Übertriebene Forderungen von der Polizei

Von Martin Merk

Die Konferenz der kantonalen Justiz- und Polizeidirektoren will gegen die Gewalt an Sportanlässen mit einem breiten Massnahmekatalog reagieren. Und scheint im Eishockey mit Kanonen auf Spatzen zu schiessen. hockeyfans.ch publiziert die 18 wichtigsten Punkte aus dem 27-seitigen Dokument.

"Die KKJPD erwartet von den Behörden, Verbänden, Ligen, Klubs und Stadionbetreibern, dass sie die Massnahmen national und lokal im Umfeld der Klubs der höchsten Spielklassen konkretisieren und soweit wie möglich bereits ab Beginn der nächsten Saison im Fussball und im Eishockey umsetzen", teilt die Konferenz der kantonalen Justiz- und Polizeidirektoren mit. Damit will sie im Eiltempo und mit harten Massnahmen für eine friedlichere Stimmung sorgen im Fussball und Eishockey. Man wolle die Gewalt nicht mehr als gesellschaftliche Tatsache hinnehmen und jedes Wochenende durchschnittlich 900 Polizeibeamte im Einsatz haben müssen, und damit die Grundversorgung beeinträchtigen.

hockeyfans.ch hebt einige Punkte der neuen "Policy gegen Gewalt im Sport" für die NLA im Eishockey und die Super League im Fussball hervor, deren Einführung von den nationalen und kantonalen Behörden und den Sportorganisationen verlangt wird:

1. Ab 2011/12 soll eine Fancard eingeführt werden. Damit müssen sich Matchbesucher identifizieren. Wer keine Fancard hat, kommt nicht ins Stadion.

2. Der Gastclub soll pro hundert Fans zwei Sicherheitsbegleiter stellen und der Gastkanton drei polizeiliche Szenenkenner ("Spotter"). Diese sollen auch die organisierten Fanreisen begleiten.

3. Die Clubs und Polizei sollen mehr Ressourcen zur Identifizierung von Übeltätern investieren durch Videoaufnahmen, Fotos und Zeugenaussagen. Die Stadien und das Umfeld seien zudem mit hochauflösenden Videokameras ausgestattet werden. Eine Internetfahndung soll wenn nötig eingesetzt werden. Einträge in die Hooligan-Datenbank "Hoogan" sollen immer mit Foto erfolgen.

4. Bei Vorfällen im Gästesektor sollen fehlbare Fans nach Spielende zurückbehalten, kontrolliert und identifiziert werden.

5. Polizei und Staatsanwaltschaft sollen enger zusammenarbeiten und Verfahren möglichst rasch abgeschlossen werden. Die Strafen sollen in der Schweiz zudem harmonisiert werden.

6. Zu den strafrechtlichen Sanktionen sollen parallel und nach einheitlichen Kriterien Stadionverbote, Rayonverbote, Meldeauflagen und Ausreisebeschränkungen verhängt werden.

7. Jeder Club muss die Stadionordnung und Sicherheitskonzept von den zuständigen Behörden vor Saisonbeginn genehmigen lassen. Ohne Genehmigung soll die Lizenz entzogen werden.

8. Stehplätze sollen abgeschafft werden. Alle NLA-Eishallen sollen nur noch Sitzplätze haben.

9. Für jedes einzelne Spiel sollen die Behörde je nach Sicherheitsrisiko die notwendige Zahl der Sicherheitskräfte, Anspielzeiten, Vorschriften bezüglich Zutrittskontrollen, bauliche Massnahmen, Alkoholverkauf sowie die Erlaubnis von Megaphonen, Vorsänger (Capos), Choreografien und Transparenten genehmigen.

10. Bei Verstössen gegen die Stadionordnung können die Behörden die Schliessung einzelner Sektoren, Erhöhung des Sicherheitspersonals oder höhere Abgeltungen für den Polizeiaufwand beantragen.

11. In Gästesektoren gilt ein Alkoholverbot. In den übrigen Sektoren darf nur Leichtbier und Getränke mit höchsten 3 Prozent Alkoholgehalt ausgeschenkt werden, wobei bei Hochrisikospielen ein generelles Alkoholverbot verfügt werden kann. Ausnahmen seien für einzelne, kontrollierbare Bereiche (oder etwas direkter formuliert: Logen und VIP-Bereiche) möglich.

12. Stark alkoholisierten Personen wird der Zutritt zum Stadion verweigert. Dazu können Atemtests eingesetzt werden.

13. Die Polizei kann in Stadien reagieren, wenn es aus Sicherheitsgründen nötig ist. Für die Sicherheit in Stadien bleibt aber in erster Linie der Stadionbetreiber verantwortlich.

14. Für Gästesektoren können nur noch Kombitickets mit organisierten Fantransporten gekauft werden. Transporte sollen direkt bis zum Eingang des Gästesektors organisiert sein. Eine individuelle Anreise ist nicht mehr möglich. Gästefans sollen nicht mit Fans des Heimclubs in Kontakt kommen.

15. In den Fantransporten gilt Alkoholverbot. Das begleitende Sicherheitspersonal der Clubs kontrolliert die Fans unter Beobachtung der Polizei und nimmt Alkohol, pyrotechnische und sonstige im Stadion nicht erlaubte Gegenstände ab.

16. Die Clubs müssen sich an den Sicherheitskosten durch die Polizei beteiligen, wobei die Höhe auch davon abhängig gemacht wird, wie gut der Club die "Policy" umsetzt. Das Bundesamt für Polizei schätzt die jährlichen Kosten (ohne Vor- und Nachbearbeitung) auf 25 Millionen Franken.

17. Bei wiederholten Vergehen sollen nicht nur Rayonverbote ausgesprochen werden, sondern notfalls auch Meldeauflagen und wenn nötig Polizeigewahrsam, sowie bei Spielen im Ausland Ausreisebeschränkungen.

18. Polizeiliche Einsatzleiter können "in Absprache mit den Sicherheitsverantwortlichen des Clubs" bei Gefährdung der Sicherheit einen Spielunterbruch oder -abbruch erzwingen.

Eine sechsköpfige Gruppe von Experten aus dem Polizeibereich reiste nach Belgien, England, Deutschland und in die Niederlande, um "best practices" zu finden. Um Massnahmen, die bei Clubs mit vierstelliger Hooliganzahl eingeführt wurden, in die Schweiz zu importieren. Ob die nötig sind, um ein paar vereinzelte Chaoten in den Griff zu kriegen? Doch hat man bei Eishockey-Spielen in der Schweiz selbe Probleme wie bei Feyenoord Rotterdam gegen Ajax Amsterdam, oder bei Werder Bremen gegen den Hamburger SV?

Mit den radikalen Massnahmen wollen die Behörden die Gewalt eindämmen. Die Sportorganisationen schweigen derzeit vornehmlich. Während der Präsident der Swiss Football League, Thomas Grimm, sich nicht mehr als die Skepsis über die Durchführbarkeit und Timing von sich entlocken liess, verweist man im Eishockey auf den Ligapräsident und VR-Mitglied des Verbands, Marc Furrer, der heute nicht erreichbar war.

Man schweigt noch und wartet die Reaktionen ab, weil man nicht in den Clinch mit den Behörden kommen möchte. Denn beim Durchlesen des Katalogs wird klar, dass die Massnahmen über das Ziel hinaus schiessen und in einigen Dingen nicht weitsichtig und problemorientiert durchdacht sind.

Durch derartige Massnahmen bei sämtlichen Spielen werden nicht nur potenzielle Randalierer von den Spielen ferngehalten, sondern die grossen Mehrheit der Fans von der Familie bis zum Sponsor der Verzicht auf Eishockey schmackhaft gemacht. Denn wer will schon an ein Spiel, der durch derartige Repressalien als Sicherheitsrisiko dargestellt wird?

Die Policy ist zwar breit niedergeschrieben, doch die Durchsetzung nicht unbedingt durchdacht. Wie sollen Gästefans an der Fahrt in eine Stadt und am Zutritt zu anderen Sektoren gehindert werden? Wie soll jemandem eine Autofahrt in die Stadionumgebung verboten werden? Handelt es sich nicht bloss um eine Verlagerung in andere Sektoren und ums Stadion, die den normalen Fan ärgert, einen hartnäckigen Chaoten aber nicht von seinem Vorhaben abhält? Die Bilder von Ausschreitungen, die man als Argumente verwendet, geschahen alle bei Fussballspielen und hauptsächlich ausserhalb der Stadien.

Die Fancard erschwert dafür Gelegenheitsbesuchern den Zugang zu Spielen. Seien dies gewöhnliche Sportfans ohne Saisonkarte, Freunde und Verwandte von Matchbesuchern, potenzielle Geldgeber aus der Wirtschaft, Gäste aus der Politik oder Besucher aus dem Ausland. Die Clubs verlieren Einnahmen und eine Möglichkeit, neue Fans oder Sponsoren auf den Geschmack zu bringen. Denn die Clubs leben nicht ausschliesslich vom harten Kern der Saisonkartenbesitzer, sondern auch von jenen, die sporadisch Eishockeyluft schnuppern und vielleicht einmal auch zum Stammgast werden.

Ein Tourist kann in Barcelona oder München problemlos ein Fussballspiel vor 80 000 Fans besuchen gehen, jedoch nicht ein Eishockeyspiel vor 4000 Fans in Davos, weil dies offenbar zu gefährlich ist und man daher registrierter Fancard-Besitzer sein muss. Was für ein Bild gibt dies auf die Schweiz und auf das Schweizer Eishockey ab?

Die Gewaltprobleme im Eishockey und im Fussball befinden sich in anderen Dimensionen. Eine derartige Ansammlung von potenziellen Unruhestiftern wie bei einem Spiel zwischen dem FC Basel und dem FC Zürich gibt es im Eishockey nicht. Bei weitem nicht. Im Eishockey sind die Regeldurchsetzung und der Respekt auf dem Spielfeld grösser, was sich nicht zuletzt auf mehr Fairplay auf den Rängen auswirkt. Es gibt im Eishockey keine "Hass-Derbies". Dazu sind Hooliganismus und Rowdytum im Eishockey deutlich weniger verankert als im Fussball.

Mit Fans der gegnerischen Mannschaft ein Bier zu trinken ist weitaus üblicher, als sich auf die Köpfe zu geben. Unruhestifter machen schätzungsweise kaum ein Prozent aus und sind überschaubar. Es fehlt nur am Durchsetzungswillen aller beteiligten Parteien, diese aus den Hallen fernzuhalten. Dies würden auch zahlreiche Punkte der Policy nicht ändern, einige hingegen unterstützend einwirken.

Im Eishockey gibt es deutlich weniger Risikospiele als im Fussball. Massnahmen wie die Abschaffung von Stehplätzen, Eintritte nur noch mit Fancards, Alkoholverbot im Gästesektor und ein Verbot der individuellen Anreise für friedliche Spiele wie Langnau-Zug oder Davos-Kloten treffen ausschliesslich die Falschen und schliessen auch einen freundschaftlichen Umgang zwischen Fans beider Mannschaften aus, wie er zur Fankultur im Eishockey gehört.

In Zahlen des Bundesamts für Polizei ausgedrückt: Bei 728 für die Hooligan-Datenbank ausgewerteten Eishockey-Spielen von Januar bis Oktober 2009 kam es in 17 Spielen zu negativen Ereignissen. Dabei wurden 5 Stadionverbote (Fussball: 51) und 20 Rayonverbote (Fussball: 95) ausgesprochen. Ausreisebeschränkungen oder Meldeauflagen wurden nur im Fussball ausgesprochen. Die Zahlen im Fussball beziehen sich auf weniger, nämlich 602 Spiele. Insbesondere im Eishockey haben sich die Zahlen gegenüber 2008 deutlich reduziert, so gab es im Vorjahr 43 Spiele mit negativen Ereignissen im Eishockey bei 741 Spielen.

Der Massnahmekatalog scheint davon auszugehen, dass bei Eishockey-Spielen ein feindseliges Verhalten herrscht und behandelt die 99 Prozent an friedlichen Besuchern auch so – und erhofft ausgerechnet durch solche Massnahmen eine friedliche Atmosphäre. Man baut dabei Bilder auf, wie man sie bei den grössten Ausschreitungen der Schweizer Fussballgeschichte kennt, um dadurch den Massnahmekatalog zu rechtfertigen.

Es handelt sich um ein berühmtes mit-Kanonen-auf-Spatzen-Schiessen. Um eine Art Wiederaufbau der Berliner Mauer, einfach in Schweizer Eishallen. Wer Spiele an der Weltmeisterschaft in der Schweiz oder sonst wo auf der Welt besucht hat, weiss, wie friedlich und freudselig die Eishockey-Fankultur sein kann.

Dass es bei einigen Clubs Sicherheitsprobleme und vereinzelte Chaoten gibt, darf aber genauso wenig verharmlost werden und ist seit langer Zeit bekannt. Es liegt nun im Interesse der Fans, der Clubs, der NLA und des Schweizer Eishockeys, dass man dieses Problem energischer angeht. Und dass man sich in der öffentlichen Wahrnehmung nicht immer mit dem Fussball im gleichen Topf werfen lassen muss. Hier sind vor allem die Sportorganisationen gefragt, welche mit Eishockey Geld verdienen und auch in Zukunft Geld verdienen wollen. Die geforderte "Policy gegen Gewalt im Sport" ist ein deutliches Signal der Behörden, dass die jahrelange laisser-faire-Handhabung nicht länger geduldet wird.

Dass es in Einzelfällen gehen kann, wenn man will und wenn beim Club Ruf und Geld auf dem Spiel stehen, hat die Fassung des Rauchzünders aus dem ZSC-Fanlager oder der Bieler Angreifer auf einen Oltner Fancar gezeigt.

Es liegt nun an den Clubs und der Liga im Dialog mit Fans und den Behörden zu zeigen, dass man die Sache ernst nimmt und die Probleme auch mit weniger extremen, aber mit gezielten und effizienten Massnahmen anpacken kann, ohne gleich auf die Einnahmequellen der Clubs zu schiessen.

Denn auch wenn die "Policy" es gegenüber der Öffentlichkeit anders erscheinen lässt: Im Eishockey herrschen ganz gewiss keine Fankriege und genauso wenig benötigt es Abwehr dagegen. Dafür aber das Selbstverständnis bei den Clubs und Hallenbetreibern, mit mehr Engagement und Ressourcen gegen die wenigen schwarze Schafe vorzugehen. Dann bräuchte es auch keine Hilfeschreie von Seiten der Polizei.