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„Einer muss schuld sein“ |
Linienrichter Daniel Wirth war als einziger Schweizer Unparteischer an der U20-WM in Saskatoon und Regina. Hockeyfans.ch hatte während des Turniers die Gelegenheit mit dem Basler über seine Aufgaben und Ambitionen zu sprechen.
Daniel Wirth, was bedeutet es für sie, als einziger Schweizer Unparteischer an der U20-WM teilzunehmen?
Für mich ist es ein Riesenerfolg, an einer U20-WM teilzunehmen. Vor allem weil sie in Kanada stattfindet. Es war für mich immer ein Traum in Kanada ein Turnier zu pfeifen.
Was macht Kanada ganz speziell?
Kanada ist das pure Hockeyland. Kanada gehört zu den besten Mannschaften der Welt. Auch die Fans sind unglaublich. Jeder, der je ein Turnier in Kanada pfeifen durfte, sagt: „Wow, das war ein Erlebnis.“
Was gibt es für Unterschiede zwischen diesem Turnier und der NLA?
Das Niveau hier ist sehr hochstehend. Herausstechend ist, dass man sehr viele saubere Checks sieht. Die Stöcke bleiben am Boden und die Checks sind Schulter an Schulter. Dies lieben die kanadischen Zuschauer ganz speziell.
In einem Spiel gab es eine Situation, in welcher es eine Rauferei gab. Wie erlebt man das, wenn man in einer solchen Situation dazwischen gehen muss?
Das ist die Aufgabe des Linienrichters. Wie ich beim besagtem Spiel gemerkt habe, sind die Jungs ziemlich kräftig (lacht). Nach einer gewissen Zeit haben wir es doch noch geschafft die zwei Streithähne zu trennen.
International wird es so gehandhabt, dass man sofort eingreift, wenn zwei Spieler auf einander losgehen. In der NHL das anders. Man lässt die Spieler prügeln. Was ist für sie die bessere Variante?
Wenn sich in der NHL zwei prügeln, schauen die andern zu. Man lässt sie austoben bis sie müde sind oder zu Boden gehen, dann greifen die Linienrichter ein. Wenn bei uns sich zwei prügeln wollen, kommt meistens noch ein dritter und vierter Spieler dazu, der raufen oder auch helfen möchte. Es kommt dann eher zu einer Rangelei als zu einer echten Schlägerei. Daher ist es schwieriger die Situation optimal zu klären.
Wie sind sie zu ihrem Job als Linienrichter gekommen?
Ich habe relativ spät zu spielen begonnen. Ich spielte bei den Novizen, Junioren und in der 3. und 4. Liga. Als Spieler merkte ich, dass ich nicht mehr weiter komme. Mein Junioren-Trainer meinte, ich sollte es einmal als Schiedsrichter versuchen. Der Job hat mir von Anfang an Spass gemacht. Als Linienrichter kam ich schnell weiter: 1. Liga, NLB, NLA. Nun pfeife ich schon die zwölfte Saison NLA.
Hat man als Linienrichter die Chance zum Hauptschiedsrichter aufzusteigen?
Wenn man gewisse Jahre Linienrichter gepfiffen hat und zum Hauptschiedsrichter aufsteigen möchte, kann man dies beim Schiedsrichterchef anmelden. Dieser entscheidet, ob man die Ausbildung zum Hauptschiedsrichter machen kann. Persönlich bin ich gerade daran, mich zum Hauptschiedsrichter weiterbilden zu lassen. Seit letzter Saison pfeife ich Junioren Elite A. Diese Saison durfte ich zwei Mal ein Derby der 2. Bundesliga in Deutschland zwischen Schwenningen und Ravensburg pfeifen. Das war sehr speziell vor 4000 Zuschauern meine Feuertaufe zu erleben. Der Schiedsrichterbetreuer war nach dem Spiel sehr zufrieden mit meiner Leistung.
Ist es schwierig zwischen Linienrichter und Hauptschiedsrichter umzustellen?
Das Umstellen auf Linienrichter ist nicht schwierig, da ich dies schon lange mache. Die Umstellung zum Hauptschiedsrichter ist schwieriger. Vor allem das Stellungsspiel ist am Anfang etwas ungewohnt. Mit jedem Spiel wird man besser und erfahrener.
Wie haben sie die Erfolge der Schweizer U20-Nationalmannschaft miterlebt?
Da die Schweiz in Saskatoon spielte, durfte ich meine Spiele in der Gruppenphase in Regina pfeifen. Ich konnte daher nur das Halbfinale der Schweizer sehen. Es macht mich aber stolz, dass es die Schweiz ins Halbfinale geschafft hat. Ein Halbfinale an einer U20-WM ist ein grosser Erfolg.
Während der U20-WM läuft jeweils auch der Spengler Cup. Dieser nimmt in den Medien immer sehr viel Platz ein. Daneben bleibt wenig Platz für die U20-WM, die eines der besten Turniere der Welt ist.
Das Junioren-Eishockey hat in der Schweiz leider den kleineren Stellenwert, als zum Beispiel hier in Kanada. Das sieht man nur schon an den Zuschauerzahlen. Ich glaube aber, dass das Problem wo anders liegt. In den Schweizer Medien hat es für Eishockey viel weniger Platz als für Fussball. Beim Fussball wird zum Teil bis in die tiefsten Ligen berichtet. Beim Eishockey muss man oft schon froh sein, wenn die NLB-Resultate drin sind.
Linienrichter ist bekanntlich nicht ihr Hauptjob. Wie regeln sie das mit ihrem Arbeitgeber? Opfern sie jeweils deine Ferien für solche Turniere?
Ich arbeite 100%. Der Linienrichter-Job ist nur ein Hobby. Im Geschäft haben wir zwei Wochen Betriebsferien. Eine Ferienwoche geht jeweils für ein Trainingslager drauf. Eine zweite Woche für ein internationales Turnier. Damit bin ich schon auf vier Wochen. Geht das Turnier zwei Wochen, muss ich unbezahlten Urlaub nehmen.
Sie pfeifen an der U20-WM. Das Highlight in diesem Jahr ist jedoch die Olympiade. Ist es ein Ziel von ihnen, einmal an der Olympiade zu pfeifen?
An einer Olympiade zu pfeifen ist ein Traum. Es ist jedoch sehr schwierig einen Platz bei Olympia zu bekommen. Ausserhalb der NHL werden nur sieben Schiedsrichter und sieben Linienrichter aufgeboten.
Die Schweiz geniesst jedoch einen guten Ruf unter den Schiedsrichtern.
Das ist richtig. Dieses Jahr sind mit Brent Reiber und Danny Kurmann gleich zwei Hauptschiedsrichter an der Olympiade dabei, dass ist ein Novum.
An diesem Turnier gab es eine Situation, in der ein Linienrichter fälschlicherweise wegen zu vielen Feldspielern abpfiff. Unmittelbar nach dem Pfiff bemerkte er seinen Fehler. Wie handhaben sie so etwas? Kostet das eine Runde Bier?
Nein, eine Runde Bier kostet es nur, wenn man umfällt. Zumindest in der Meisterschaft ist das so. International haben wir ein grösseres Pensum, da kann man nicht jeden Abend Bier trinken gehen. Statt Bier trinken wir dann Cola.
Was zählt als Umfallen? Wenn man von alleine umfällt, oder zählt es auch, wenn man „gelegt“ wird?
Das ist egal. Wenn es zur Kollision mit einem Spieler kommt, ist man schlecht gestanden.
Der Schiedsrichter hat meist kein gutes Ansehen. Wenn man im Eishockey verliert ist oftmals der Schiedsrichter schuld. Nehmen sie dies auch so wahr?
Einer muss Schuld sein. Wenn man verliert ist der Schiedsrichter oftmals die einfachste Ausrede.
Es gab in dieser Saison ein Spiel, bei dem Brent Reiber bedroht wurde. Ist ihnen ähnliches auch schon passiert?
Persönlich wurde ich noch nie bedroht. Allerdings wurde mir schon einmal mein Auto zerkratzt.
Ist das nicht ärgerlich, wenn man nur seinen Job macht und als Dank wird einem noch das Auto zerkratzt?
Klar, das ärgert einem. Es ist sehr schade das solche negative Vorkommnisse immer wieder geschehen. Es ist jedoch ein kleiner Teil der negativ auffällt, ansonsten sind die Fans in der Schweiz super. Wenn man mit Leuten aus Nordamerika spricht, stellt man fest, dass die Schiedsrichter ein viel höheres Ansehen haben. In Nordamerika wird der Schiedsrichter als Teil des Spiels wahrgenommen. In der Schweiz wird man währenddessen meist als erstes ausgepfiffen.
Wie gehen sie damit um, dass sie oft ausgepfiffen werden?
Man gewöhnt sich daran, dass die Zuschauer pfeifen wenn sie unzufrieden oder nicht gleicher Meinung sind wie wir. Für mich ist es immer ein spezieller Ansporn wenn 5, 6 oder gar 16'000 Zuschauer pfeifen wenn man aufs Eis geht. Die pfeifen ja für uns und ich nehme das auch als Lob auf. Natürlich wäre es schöner, wenn man vor dem Spiel auf das Eis geht, die Zuschauer klatschen und sich mit uns Schiedsrichter auf ein gutes, schnelles und spannendes Eishockey-Spiel freuen würden.