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Gehört Abwerben zum Schweizer Eishockey? |
Die Schweiz ist ein in vieler Hinsicht spezielles Land. Über einige Sonderheiten wird die Schweiz weltweit beneidet. Die eine oder andere Eigenheit kann aber auch Verwunderung auslösen. In der Eishockey-Welt ist die Schweiz besonders einmalig, wenn es darum geht, lange Zeit im Voraus Spieler abzuwerben.
Umfrage: Sollen Transfers für zukünftige Saisons verboten werden wie in der NHL?
In Nordamerika oder in Skandinavien ist es undenkbar, einen Spieler im Team zu haben, der bereits für die Zeit nach Vertragsablauf einen Vertrag bei einem Konkurrenten unter Dach und Fach hat. Ja, es scheint sogar undenkbar und eine Respektlosigkeit sondergleichen, nur schon einen solchen Spieler anzufragen, während er noch für den Konkurrenten spielt.
Wofür wir in der Schweiz das Wort Abwerben benutzen, gibt es in der NHL das Illegalität verleihende Wort "tampering". Ein Abwerbeversuch wie es Bern beim ZSC-Stürmer Ryan Gardner gemacht hat (oder ein Jahr zuvor in umgekehrter Richtung bei Patrik Bärtschi), gelte demnach in der NHL als ein Sabotageakt. Ein Club würde mehrere Millionen Franken Strafe zahlen müssen und Draftrechte verlieren, abgesehen vom Imageverlust und Medienrummel über den Skandal des Jahres.
In ZSC-Fanforen liefen die Tastaturen heiss. Die Fans sind enttäuscht, viele wollen ihn am liebsten jetzt schon weg haben, wo er seine Zukunft ohnehin in Bern hat und schlagen vor ihn sofort nach Bern ziehen zu lassen oder ihn an die GCK Lions abzuschieben.
Beim ZSC selbst gab man sich hingegen relativ gelassen. Einerseits, weil nicht nur Bern, sondern sämtliche NLA-Clubs diese Praxis betreiben, weil selbst ein mit dem SCB-Logo gebrandmarkter Gardner immer noch einer der wertvollsten ZSC-Spieler ist , und weil rechtlich die Hände gebunden sind. Denn arbeitsrechtlich gesehen ist es in Ordnung, einen Vertrag für jene Zeit zu unterzeichnen nach Ablauf des aktuellen, befristeten Vertrags.
Eine solche Situation mag nicht in jedem Berufszweig stören. Umso höher und besser bezahlt eine Arbeitsstelle ist, umso problematischer sind solche Situationen, weil die Loyalität in Frage gestellt wird. Eine Serviceangestellte würde man wohl nicht grad für die Tür schmeissen, aber man stelle sich den Wechsel eines Top-Bankers zum ärgsten Konkurrenten vor. Geschäftsgeheimnis und Loyalität würden an erster Stelle stehen und der Angestellte blitzschnell rausgeschmissen, wenn auch mit goldenem Fallschirm.
Im Fall von Gardner spricht man von einem Lohn nach Steuern von etwa 400 000 Franken, schenkt man den Medienberichten glauben.
„Ein Club muss grundsätzlich damit rechnen, dass ein Spieler nach Ablauf des befristeten Vertrags den Club wechselt“, sagt Denis Vaucher, CEO der National League und Jurist. „Eine fristlose Entlassung nach einer vorzeitigen Vertragsunterzeichnung für die kommende Saison wäre wohl sehr schwierig, aber man kann einen Spieler natürlich freistellen. In einem solchen Fall muss der Club aber dem Spieler bis Vertragsablauf den Lohn bezahlen.“
Kloten etwa hat letzten Winter Roman Schlagenhauf beim NLB-Partner Thurgau versauern lassen, als seine Vertragsunterschrift mit Lugano bekannt wurde. In den 90er-Jahren sorgte der damalige Lugano-Trainer John Slettvoll für Aufregung, als er den Nationalspieler Thomas Vrabec vor die Tür stellte, als bekannt wurde, dass er bei Bern unterschrieben hatte.
Solche Fälle sind jedoch nur die Ausnahme. Viel mehr wird es in der Schweiz geduldet, dass man Spielern von Konkurrenten den Kopf verdreht und damit moralisch zweifelhafte Situationen schafft, die anderswo strikt verboten wären.
Schlagenhauf, den Kloten nicht mehr weiterfördern wollte nach dem Akt der Illoyalität, ist nur ein Fall. Gardner, der noch sieben Monate im ZSC-Dress spielen wird, obwohl er bereits jetzt seinen Arbeitgeber kennt, ein anderer.
Weil in der Schweiz das Abwerben derart verankert ist, kann man es sich hier im Gegensatz zu Nordamerika auch besser vorstellen, dass ein Spieler trotz des zukünftigen Teams im Hinterkopf nochmals alles gibt. Doch fragwürdige Situationen sind nicht selten. Hier zwei Beispiele aus den letzten Jahren:
Als Reto Berra 2007 beim HC Davos unterschrieb, spielte er noch in der ZSC-Organisation. Er spielte zwar fast nur im Farmteam, um zu Spielpraxis zu gelangen, doch ausgerechnet während dem Playoff-Viertelfinale gegen den HC Davos verletzte sich Ari Sulander an den Adduktoren. Die ZSC Lions gingen im Spiel mit Sulanders Auswechslung zwar 3:1 in Führung in der Serie, doch verloren sie mit Berra die drei folgenden Partien und schieden mit 3:4 aus. Man stelle sich vor, Berra hätte absichtlich faule Eier reingelassen als Rache, weil man beim ZSC nicht auf ihn setzte und er ohnehin erst bei Davos zum NLA-Torhüter würde. Berra wurden zwar keine Vorwürfe gemacht, einen fahlen Beigeschmack hatte die Situation aber dennoch.
Ein Jahr später traf ein desolates NLA-Schlusslicht EHC Basel auf den NLB-Meister EHC Biel. Einige Basler Spieler zeigten kaum mehr Einsatz. Viele hatten bereits woanders einen Vertrag, einige waren auch mit dem Gegner Biel in Gespräch. Offiziell vorzeitig bei Biel unterschrieben hatte aber nur ein Spieler, Stefan Tschannen. Nach einem desolaten ersten Spiel reagierte der EHC Basel und gab die Trennung von Tschannen bekannt wegen des Interessenskonflikts. Auch ohne Tschannen ging der Niedergang weiter, Basel stieg ab, der EHC Biel ist seither wieder ein NLA-Club.
„Man kann einem Spieler kaum etwas vorwerfen“, sagt Vaucher zu solchen Fällen, „aber psychologisch kann es schon einen Einfluss auf einen Spieler haben, wenn er nächste Saison beim anderen Team spielt.“
Doch wieso verbietet man dem bunten und fragwürdigen Treiben nicht einfach, wie es viele Fans fordern? Die Begründung ist eine Mischung aus juristischem Fachsimplen und dem Unwillen der Clubs.
„Ich persönlich finde es auch nicht gut, dass Verhandlungen so früh – bereits zu Saisonbeginn - gemacht werden, es gehört bei uns aber irgendwie zur Eishockey-Kultur“, formuliert Vaucher den Tenor innerhalb der National League.
Ein Verbot von Gesprächen mit Spielern der Konkurrenz während der Saison hat sich bislang nur in Nordamerika durchgesetzt und soll auch in Russland etabliert werden, wo die Regierung die Liga stützt und notfalls auch Gesetze ändert.
In Westeuropa hingegen ist die rechtliche Situation komplett verschieben. Reglemente von Ligen und Organisationen müssen sich den hiesigen Gesetzen beugen. Bei den konsequenten Schweden könnte demnach ein ähnlicher Transfer wie bei Gardner für einen riesigen Skandal und grosse Ächtung sorgen, rechtlich liesse sich aber wahrscheinlich wenig machen.
Ein Verbot wäre zwar reglementierbar, hätte aber laut Vaucher wie die ebenfalls nicht ganz gesetzeskonforme Ausländerregelung bloss den Status eines Gentlemen’s Agreements. Und ein solches funktioniert nur, wenn die Clubs Fairplay zeigen – nicht etwa wie vor einigen Jahren Ambrì im Fall von Harijs Vitolins, als man gegen Regeln verstiess, die allerdings nicht formell korrekt niedergeschrieben waren.
Der Puck läge somit bei den Clubs, welche einer solchen „Revolution der Eishockey-Kultur“ zustimmen müssten.
„Vor etwa einem Jahr habe ich mit den Clubs gesprochen, ob man eine Regelung ähnlich wie in der NHL einführen soll, dass man z.B. erst ab den Playoffs oder nach Saisonschluss verhandeln darf“, sagt Vaucher. „Die Clubs sehen zwar auch, dass die Situation so nicht optimal ist, jedoch wäre eine Kontrolle kaum umsetzbar und man möchte auch nicht, dass alle Verträge über die Liga kontrolliert werden.“
Oder in anderen Worten: Solange die Clubs das bunte Treiben akzeptieren und aktiv fördern, wird die Schweiz weiterhin ein Transfer-Unikum in der Eishockeywelt bleiben. Zum Ärger jener Fans, die sich bei einem Transfer wie Gardners landauf landab die Augen rieben, jedoch nicht mehr machen können als den Frust abzulassen.
Umfrage: Sollen Transfers für zukünftige Saisons verboten werden wie in der NHL?