Florence Schelling beim Interview. Foto: Dominik Zabel (Auf Bild klicken für MMS)


Florence Schelling in Turin 2006. Foto: Thomas Oswald (Auf Bild klicken für MMS)


Schelling: Über Boston an die Weltspitze

Von Martin Merk

In rund zehn Wochen geht es los mit den Olympischen Winterspielen in Vancouver. Dies wird auch die Zeit, in der Florence Schelling im Mittelpunkt stehen wird. Im Land des Weltmeisters USA ist sie derzeit eine der heissesten Torhüterinnen. Ihre Form kann entscheiden, ob die Schweiz das Diplom holt, oder gar zur grossen Überraschung wird.

Als 20-Jährige steht Florence Schelling in ihrer zweiten Saison bei der Northeastern University, wo sie Wirtschaftswissenschaften studiert und Eishockey spielt, doch auf internationalem Parkett ist sie kein Neuling mehr. Schon vor vier Jahren erlebte sie ihre ersten Olympischen Winterspiele, wenn damals auch noch nicht als Nummer eins.

Heute ist sie erfahrener um viele Spiele in den USA und an Frauen-Weltmeisterschaften, nutzte auch Gelegenheiten, um von Männern gefordert zu werden in Camps oder etwa beim NLB-Team GCK Lions und den Elite-A-Junioren. Sie bestritt vor zwei Jahren auch als erste Frau ein (Test-)Spiel mit einer NLB-Mannschaft.

In Nordamerika wurde sie bei ihrer Universität MVP und Rookie des Jahres. Auch in der laufenden Saison gewann sie bereits mehrere Auszeichnungen als beste Torhüterin und Defensivspielerin bei Hockey East, ihrer regionalen Liga der NCAA Division I, der höchsten Stufe im College-Eishockey.

Zuletzt kam sie ins All-Star Team, das in einem Freundschaftsspiel die US-amerikanische Nationalmannschaft in ihrer Olympia-Vorbereitung forderte. Bei der 0:4-Niederlage spielte sie eine halbe Stunde und kassierte bei 20 Schüssen einen Gegentreffer und wurde zur besten Spielerin ausgezeichnet.

Nach zwölf Spielen kommt sie auf eine sagenhafte Fangquote von 96.6 Prozent und führt damit die Liga klar an. Mit den „Huskies“ gewann sie diese Saison 10 von 14 Spielen. Bleibt sie in dieser bestechenden Form, kann sie vom nationalen NCAA-Finale träumen und auf ein Olympia-Wunder hoffen.

hockeyfans.ch befragte die Zürcherin, die mit dem Montréal- und Hamilton-Verteidiger Yannick Weber zusammen ist, über die kommenden Herausforderungen und ihr Leben als Eishockey-Torhüterin.

Florence, im Sommer hast du ja auch bei einem Camp mittrainiert, wo hauptsächlich Jungs dabei waren. Wie ist das für dich?

Das ist gut, davon profitiere ich viel, da Männer einen anderen Stil haben als Frauen. Es ist jedes Jahr immer wieder eine Freude, am Goalie-Camp zu sein. Es ist eine Gruppe, bei der immer wieder dieselben Leute kommen, von dem her ist es wirklich schön.

Wir kann man sich die Trainings dort vorstellen?

Sie sind hart, anstrengend, aber machen unglaublich viel Spass. Auch wenn Spieler wie Yannick Weber oder Mark Streit auf mich schiessen. (lacht)

Die haben ja ziemlich Schüsse drauf. Sind sie etwas zärtlicher, wenn eine Frau im Tor steht?

Ich weiss nicht, ob sie zärtlicher sind. Vielleicht schon. Aber es ist gut für uns, wenn solche Spieler auf uns schiessen. Wir profitieren sehr davon, da ja im Frauenhockey nicht derart scharfe Schüsse auf uns zukommen. Da ist es zwischendurch schon gut, wenn wir unter die Räder kommen.

Du spielst ja seit 2008 in den USA, wie lief es dir dort im Rookie-Jahr?

Ich hatte ein unglaublich gutes Jahr. Ich bekam auch jenste Auszeichnungen etwa als Rookie of the Year.

Diese Saison scheinst du ja auch starke Leistungen zu zeigen.

Meine Saison lief bislang super. Ich habe bislang alle Spiele bis auf eines gespielt und habe die beste Statistik aller College-Goalies. Wir sind auch als Team besser als letztes Jahr. Wir haben acht neue Spielerinnen, und die haben ein bisschen frischen Wind in die Mannschaft gebracht.

Kannst du überhaupt noch alle Awards aufzählen?

Letztes Jahr war ich zweimal Defensive Player of the Week, einmal Goalie of the Month und ins Hockey East All-Rookie Team gewählt worden, dazu teamintern Rookie des Jahres und MVP. Dieses Jahr wurde ich schon fünfmal Defensive Player of the Week, einmal Goalie of the Month und beim All-Star Game MVP.

Denkst du da auch schon ans Weiterkommen, etwa die „Frozen Four“ um die NCAA-Meisterschaft? Und welche Teams kommen da weiter?

Es ist schwierig den Modus zu erklären. Man muss in den Top-10 overall klassiert sein und spielt dann gegen andere Top-10-Teams und dann kommt man ev. in Frozen Four. Wie man genau klassiert wird und Punkte verteilt werden weiss niemand so recht (lacht).

Wie ist deine Karrierenplanung?

Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich meine nächsten vier Jahre dort verbringen werde und dort studieren und Hockey spielen werde. Diese Saison ist vor allem die Olympiade wichtig.

Stichwort Olympiade. Du spieltest ja schon in Turin. Damals warst du noch ein Grünschnabel.

Da war ich wirklich noch ein Rookie. Und jetzt mal schauen, wer alles mit an die Olympiade kann. Je nach dem sind wir zwei, vielleicht auch nur jemand oder gar niemand vom damaligen Team in Turin. Ich konnte damals sehr viel lernen. Für Vancouver wäre ich nun einiges erfahrener.

Für die Männer ist es sehr speziell, weil alle NHL-Spieler dabei sein können. Wie ist es bei den Frauen im Unterschied zu einer Weltmeisterschaft?

Es ist nicht das gleiche wie bei einer WM. Vor allem die USA und Kanada sind während der gesamten Saison zusammen für die Olympiade von August bis Februar. Das ist für uns sehr speziell, denn man spielt im Prinzip gegen die gleiche Mannschaft wie an der letzten WM, nur dass sie zehnmal besser sind.

Die Amerikanerinnen und Kanadierinnen ragen bei fast jedem Turnier oben aus. Wie ist dies, wenn man gegen sie als Torhüterin spielt und Dutzende von Schüsse abbekommt?

Es ist gut für uns. Es gibt uns die Chance, uns zu zeigen. Wir sind im Prinzip immer der Überraschungsgegner. Ich mag mich noch erinnern, das war an der WM 2008 in China, da lagen wir gegen die USA nach zwei Dritteln nur 0:1 zurück, was natürlich ein super Resultat gegen sie ist.

Vancouver kommt ja schon näher. Hast du da schon viel Kontakt mit dem Verband, und denkst du schon an die Olympiade?

Ich bin noch nicht so wirklich in Kontakt, habe aber das Aufgebot für das Trainingslager im Dezember erhalten. Ich versuche aber, nicht so sehr dran zu denken und mich auf die Saison hier zu konzentrieren.

Als Frau ist es schwieriger, im Eishockey Karriere zu machen, da es ja kaum Profis gibt. Wie siehst du das für die Zeit nach dem Studium?

Ich werde auf jeden Fall ins Berufsleben einsteigen. Es ist daher eigentlich auch mein Ziel, im Studium möglichst gut abzuschliessen. Was im Eishockey geschieht, ist mir im Prinzip weniger wichtig, weil ich dort für mich keine Zukunft sehe. Es gibt eine Profiliga in Kanada, aber für mich ist Eishockey ein Hobby und das soll es auch bleiben.

Das heisst nach Sotschi 2014 ist es wohl fraglich, ob man dich noch im Schweizer Dress sieht.

Das werden wir noch sehen.

In welche Richtung gehen deine beruflichen Planungen?

Momentan bin ich einfach am Studieren und werde mich fortan entscheiden, in welche Richtung es genau gehen könnte.

Wie war für dich der Sprung vom Frauenhockey in der Schweiz zum amerikanischen?

Es war schon ein rechter Unterschied, aber Frauenhockey ist Frauenhockey, auch wenn das Niveau in den USA um einiges höher ist als in der Schweiz. Für mich war es im Prinzip einfach eine neue Mannschaft, und nur eine neue Mannschaft, auch wenn ich in einem anderen Land bin und gegen andere Mannschaften spiele. Ich musste mich nur ans neue Team gewöhnen und dann ging es mir gut.

Es sind auch mehrere Schweizerinnen in Nordamerika, auch Feldspielerinnen. Siehst du dies als Vorteil für die Nationalmannschaft oder besteht auch die Gefahr, dass sie dort zuwenig Eiszeit erhalten?

Es ist auf jeden Fall ein Vorteil, vorausgesetzt man geht in ein Team, bei dem man auch ziemlich sicher spielen kann. Es kam schon mal vor, dass Spielerinnen in die USA gingen und dann vielleicht ein, zwei Einsätze pro Spiel haben, was natürlich nicht der Sinn der Sache ist. Aber sobald sie in eine Mannschaft gehen würden, wo sie spielen können und sicher sind, dass sie genug Einsätze erhalten, kann man nur davon profitieren. Und ich denke auch, dass dies der Schweizer Nationalmannschaft gut tun würde.

Weltmeisterschaften und Olympische Spiele für Frauen gibt es ja noch nicht so lange. Waren diese internationale Anlässe für dich Ansporn, Frauenhockey zu betreiben?

Nein. Bis ich 13 war, wusste ich nicht einmal, dass es eine Frauen-Nationalmannschaft und eine Frauen-Liga gibt in der Schweiz. Ich habe dann überraschenderweise mal einen Anruf erhalten vom Coach der Nati und dachte mir „Ah, das gibt es? Hört sich gut an.“ So bin ich eigentlich seit ich 13 bin in der Nati.

Aber es hat wohl doch deine Karriere mitbeeinflusst, dass du international spielen kannst, oder?

Auf jeden Fall.

Du bist ja auch mit einem Nationalspieler, Yannick Weber, zusammen. Wann hat es zwischen euch gefunkt?

Wir haben uns im vorletzten Sommer im Goalie-Camp kennengelernt.

Ihr seid ja beide ziemlich beschäftigt, könnt ihr euch da überhaupt gross sehen?

Wir sind beide sehr beschäftigt und reisen viel. Viel Zeit um uns zu sehen bleibt da leider nicht. Aber ich habe im Dezember beispielsweise vor meinen Abschlussprüfungen ein paar Tage frei und dann gehe ich ihn besuchen.

Wie kann man sich denn das College-Leben als Sportlerin so vorstellen?

Man lebt in einem „Dorm“, einem Studentenheim, wo alle Studenten leben. Man lebt auf engstem Raum mit ein, zwei „Gspänli“ und hat vom Morgen bis am Abend Vorlesungen. Danach geht man ins Training und danach ist der Tag auch schon um. Viel Zeit für anderes bleibt also nicht übrig.

Also keine wilden College-Parties wie in den Hollywood-Filmen.

Eher nicht.

Dafür darfst du wohl viel Reisen. Wie ist es so mit den Distanzen in der Liga?

Ich habe das Gefühl, dass ich in der Schweiz mehr reiste. Es ist noch gut organisiert hier von den Universitäten. Man ist mal an einem Wochenende in Vermont oder in Maine, aber man fährt nicht nur wegen einem Spiel irgendwo hin. Die weiteste Distanz, die wir hatten, war fünf Stunden. Man ist das ganze Wochenende dort, hat zwei Spiele und hat genug Zeit, um nebenbei zu lernen und Hausaufgaben zu machen.