Begehrt auf dem Transfermarkt: Severin Blindenbacher. Foto: Leo Wyden (auf Bild klicken für MMS)





Frühe Transfers: Fluch oder Segen?

Von Martin Merk

Es war eine Meldung vom 24. Oktober, die den Stein endgültig ins Rollen brachte. Die Rapperswil-Jona Lakers vermeldeten den Zuzug von Michel Riesen, dem PostFinance Topscorer des HC Davos, auf die kommende Saison hin. Die Spielerjagd ist eröffnet.

Transfers während der laufenden Saison für die Zeit nach der laufenden Saison. In Nordeuropa ist dies ein Tabu und Anstrengungen in dieser Richtung werden bestmöglich versteckt. In der NHL sind sie gar durch das bibeldicke Reglement ausgeschlossen. Etwaige Vergehen würden bestraft.

In Deutschland und vor allem in der Schweiz wird dagegen frühzeitig geplant. Die Schweizer sind sozusagen Transferweltmeister. Es liegt wohl an der Mentalität der Schweizer, von Aussenstehenden als frühzeitig-planerisch oder auch überorganisiert bezeichnet, dass sich die Clubmanager der kommenden Saison widmen, während ihre Spieler um eine gute Ausgangslage für die Playoffs kämpfen. Oder eine Trainerentlassung verhindern sollten.

Natürlich möchte daher jeder der frühste sein. Je eher man Spieler verpflichtet, desto mehr hat man vom knappen Spielermarkt. Es verwundert daher wohl nicht, dass nach dem schwachen Saisonstart ausgerechnet die Rapperswil-Jona Lakers positive Zeichen für die ferne Zukunft setzen wollen und mit besonders grosser Genugtuung die Verpflichtung des zweitbesten Torschützen der Liga (14 Tore gemeinsam mit Klotens Roman Wick) vermelden konnten. Weitere bekannte Namen (Weibel, A. Furrer, Reist) stehen auf der Wunschliste.

Riesens Unterschrift ist gemacht, an anderen wird landauf landab gearbeitet. Bis der Markt leergefegt ist. Ein allfälliger Aufsteiger hat nur noch Brosamen übrig. Die Letzten beissen eben die Hunde.

Was dabei auffällt?

  1. Der Markt an Schweizer Topspielern ist knapp. Die meisten Clubs haben ihre Schlüsselspieler bereits an sich gebunden. Insbesondere bei den Verteidigern ist die Talentspanne innerhalb der National League A gross. Gehört man zu den besseren, kann man sich eine goldene Nase verdienen im Vergleich zum Ausland. Mehr Konkurrenz würde die Löhne senken, argumentiert der SC Bern und kämpft um die Erhöhung von vier auf fünf Ausländer. Für andere Clubs geht die Berner Rechnung jedoch nicht auf.
  2. Die ärmeren Clubs müssen Federn lassen. Kaum könnten es die SCL Tigers zum ersten Mal nach zehn erfolglosen Versuchen in die Playoffs schaffen, verlieren sie Martin Stettler (wohl zu Bern) und Mathias Joggi (zu Davos).
  3. Trotz hoher Franken-Beträge in der NLA gibt es immer noch Sportler, die den sportlichen Kick im Ausland suchen. Julien Sprunger hat seinen Abgang in die NHL angekündigt, Roman Wick könnte ebenfalls nach Nordamerika folgen und Severin Blindenbacher hat vor allem in der Champions Hockey League bei den Schweden einen markanten Eindruck hinterlassen, so dass er bei Färjestads BK landen könnte, dem ehemaligen Club von Martin Gerber und Marcel Jenni. Mit Daniel Manzato hat ein Schweizer eine Rückkehr vorerst abgelehnt, obwohl er in der AHL bloss 90 000 Franken (brutto!) verdient. Er träumt von einer NHL-Karriere, gehört aber ebenfalls zum Schweizer Markt für 2009/10.
  4. Kommt es zum Beben am Gotthard? Nicht alle EVZ-Spieler scheinen mit dem harschen Trainer Doug Shedden glücklich zu sein. Thomas Walser wurde (in Austausch mit Damien Brunner) an Kloten abgegeben, René Back unterschrieb in Davos, Lars Weibel und Marco Maurer sind bei anderen Clubs im Gespräch und Dominic Meier will offenbar lieber heute als nächste Saison zum SC Bern zurück. Dazu passt, selbst wenn es dementiert wird, das Tessiner Gerücht, wonach angeblich der Stürmer Patrick Fischer nach Lugano möchte. Nicht besser läuft es "ännet em Gotthard", wo mit John Harrington ebenfalls ein neuer Mann an der Bande steht. Corsin Camichel flüchtete aus nicht näher erläuterten, persönlichen Gründen zu seinem Bruder Duri nach Zug, Alain Demuth und Gregory Sciaroni möchten offenbar ebenfalls das Weite suchen. Damit stehen sie aber zumindest nicht alleine da. Der gesamte Verwaltungsrat möchte bekanntlich noch im Laufe der Saison das Amt niederlegen.
  5. Besser läuft es bei den Top-4-Clubs. Die führenden ZSC Lions und SC Bern können beruhigt die Rosinen picken. Beim HC Davos kommt mit dem nahenden Spengler Cup die Zeit der Verlängerungen. Insbesondere jene mit den Gebrüder von Arx steht an, nachdem mit Leonardo Genoni und Peter Guggisberg zwei Teamstützen gehalten werden konnten. Am fleissigsten waren die Kloten Flyers, wo neben dem ständig aus Schweden umworbenen Trainer Anders Eldebrink auch fünf Spieler verlängerten, darunter Torhüter Ronnie Rüeger und Kimmo Rintanen, der Finne, der bereits seit 2001 für Kloten stürmt und erneut den Topscorer-Helm trägt.

Doch ist dieses schweizerische Transfergebolze zu derart früher Zeit wirklich so, wie der Sport sein sollte? Man stelle sich vor, ein Spieler steht im Playoff-Finale, kämpft um den Einzug ins europäische Geschäft und weiss, dass er nächste Saison beim Gegner spielt. Oder noch schlimmer: Er spielt in der Ligaqualifikation und hat schon beim Gegner unterschrieben. Solche Szenarien sind zwar meist ausgeblieben, doch gerade letzten Frühling etwa sah sich der EHC Basel gezwungen, "seinen" Stürmer Stefan Tschannen nach einem Spiel in der Ligaqualifikation suspendieren. Er hatte einen Vertrag beim Gegner und späteren Aufsteiger EHC Biel und habe nicht allzu motiviert gegen den drohenden Abstieg gekämpft.

"Grundsätzlich ist es zugelassen und offenbar wollen die Clubs auch keine Änderung herbeiführen, von dem her ist es in Ordnung", kommentiert Denis Vaucher, der Geschäftsführer der National League, angesprochen auf die relativ frühzeitigen Transfers in der Schweiz. "Es ist sportlich sicher schwierig gegen Ende Saison für einen Club zu spielen, wenn man dann bei einem anderen Club unter Vertrag ist. Letztendlich entscheiden aber die Clubs, was sie wollen. Der Tenor scheint, dass es nicht gut ist, aber man nichts dagegen machen kann."

Und so werden wohl im Unterschied zu anderen Ländern wohl auch weiterhin zu jeder Jahrszeit beinahe täglich Vertragsmeldungen und Gerüchte zu lesen sein.