


Erst vor sieben Jahren nach langer Abwesenheit wieder aufgestiegen ist Genf-Servette gegenüber vom Röstigraben immer noch eine Art Unbekannte – wäre da nicht die charismatische Führungspersönlichkeit Chris McSorley. Der einst aus England nach Genf gewechselte Kanadier ist drauf und dran, sich in der Calvin-Stadt ein Denkmal zu setzen und bekam in der Vernets-Halle gar sein eigenes Restaurant.
McSorley ist der Mann, der Genf-Servette als Trainerfuchs und mit dem Geld von Investoren – früher die Anschutz-Gruppe, heute sein Freund, Präsident und Mäzen Hugh Quennec – von der Zweitklassigkeit zum NLA-Spitzenclub gemanagt hat. Nach acht Jahren im Club ist er die grosse Konstante in der Organisation geworden, die zuvor sowohl im Eishockey wie auch im Fussball eher durch Finanzskandale von sich reden machte. McSorley ist so etwas wie der Del Curto der Romandie – einfach im Tal, kanadisch, mit mehr Distanz zu den Spielern und mit anderem Dresscode. Privat eher als Gentleman auftretend, kennt man ihn ausserhalb der Romandie vor allem als Polterer an der Bande. Vor allem die Schiedsrichter. Und der Einzelrichter, bei dem McSorley Stammkunde ist, meist aber mit einem blauen Auge davonkommt.
McSorley – entweder man mag ihn, oder eben nicht, aber ignorieren kann man ihn nicht. Auch dies eine Parallele zum hie und da polarisierenden HC Davos. Spieler wissen genau, was sie erwartet, wenn sie nach Genf wechseln. Dies macht es für McSorley einfacher, ein nach seinem Gusto funktionierendes Team aufzubauen.
Sein Kader ist zwar nicht bis in die Tiefe voller Talente wie bei einem NLA-Spitzenclub, doch durch die Partnerschaft mit Lausanne lassen sich Synergien durch Zweiweg-Verträge nutzen mit Spielern an der Schwelle zur NLA.
Nur beim Erfolg konnten die Genfer bislang noch nicht mit dem Club vom fernen Osten der Schweiz mithalten. Eine Playoff-Qualifikation liegt zwar immer drin, doch vom Aus im Viertelfinale bis hin zum Playoff-Finale wie 2008 ist alles möglich, denn Spiele gegen die defensiv stabilen Genfer sind meist eine knappe Angelegenheit.
Die Konstanz hat dem Club zumindest in der Stadt geholfen, er ist nun zur festen Grösse gereift. Potenzielle Sponsoren haben mehr Sicherheit als früher, auch wenn es in diesem Sektor im Genfer Sport schon seit jeher harzig lief. Zuschauermässig konnten die Genfer seit dem Aufstieg stetig zunehmen und haben auch jetzt wieder über 4000 Saisonkarten abgesetzt.
Beim Spielerkader ist bei McSorley eine Mischung aus dem Sehnen nach Konstanz und McSorleys Pokerface auf dem Spielermarkt angesagt. Bis zu den Playoffs kann sich das Gesicht des Paradeblocks noch verändern. Für die letzte Ausländerposition will McSorley seine Kontakte nach Nordamerika spielen lassen und sich erst im Oktober definitiv festlegen, wenn der eine oder andere Spieler sich zum NHL-Saisonstart darauf festlegen muss, ob er im Farmteam loslegen möchte oder lieber nach Europa kommt. Oder Legionäre, die mit dem russischen Klima nicht zurecht kommen. McSorley will so noch einen Star holen. Bis es soweit ist, hat er für sechs Wochen den vertraglosen Kris Beech vom schwedischen Vizemeister HV71 Jönköping verpflichtet. Dazu hat er Jeff Toms von den SCL Tigers übernommen.
Ansonsten lief der Transfersommer aus Genfer Sicht relativ unspektakulär statt bis auf eine Ausnahme: Tobias Stephan. Anstatt des unkonstanten und derzeit verletzten Gianluca Mona setzen die Schweizer neu auf den Torhüter, der die Schweiz zum grössten Erfolg auf Nachwuchsebene, der Silbermedaille an der U18-WM, gehext hat. Nach seiner Zeit in Kloten und einem "Lehrjahr" in Chur zog es ihn mit hohen Erwartungen nach Nordamerika. Auch wenn sich die Erwartungen nur bedingt erfüllten, wird er diesen Schritt nicht bereut haben, konnte er sich doch in seinen drei Jahren in der Organisation der Dallas Stars den Bubentraum erfüllen, in der NHL zu spielen. Seine Statistenrolle hinter Marty Turco und das geringe Vertrauen des Trainers mögen zwar frustrierend gewesen sein, doch seine 11 Spiele in der weltbesten Liga kann ihm niemand nehmen.
Nach der für ihn unbefriedigenden Saison, die ihm die Tür zu anderen NHL-Organisationen mehr oder weniger schloss, beginnt für ihn nach seiner Rückkehr in die NLA ein neuer Karrierenabschnitt. "Wenn man einen NHL-Goalie wie Stephan kriegen kann, muss man zugreifen", sagte McSorley, als hockeyfans.ch den spektakulärsten Transfer der Genfer an die Öffentlichkeit brachte. Dafür nimmt er in Kauf, dass er nun mit Stephan, Mona und dem talentierten Benjamin Conz drei Torhüter auf NLA-Niveau beschäftigt, wobei für Conz ein NLB-Lehrjahr angestrebt wird.
Wie weit Servette in seinem gängigen Spektrum von zwei bis acht abschliesst, wird nicht zuletzt davon abhängen, ob Stephan aus dem Schatten seiner letzten Saison treten und sein Talent umsetzen kann, oder ob er zum "ewigen Talent" wird. Weil es nach dem Abgang von Olivier Keller in der Abwehr zu Umstellungen kommen wird, dürfte Stephan am Anfang besonders gefordert sein, bis der McSorley-Beton fix ist.
Dazu gilt es vorne 135 Scorerpunkte von Byron Ritchie (Dynamo Minsk), Serge Aubin (Fribourg) und Jean-Pierre Vigier (Bern) zu ersetzen. Weil Servettes Mittel begrenzt sind, muss sich McSorley auch dieses Jahr wieder mit seiner ausländischen Durchschlagskraft vor dem Tor auseinandersetzen. Mit dem letztjährigen PostFinance Topscorer der NLA Juraj Kolnik konnte der effizienteste Spieler gehalten werden, dazu kommt weiter Tony Salmelainen sowie die neuverpflichteten Toms und (für die ersten sechs Wochen) Beech.
Es bleibt abzuwarten, welches As McSorley im Spätherbst aus dem Ärmel schütteln wird, um sein Team offensiv wirbeln lassen zu können. Ein Denkmal hat der Kanadier aber schon auf sicher: Vor einer Woche eröffnete im Vernets-Komplex mit der Eishalle das McSorley’s Pub & Steakhouse. Auch hier gilt: Das Pub ist schon offen, das Steakhouse folgt im Spätherbst. Damit man rechtzeitig vor der heissen Phase gerüstet und eingespielt ist.