Hause fahren. Dieses Jahr möchten die Letten weiter kommen. Eine Qualifikation für das Viertelfinal wäre keine Überraschung, sondern eine logische Folge der zuletzt auf internationalem Niveau. Auf der internationalen Bühne konnte man sich in den letzen Jahren unter den besten 13 Teams der Welt rangieren. Das beste Ergebnis erzielten die Letten an der letzten Weltmeisterschaft in der Schweiz, als sie auf dem siebten Platz abschlossen. Und nun will der Lettische Verband beweisen, dass man nach oben noch mehr Raum hat.

Dass dabei der Teamgedanke im Vordergrund steht, ist nicht erstaunlich. So entschlossen sich der Verband, die besten Spieler des eingenen Landes in ein Team zu integrieren. Die Folge davon ist, dass 16 Spieler beim KHL Klub Dynamo Riga spielen. Und auch der Trainer steht dort an der Bande. So treffen die Gegener auf ein eingespieltes Team, welches durch sieben "Ausländer" ergänzt wurden. Oskars Bartulis (Philadelphia Flyers), Gerogijy Pujacs (Sibis Novosiboirsk), Arvids Redskis (Grizzly Adams Wolfsburg), Kaspar Daugavins (Binghampton Senators), Alekseis Sirokovs (Amur Khabaraovs) und Herberts Vasiljevs (Krefeld Pinguine) sollen ihre Erfahrung einbringen. Vieles hängt jedoch auch vom lettischen Schlussman ab. Spielt Edgar Maskalskis erneut auf dem gleich hohen Niveau wie in Bern, dann liegt nicht nur eine kleine Überrasachung in Reichweite. Doch dazu muss auch rundherum alles stimmen. Denn nun kann der Verband keinen Einfluss mehr nehmen. Ob sich das Risiko auszahlt?

Weissrussland – Verhindern Querelen gute Leistungen?

Ähnlich wie Lettland ist auch Weissrussland auf dem Wege zu einer Top-Platzierung in der Weltrangliste. Dank der stetigen Steigerung in den letzten Jahren konnten die Weissrussen auf den neunten und damit letzen Platz vorstossen, welcher keine Qualifikationsspiele für die Olympischen Spiele benötigte. Und dennoch ging einiges falsch in den letzten Monaten beim momentan Achtplatzierten in der Weltrangliste. Zu aller erst wurde der Kanadische Headcoach Glen Hanlon im November der letzten Jahres freigestellt. Doch ob sein Nachfolger, Mikhail Zakharov, den Erfolg haben wird, den Glen Hanlon mit zwei Qualifikationen für den Viertelfinal hatte, bleibt eine Frage, denn international hat Zakharov keine grosse Erfahrung. Ob dies zu einem Stolperstein für das weissrussische Team und seine Entwicklung werden wird? Denn einfach wird es nicht werden, den Erfolg der letzen Jahre, oder sogar den Erfolg von 2002 in Salt Lake City zu weiderholen. Zwar ist mit Andrei Mezin ein ausgezeichneter Schlussmann in den Reihen der Weissrussen und mit Verteidiger Ruslan Salei ein weiterer Routinier im Team. Doch dann lichten sich die Abwehr reihen.

Ein weiteres Fragezeichen darf getrost im Sturm gesetzt werden. Können die Gebrüder Andrei und Sergei Kostitsyn von den Montréal Canadiens und Mikhail Grabovsky von den Toronto Maple Leafs ihren seit Jahren andauernden Streit untereinander ablegen und für das Wohl des Landes zu einer Einheit werden? Denn Gerüchten zufolge soll nicht nur einmal das eine oder andere böse Wort gefallen sein. Als die drei in Montréal im gleichen Spiel waren, sollen soger die Fäuste geflogen sein. Doch ob dies der Wahrheit entspricht liess sich nicht eruieren. Die Frage die sich nun stellt ist, ob der neue Trainer seine Mannschaft von Beginn an unter Kontrolle hat und seine besten Spieler in das Team integireren kann. Gelingt ihm dies, ist eine Überraschung möglich. Wenn nicht werden die Weissrussen, welche 2014 die Weltmeisterschaften im eigenen Land austragen, eine harte Landung erleben. Und vielleicht damit auch den langsamen Untergang einleiten.