Tristesse in Orange County

Von Dennis Schellenberg

Eigentlich hätten die Anaheim Ducks mit diesem Kader weit oben in der Tabelle stehen müssen. Von verschiedenen Medien wurden die Ducks sogar zum erweiterten Titelanwärterkreis hinzu gezählt. Nun, im tiefen Dezember kurz vor Weihnachten steht das Team aus Kalifornien am Tabellenende der Western Conference, sprich auf dem 13. Zwischenrang bei 15 Teams.

Das vermeintlich beste Torhüterduo

Das Bild ist meistens das Gleiche: Die Spieler der Ducks gehen mit hängenden Köpfen vom Feld und müssen sich den Unmut der Fans anhören. Und auch die Kabinenansprachen von Headcoach Randy Carlyle dürften nicht all zu ermutigend sein. Doch wer ist nun Schuld an der momentanen Misere der Anaheim Ducks? Fliegt General Manager Bob Murray? Erwischt es Trainer Carlyle oder doch einen der Starspieler?

Für das schwache und enttäuschende Abschneiden gibt es, wie meistens bei solchen Fällen, nicht nur einen Schuldigen. Eine alte Eishockeyweisheit behauptet, dass die Offensive Spiele entscheidet, aber die Defensive Meisterschaften. Böse Zungen behaupten: Die Anaheim Ducks haben weder eine Offensive noch eine Defensive! Und so ganz unrecht haben sie nicht. Das erste Problem gestaltet sich aber noch hinter der Defensive, nämlich auf der Torhüterposition. Vor der Saison behauptete man, dass die Ducks das wohl beste Torhüterduo der Liga besitzen. Zum jetzigen Zeitpunkt stellt sich dies als eine „Ente“ dar. Nachdem Jonas Hiller phänomenale Playoffs spielte und grossen Anteil am Erfolg der Ducks hatte, konnte er sich während der Verletzungsphase Giguères, zu Beginn der Saison, nicht als Nummer eins bestätigen. Obwohl die Leistungen des Schweizers in Ordnung waren, konnte er keinen Extra-Effort mehr leisten. Und auch Jean-Sebastien Giguère konnte nach seiner Rückkehr nicht wirklich überzeugen. Auch der Kanadier hatte keine schwachen Leistungen gezeigt, doch er vermag die Niederlagen nicht zu verhindern. Mit durchschnittlichen Gegentorquoten von über 2.74 pro Spiel befinden sich beide Torhüter unter ihren Fähigkeiten. Doch für eine gute Torhüterleistung benötigt es bekanntlich auch eine solide Verteidigung. Und genau diese ist bei Anaheim wohl das grösste Übel.

Hinterliessen Pronger und Beauchemin eine zu grosse Lücke?

Im Schnitt schiessen die Gegner Anaheims über 32 Schüsse aufs Tor, was eine der höchsten Zahlen der Liga ist. Dies ist sicherlich kein optimaler Wert, um hinten dicht zu halten. Dass die Verteidigung die Achillesferse der Mannschaft ist, wusste wohl auch General Manager Bob Murray. Die Abgänge von Chris Pronger, François Beauchemin, Kent Huskins usw. waren zu viele. Mit neuen Verteidigern wie Scott Boynton oder Steve Eminger fehlte einfach die Zeit, um die Spieler rechtzeitig zu integrieren. Doch auch nach fast der Hälfte der Saison klappt das Zusammenspiel im Defensivbereich überhaupt noch nicht. Die Anaheim Ducks kassieren viel zu viele Gegentore. Mehr als drei Tore pro Spiel sind es im Durchschnitt. Will man bei diesem Wert trotzdem Spiele gewinnen, muss die Offensive schon mindestens einmal diesen Schnitt überbieten, sprich mehr als drei Tore schiessen.

Hoffnung beim Überzahlspiel und Sexton

Und da ist man schon beim nächsten Problem angelangt. Die Stürmer sind nicht sehr treffsicher diese Saison. Zudem ist die Mannschaft vielleicht ein wenig zu abhängig von Ryan Getzlaf und Corey Perry. Die beiden Stürmer erzielten bis jetzt deutlich mehr Punkte als ihre Kollegen. Läuft es Perry und Getzlaf nicht, läuft auch beim Team nicht viel. Da kamen natürlich die Verletzungen von Teemu Selänne und Joffrey Lupul höchst ungelegen. Selänne fehlt noch mindestens bis anfangs Januar und Lupul wird erst wieder im März spielen können. Vor allem die, immer noch erhaltene, Torgefährlichkeit des Finnen könnten die Ducks momentan gut gebrauchen (14 Tore aus 27 Spielen). Bisher noch nicht so ganz in Anaheim angekommen ist Selännes Landsmann, Saku Koivu. Allerdings kam Koivu in den letzten Spielen etwas besser in Form, wie er neu mit Dan Sexton und Bobby Ryan auf einer Linie spielt. Vor allem Dan Sextons Berufung in die NHL brachte dem ganzen Team etwas Schwung. Der 22-jährige US-Amerikaner spielte in dieser Saison in der ECHL und in der AHL. Seit der ungedraftete Sexton in der besten Liga der Welt spielt, sind ihm bereits acht Punkte in neun Spielen gelungen.

Ein weiterer positiver Aspekt auf dem die Anaheim Ducks aufbauen können, ist das Überzahlspiel. Kaum zu glauben, aber die Kalifornier weisen mit 23.2% das zweitbeste Powerplay der gesamten Liga auf. Vor allem mit Whitney und Niedermayer verfügen die Ducks über zwei gute Powerplayverteidiger, die das Spiel organisieren können.

Glücklos in die Krise

Wie üblich, wenn es einer Mannschaft nicht gut läuft, kommt auch noch Pech dazu. Oft kämpften die Anaheim Ducks glücklos und gaben einen Sieg noch aus den Händen. Bei nur gerade 40% aller Spiele, bei denen sie führen, gehen sie dann auch als Sieger vom Eis. Das zeigt auch auf, dass es dem Team von Randy Carlyle an Selbstvertrauen fehlt. Es fehlen auch die positiven Serien, bei denen man ein paar Spiele nacheinander gewinnen kann. Nach einer guten Mannschaftsleistung folgen oftmals wieder katastrophale Spiele. Experten sind der Meinung, dass bei den Ducks das physische Element verloren gegangen ist. Zwar zieht das Team immer noch zu viele Strafen, doch die individuellen Checking-skills sind nicht mehr so stark, wie noch letzte Saison. Dass Ryan Getzlaf, der auch Topskorer des Teams ist, um die 30 Checks mehr aufweist wie der Zweitplatzierte, macht dies deutlich. Die vermeintlich weniger nennenswerten Abgänge von Rob Niedermayer, Samuel Pahlsson oder Travis Moen machen sich da bemerkbar.

Verlorene Identität?

Dazu ging etwas an Teamidentität verloren. Als man im Jahre 2007 den Stanley Cup gewann, hatte man eine gesunde physische Härte kombiniert mit spielerischer Klasse. Spielte man gegen eine physisch starke Mannschaft, hebelte man sie mit der individuellen spielerischen Klasse aus und wenn der Gegner technische Vorteile hatte, liess man es an den Banden krachen und setzte den Gegner unter Druck. Mit den Abgängen von Spielern wie Penner, Kunitz, Beauchemin usw. und den Zuzügen von Spielern die entweder physisch stark oder technische Vorteile haben, ging diese Identität teilweise verloren. Zum heutigen Zeitpunkt sieht es eher so aus, als hätten die Ducks weder physische Stärke noch exzellente spielerische Klasse. Das Ergebnis daraus ist der verzweifelte Versuch, über Härte zurück zum Siegen zu kommen. Nur dumm, dass dies irgendwie nicht so funktioniert und Anaheim eines der meistbestraften Teams der Liga ist. Bei einem mässigen Unterzahlspiel nicht gerade ein Erfolgsgarant.

Doch es sind nicht einmal die Hälfte an Spielen gespielt und mit einer guten Siegesserie sind die Anaheim Ducks im nun wieder in Playoffnähe. Und nicht zu vergessen ist, dass die Ducks eine absolute Playoffmannschaft sind. Letzte Saison qualifizierten sie sich auch erst in allerletzter Sekunde und danach schalteten sie San Jose grandios aus. Auch in diesem Jahr ein denkbares Szenario, denn bekanntlich beginnt ja ab den Playoffs ein neues Leben.