Fotos von Thomas Oswald, Yves Maurer

   
   Gegenwind für den Nationaltrainer Ralph Krueger. (Klick für MMS)

   
   Eine von Kruegers letzten Handlungen an der WM 2009: Ein Time-out gegen die USA. (Klick für MMS)



Kommentar: Krueger - (k)ein Thema?

Von Martin Merk

Ralph Krueger ist bei gewissen Medien auch einen Monat nach Ende der Weltmeisterschaft das grosse Thema. Doch ist seine Entlassung wirklich ein Thema, wie es gewisse Medien schildern?

Seit dem frühen WM-Aus steht der Nationaltrainer in Kritik. Auch wir haben während der WM ausführlich über die Geschehnisse berichtet. Viele Fans werden sich aber gefragt haben, weshalb wir im Gegensatz zu anderen Medien nicht mehr zum Thema hatten. Die Erklärung ist ganz einfach: hockeyfans.ch verpflichtet sich seit elf Jahren, seriös und neutral über das Eishockey-Geschehen zu berichten. Und seit dem WM-Aus gab es zum Fall Krueger schlicht und einfach nichts Neues bis auf die Hetze einzelner Journalisten.

Die Medienberichterstattung im Sport ist momentan ein Spiegelbild der Gesellschaft in der Finanzkrise. Vor allem Zeitungen haben ihre Budgets massiv im zweistelligen Prozentbereich heruntergefahren und sparen beim Personal. Die Eigenleistungen der Redaktionen gehen derzeit entsprechend zurück, quantitativ wie auch qualitativ. Vom Bürosessel aus Geschichten zu kreieren ist eine kostengünstige Alternative, um die Kundschaft bei Laune zu halten. So wurde etwa behauptet, dass Ralph Krueger als "Straufaufgabe" zur Gesellschafterversammlung der National League nach Arosa reisen müsse, um sich vor den Clubs zu rechtfertigen. Angeblich ein absolutes Novum im Schweizer Eishockey! Wirklich? Die Wahrheit ist, dass Krueger und andere Verbandsfunktionäre (Peter Lüthi, Köbi Kölliker) Jahr für Jahr den Clubs an diesem Anlass Bericht erstattet, in guten wie auch in schlechten Zeiten. Dies ist also weder ein Novum, noch abnormal. Die National League hat personell und finanziell ein grosses Wort beim Schweizer Verband SIHA und es ist nichts als üblich, dass dessen teuerster Angestellter bei seinen indirekten Lohnzahlern Bericht erstattet. Erstaunlich ist eher, wie solche Normalitäten uminterpretiert werden, um die abgangsbedrohten Leser zu unterhalten, oder wie einige Medien schon vor WM-Beginn Kruegers Ende als Nationaltrainer forderten und vor dem für das Schweizer Eishockey so wichtigen Turnier Miesmacherei betrieben.

An der Gesellschafterversammlung gab es zum vermeintlichen "Fall Krueger" jedenfalls keine Überraschungen. Krueger präsentierte seine Analyse, wieso das Viertelfinale verpasst wurde, und gestand auch Fehler ein. Auch wolle er die neue Saison in Hinblick auf die Olympischen Winterspiele mit seinem erweiterten Kandidatenkreis weiterfahren, der 39 Spieler umfasst, die in den letzten vier Jahren an Weltmeisterschaften teilnahmen. Nur bei extrem starken Leistungen in der Liga würden andere Kandidaten beobachtet. Auch diese Ankündigung ist keine Überraschung. In den meisten grossen und kleinen Eishockey-Ländern fehlen potenzielle Kandidaten aus zwischenmenschlichen Gründen und zu Gunsten des Teamzusammensetzung sowie der Rollenverteilung. Egal ob es das kanadische Olympia-Team von 1998 ist oder das französische WM-Team von 2009. Einen langjährigen Trainer gibt es oft nur als Paket mit jenen Spielern, die am besten in sein Konzept passen und ohne Antipoden, denen der Trainer gar nicht passt. Selbst wenn gewisse Zeitungen Jahr für Jahr zur "allgemeinen Unterhaltung" die Geschichten von 2002 hervorkramen.

Auch nach der Rede wird derzeit kräftig auf Krueger eingeschossen, obwohl an der Gesellschafterversammlung gerade mal drei (!) Medien vertreten waren, darunter wie üblich hockeyfans.ch als einziges Online-Medium. Dass trotzdem jeder vom Bürosessel aus Kruegers Worte kennt, ist klar. Die gemässigsten Worte in den Medien sind noch, dass bald über Kruegers Zukunft entschieden werden. Der "Sonntagsblick" ist sich sicher, dass Krueger weg müsse, weil sich seine Einstellung nicht mit jener der Führung vereinen lasse. "Le Matin" will gar wissen, dass Krueger aufgrund der Rede näher denn je vor der Entlassung stehe.

Die Fakten zeigen in eine andere Richtung. Eine Entlassung Kruegers aus seinem bis und mit zur WM 2010 laufendem Vertrag würde viel Geld kosten. Ein komplett neuer Trainerstab käme einen siebenstelligen Betrag zu stehen, die zusätzlich aufzubringen wären. Eine solche Übung würde sportlich nur Sinn machen, wenn ein Nachfolger bereitstünde, der in acht Monaten an den Olympischen Winterspielen in Vancouver mehr herausholen könnte als Krueger mit seinen Platzierungen zwischen Rang sechs und neun. Einerseits müsste man sich fragen, wer dies sein könnte. Andererseits müsste man sich fragen, ob es wirklich bloss am Trainer liegt, dass man an einer WM die Top-4 seit 1998 nicht mehr geknackt hat. Schaut man beispielsweise auf den Nachwuchs, so haben die Teams an den verschiedenen Junioren-Weltmeisterschaften zuletzt auch nicht mehr herausgeholt als die Grossen, sich zwischen den Rängen sechs und zwölf klassiert. Und für die Zukunft braucht es schliesslich immer wieder junges Blut. Es ist daher anzunehmen, dass Krueger bis zur WM 2010, mindestens aber bis zu den Olympischen Spielen weitermachen kann, und man sich in Ruhe eine Lösung für die Zukunft ab der Saison 2010/11 überlegt. Ausser der schwerreiche, neue Präsident Philippe Gaydoul würde den betriebswirtschaftlich fragwürdigen sofortigen Trainerwechsel aus eigener Tasche vollziehen. Immerhin wird ja gemunkelt, dass er den Fussballclub GC übernehmen wird, wo jährlich weit höhere Millionenverluste zu bezahlen wären als die monetären Verluste einer Trainerentlassung.

Ein Verbleib Kruegers würde bei den Fans einigermassen auf Verständnis stossen. In einer Umfrage mit über 2000 Teilnehmern auf hockeyfans.ch sprachen sich 53 Prozent für einen sofortigen Trainerwechsel aus, während die andere Hälfte Kruegers Vertrag erfüllen würden, oder ihn gar noch länger als Nationaltrainer sähe. Sprechen also alle Indizien für einen Verbleib Kruegers? Nicht alle. An den Weltmeisterschaften fiel auf, dass gerade jene Zeitungen und Websites, welche vom Verband und Organisationskomitee unabhängig waren, am meisten und mit dem grössten Fachwissen über das internationale Eishockeygeschehen die Leser unterhielten. Dagegen haben gerade jene Boulevardmedien im Print- und Online-Bereich, welche mit hohen Summen als Partner vom Verband und dessen wichtigsten Sponsoren unterstützt werden, vor, während und nach der Heim-WM am meisten auf Krueger eingeschossen. Und eine Änderung dieser Strategie scheint im Schweizer Eishockey momentan nicht in Sicht zu sein. Dass der Verband und seine wichtigsten Geldgeber ausgerechnet jene Medien finanziell unterstützen, welche für die meiste Unruhe im Schweizer Eishockey sorgen und schon länger auch aus persönlichen Gründen den Kopf des Nationaltrainers fordern, lässt die Vermutung aufkeimen, dass wichtige Leute im Umfeld des Verbands sehr wohl einem neuen Nationaltrainer herbeisehnen. Doch ob diese Unruhestiftung über die "kontrollierten" Medien das Schweizer Eishockey und die Resultate der Nationalmannschaft wirklich besser machen, ist eher fraglich.

Man darf also trotz der Ausganglage zu Gunsten Kruegers gespannt sein, welche Kräfte im Schweizer Eishockey sich durchsetzen werden.