Les jeux sont faits: Die Young Sprinters verschwinden nach etwas mehr als zwei Jahren wieder aus der NLB. Foto: Christian Häusler (Auf Bild klicken für MMS)



Die NLB verkalkuliert

Von Martin Merk

Mit den Young Sprinters aus Neuenburg verschwand heute der vierte Club innert vier Jahren von der NLB-Bildfläche. Was braucht es noch, damit es zu einer neuen Ligaplanung kommt und die Grenzen zwischen Spitzen- und Amateureishockey besser gesetzt werden?

Die Schreckensmeldungen aus der NLB scheinen nicht abzubrechen.

2005 zog sich Forward Morges mitten in der Saison zurück – ein Novum zu Zeiten des Profitums in der Schweiz! Der Club hatte Einnahmen budgetiert, die nicht zu erzielen waren, und sich so die Lizenz erschlichen. Und drei Monate lang gespielt, bis die Löhne nicht mehr bezahlt werden konnten und der Club sich zurückziehen musste.

2008 zog sich der EHC Chur nach Saisonende in die 1. Liga zurück, weil der Mäzen und Hallenbesitzer Thomas Domenig wieder einmal die Lust verlor, Halbprofitum zu finanzieren. Wenig später erklärte auch der HC Martigny seinen Rückzug – wie schon 1999.

2009 erwischte es die Young Sprinters. Der Rückzug mitten in der Saison war aber vorauszusehen. Wie die SCL Tigers hatten sie im Juli nachträglich die Lizenz erhalten unter der Bedingung, die finanziellen Auflagen zu erfüllen. Das nötige Kapital kam jedoch nie zusammen, weshalb die Spieler nur bis Ende Oktober bezahlt werden konnten. Der Club hat heute seine Bilanz deponiert. Die Spieler mussten ihre Sachen räumen, bevor die Beamten zur Beschlagnahmung der clubeigenen Wertgegenstände kamen.

Für den Entscheid waren die höchsten Leute im Schweizer Eishockey verantwortlich, welche die Rekursinstanz im Spielberechtigungsverfahren bildeten: Verbandspräsident Philippe Gaydoul, Liga-Präsident Marc Furrer und der scheidende Liga-Geschäftsführer Denis Vaucher.

Während etwa in Deutschland Clubs schon zwangsabsteigen mussten, weil eine neue Eishalle ein Jahr zu spät eröffnete, wurde in der National League der berühmte gutschweizerische Kompromiss gesucht und die Young Sprinters durften spielen, solange sie versprachen, das Kapital zu erhöhen. Doch Versprechen nützen nichts, wenn sie leer sind und das eingereichte Zahlenmaterial offenbar gefälscht. Dem Club fehlte seit dem Aufstieg vor zwei Jahren die Existenzberechtigung in der NLB. Eine strenge Hand bei der Reglementsanwendung hätten weder der NLB noch dem Club selbst geschadet.

„Wir wussten, dass es ein problematischer Entscheid war. Aber wir hatten mit den SCL Tigers und den Young Sprinters zwei Clubs mit Problemen und wollten beide gleich behandeln. Es war letztendlich ein Entscheid für den Sport“, kommentiert Vaucher die Lizenzvergabe und den französischen Abgang der Neuenburger. Und so durften die Clubs ohne Erfüllung der Lizenzanforderungen weiterwursteln, was zumindest bei den SCL Tigers vorderhand gut ausging, zumindest neben dem Eis.

Wenn ein Club in einer altehrwürdigen Halle vor einer Handvoll Familienangehöriger spielt, kann und muss die Frage gestellt werden, ob Halbprofitum beim Club überhaupt realistisch ist. Vor allem wenn professionelle Arbeit an der eher auf dem Papier existierenden Geschäftsstelle kaum ersichtlich ist und nachdem das Partnerteam SC Bern seine finanzielle Unterstützung für die Young Sprinters zurückzog.

Die NLB hat damit ihren Selbstselektionsprozess weitergeführt und einen schwachen Club durch den finanziellen Untergang ins Niemandsland verfrachtet. Die NLB hat ihren Ruf als Pleiteliga alle Ehre gemacht – dabei hat sie diesen gar nicht unbedingt verdient. In der NLB hat es gleich viele oder wenige Problemfälle wie in der NLA. Einstige Sorgenkinder wie La Chaux-de-Fonds oder Olten haben sich auch neben dem Eis professionalisiert und mehr mit Bevölkerung und Politik auseinandergesetzt, sind mittlerweile zu Musterknaben geworden von NLB-Clubs, die zwar an der Spitze mitspielen können und wirtschaftlich erfolgreich operieren, aber für die NLA eher untauglich sind.

Doch es gibt auch Wackelkandidaten. Langenthal muss sich von den Altlasten der Ära Schlatter erholen. Basel musste sich letzten Winter eine Finanzspritze in der Bevölkerung holen, hat aber immer noch einen tiefen Zuschauerschnitt. Und beim HC Thurgau beruhen die letzten Hoffnungen auf eine gute Zukunft darauf, dass der Zuschauerschnitt in Weinfelden ansteigt nach einem stetigen Rückgang der Massen in Kreuzlingen.

Und schliesslich wäre noch das nach dem Rückzug der Young Sprinters neue Schlusslicht, die GCK Lions, welche ihre Existenz ausschliesslich durch eine jährliche Quersubventionierung über zwei Millionen Franken innerhalb der ZSC-Lions-Organisation halten können. Doch durch die schlechten Resultate in den letzten zwei Jahren steigt die Ungeduld über das einzigartige Projekt, das seine Heimspiele beinahe unter Ausschluss der Öffentlichkeit austrägt.

Die Probleme in der NLB sind eigentlich schon alt und durch den Grössenwahn Ende der 90er-Jahren entstanden. Damals wollte man die NLA von 10 auf 12, die NLB auf bis zu 16 Teams aufstocken. Seit der NLA-Aufstockung leidet die NLB unter einem Ungleichgewicht. Die Grenzen zwischen Vollprofis, Halbprofis und Amateuren ist nicht richtig gesetzt. Und 28 Clubs auf Nationalliga-Niveau haben zu können eher eine Illusion als eine Vision. Deswegen wurde die Zielgrösse der NLB vor zwei Jahren wieder auf 12 runterkorrigiert.

Ein Blick auf die Clubs zeigt: Der Niveauunterschied ist frappant. Es gibt Clubs, die ebenso ernsthafte NLA-Kandidaten sein können wie ein Ambri oder Langnau. Und dann gibt es Clubs, die keine Chance auf die Spitze haben und nur überleben können, weil sie Junioren von NLA-Clubs ausgeliehen erhalten. Und sozusagen um die Wurst spielen.

Die Frage stellt sich, ob an einer neuen Ligastruktur gearbeitet werden muss bei gleich vier Rückzügen innert vier Jahren. Im Prinzip gibt es drei Szenarien.

1. Verkleinern

Durch den Selbstzerfleischungsprozess hat sich die NLB bereits auf 10 Teams verkleinert. Viele Fans in der NLA sehnen sich ebenfalls nach einer 10er-Liga zurück, bei welcher das Niveau nicht mehr so verwässert ist. Weil in einem Ligensystem eine Pyramidenform mit breiterem Unterbau Sinn macht, könnte die NLA auf 10 Teams verkleinert und die NLB dadurch auf 12 Teams vergrössert werden. Dadurch würde die NLA an sportlichem Niveau gewinnen und spektakulärer werden, die NLB würde wieder interessanter und weil es viele Aufstiegskandidaten gäbe, könnte auch der Graben zwischen NLA und NLB reduziert werden wie in den 90er-Jahren.

2. Aufblähung

Die Liga ist eine Demokratie. Und die Geschichte von Eishockeyligen hat gezeigt, dass bei jeder Aufstockung die Macht zu den kleineren Clubs verteilt wird, die aus Eigeninteresse von einer weiteren Erweiterung nicht abgeneigt wären. Gegen Lausanne oder das Wallis als NLA-Standort spricht wirtschaftlich und von der geographischen Abdeckung her wenig, dafür würde bei den anderen Clubs die Abstiegsangst reduziert. Hätte die NLA 14 Clubs, würde es in der NLB kaum mehr Clubs mit NLA-Gedanken bereit haben. Die NLB könnte auf 16 Teams vergrössert und verwässert werden. Die Kosten könnten durch regionale Gruppen oder gar Budgetgrenzen geschrumpft werden, um die Liga für neue Standorte wie Arosa, Huttwil oder Winterthur attraktiver zu machen. Das geographische Ungleichgewicht – acht von zehn Clubs kommen derzeit aus dem Westen – könnte so reduziert werden.

3. Weiterwursteln

Die dritte Alternative wäre der Status quo. Und die Hoffnung, dass der Selbstzerfleischungsprozess der NLB nach dem Rückzug der Young Sprinters und der damit verbundenen Schrumpfung auf zehn Teams ein Ende hat. Dies scheint die wahrscheinlichste Variante. Denn die Kritik gegen die aktuellen Grenzen zwischen NLA und NLB, und zwischen NLB und 1. Liga, ist mindestens so alt wie die 12er-Liga selbst. Diskussionen gab es immer wieder mal, jedoch fehlte es bei den Clubs an einer konkreten und wohl ungeliebten Auseinandersetzung mit dem Schicksal.

Auch die Worte von Denis Vaucher zu diesem Thema lassen vermuten, dass sich kaum viel ändern wird. „Eine Reduktion der NLA ist politisch kaum machbar und eine Vergrösserung wäre kaum der richtige Weg“, sagt Vaucher. In anderen Worten: die NLA mit 12 Teams ist also ein gutschweizerischer Kompromiss.

Oder anders formuliert: Solange die Clubs selbst und demokratisch entscheiden, ist eine Vergrösserung immer möglich, eine Reduktion würde jedoch durch die Eigeninteressen der Clubs verhindert werden. Denn wer will sich schon selbst zum Abstieg stimmen?