Christine Meier (links) und Kathrin Lehmann (rechts) mit und ohne Helm. Foto: Christian Häusler (auf Bild klicken für MMS)

Christine Meier am Puck. Foto: Christian Häusler (auf Bild klicken für MMS)

Kathrin Lehmann versucht an zwei Segeltorp-Spielerinnen vorbeizukommen. Foto: Christian Häusler (auf Bild klicken für MMS)

Schweizerinnen in Nordamerika

Weil das Frauen-Eishockey in der Schweiz organisatorisch dem Angebot an Spielerinnen hinterherhinkt, wird ein Wechsel ins Ausland von immer mehr Schweizerinnen wahrgenommen. Neben den beiden Schweden-Legionärinnen ist vor allem Nordamerika beliebt, wo man als Klasse-Sportlerin im College-Team auch gleich in den Genuss eines kostenlosen Studiums kommt und gleichzeitig auf höheren Niveau spielt. Die Resultate davon sind nicht zuletzt in den immer besseren Klassierungen des Nationalteams ersichtlich.

Liste der Schweizerinnen:
  • Désirée Berger (Ottawa Senators/CAN)
  • Emilie Berlinguette (Ottawa Senators/CAN)
  • Patricia Elsmore-Sautter (offen, Mutterschaft)
  • Angela Frautschi (Calgary Oval X-Treme/CAN)
  • Chelsea Jaramillo (Lady Coyotes/USA)
  • Raschelle Jaramillo (Lady Coyotes/USA)
  • Julia Marty (Northeastern University/USA)
  • Stefanie Marty (Syracuse University/USA)
  • Lucrèce Nussbaum (St. Thomas University/CAN)
  • Florence Schelling (Northeastern University/USA)
  • Anja Stiefel (Calgary Oval X-Treme/CAN)


Saisonstart für zwei Schweizerinnen
beim AIK

Von Martin Merk

Europas bester Club im Frauen-Eishockey, AIK Solna, ist am Sonntag in die Saison der schwedischen "Dam Riksserie" gestartet. Mit dabei sind die beiden Schweizer Nationalspielerinnen Kathrin Lehmann und Christine Meier.

Hochbetrieb am Sonntag in der Ritorps-Eishalle im Stockholmer Vorort Solna. Es ist die Halle vom Allmänna Idrottsklubben ("Allgemeiner Sportclub"), besser bekannt unter der Abkürzung AIK und als erfolgreichster Sportclub Schwedens. Und als grösster mit 15 000 Mitgliedern. Zur Titelsammlung gehören auch mehrere Eishockey-Meistertitel sowohl bei den Herren (momentan in der zweithöchsten Liga) und den Damen, welche auch alle vier Austragungen des Europacups gewonnen haben.

Die Herren spielen wie auch Stadtrivale Djurgården im Hovet, einer Nebenhalle bei der grossen Globen-Arena, wo die NHL eben grad ihre Saison eröffnet hat und sonst nur noch die Herren-Nationalmannschaft Eishockey spielt. Die anderen AIK-Teams spielen dort, wo der Club beheimatet ist, in Solna. Am Mittag waren die U20-Junioren dran, wo neu der frühere Langnauer Nachwuchsstürmer Pascal Marolf spielt. "Es lief leider nicht so gut, wir verloren 0:6", sagte der 17-Jährige nach dem Spiel gegen Brynäs. Die U18-Junioren hatten danach mehr Erfolg und gewannen mit 4:0.

Am Sonntag um 17 Uhr waren schliesslich die Damen angesagt. Im Schweizer Eishockey wäre dies eine Art Nebenspiel, normalerweise zu Randzeiten verschoben, oder auch mal auf eine alte Kunsteisbahn ohne Dach. In Schweden ist dies anders. Die Damen sind das Aushängeschild in der Ritorps-Eishalle. Während man die Jungs aus dem Nachwuchs gratis anschauen konnte, wird fürs Damenspiel rund 11 Franken Eintrittsgeld verlangt. Doch es funktioniert. Auch eine renommierte Hockey-Journalistin der grössten Tageszeitung Dagens Nyheter ist hier, bevor sie das NHL-Spiel abdeckt, auch wenn sie eingesteht, dass dies aufgrund des Saisonstarts eher die Ausnahme ist. Auch Fotografen und Kameramänner sind dabei, ein Fernsehinterview wird aufgenommen. Frauen-Eishockey interessiert hier mehr als in der Schweiz, auch wenn sich letztendlich ziemlich genau 100 Leute (darunter ein Trommler) in die Halle verirren, die gar nicht viel mehr Zuschauer fassen würde. Es ist wohl kein Zufall, dass die Schwedinnen als Frauenhockey-Nation Nummer drei gelten nach den unbestritten führenden Nationen Kanada und die USA.

Beim AIK spielen auch drei Ausländerinnen. Die Deutsche Maritta Becker und die Schweizerinnen Kathrin Lehmann und Christine Meier. Lehmann gilt als bekannteste Schweizer Eishockeyspielerin, wohl nicht zuletzt weil sie polysportiv ist. Die 28-jährige Stürmerin steigt in ihre dritte Saison und spielt in Stockholm auch in der höchsten Fussballliga für Hammarby - als Torhüterin. Davor spielte sie in beiden Sportarten auch in Deutschland. Für die 22-jährige Verteidigerin Meier, welche auch als Stürmerin einsetzbar ist, wird es die erste Saison im Ausland. Sie bestreitet Neuland, nachdem sie zuvor für die ZSC Lions spielte.

Zum Saisonstart kam es für beide ausgerechnet im Derby gegen den Segeltorps IK, der AIK als Meister entthront hatte und damit auch den Erfolg auf europäischer Ebene stoppte. Dort hat AIK bislang sämtliche vier Europacup-Saisons für sich entschieden, ist jedoch als Vizemeister nicht mehr qualifiziert. Das Saisonziel ist klar: den Meistertitel zurück holen. hockeyfans.ch unterhielt sich vor dem Saisonstart mit den Schweizerinnen.

Kathrin, du steigst in die dritte Saison. Wie sind die Erwartungen beim AIK?

Kathrin Lehmann: AIK gilt immer als Favorit, wir sind eine Art Bayern München. Es wird aber sehr eng dieses Jahr. Die Liga wurde auf sechs Teams verkürzt, was sehr gut ist, denn das Leistungsgefälle war sehr gross. Wir, Segeltorp und Linköping werden es wohl unter uns ausmachen.

Habt ihr in dem Fall nur kurze Reisewege in den Süden?

Kathrin Lehmann: Nein, wir müssen ab und zu auch in den Norden, nach Örnsköldsvik (Modo) und Gävle (Brynäs).

Christine, du bist neu hier. Das ist wohl kein Zufall, nachdem schon Kathrin hier ist, oder?

Christine Meier: Doch, eigentlich schon. Sie haben mich nach der WM in China angefragt und bekamen meine E-Mail-Adresse. Untereinander hatten wir bei diesem Wechsel sonst eigentlich nicht so viel kommuniziert.

Kathrin, du hattest ja noch andere Angebote. Wie kann man sich dies vorstellen? Gibt es eine Art Spielermarkt wie bei den Männern?

Kathrin Lehmann: Ja, im Prinzip gibt es Angebote in ähnlichem Stil wie bei den Männern, nur natürlich mit viel kleineren Summen.

Woher kommen denn die Angebote? Was für Clubs bieten in diesem Markt mit?

Kathrin Lehmann: Es waren Clubs aus Schweden. Linköping hat sehr viel Geld, sie bauen immer mehr auf Frauen-Eishockey und auch Frauen-Fussball. Es gibt hier auch immer mehr Clubs, die auch auf Frauen-Hockey setzen.

Christine Meier: Bei mir kamen auch Angebote von nordamerikanischen Colleges.

Hat dich denn das College-Hockey nicht gereizt?

Christine Meier: Nun, ich wollte nicht für fünf Jahre weggehen.

Kathrin, du spielst ja auch Fussball. Diese Kombination ist ja heutzutage eigentlich nicht mehr üblich.

Kathrin Lehmann: Ja, das gibt es heute nicht mehr so, dass man mehrere Sportarten macht, vor allem die Kombination Fussball und Eishockey gibt es immer weniger. Es wird schwieriger, alles unter einen Hut zu bringen und ich bin auch nicht mehr im Kader der Fussball-Nationalmannschaft, seit ich hier spiele. Mich gibt es im Prinzip nur als "Gesamtpaket" und wer mich holen will, weiss das auch.

Wie kann man sich euer Leben als Sportlerin vorstellen? Seid ihr hier Vollprofis? Oder Halbprofis?

Kathrin Lehmann: Ich bin Vollprofi, auch weil ich ja zwei Verträge habe, die sich ergänzen.

Christine Meier: Bei mir ist es etwas anders, aber ich kann gerade damit leben und mich während fünf Monaten voll auf Hockey konzentrieren.

Kathrin, du hast ja auch noch eine PR-Agentur, wie steht es damit?

Kathrin Lehmann: Ja, ich habe die im Prinzip zu meiner Person für die Frauen-Camps im Eishockey die ich gebe wie auch im Fussball in der Schweiz und Deutschland, ebenfalls für meine Tätigkeiten für SOS-Kinderdörfer und "Schule bewegt".

Christine, du bist ja ganz neu hier. Hat es gut geklappt mit dem Einleben hier? War es hilfreich, eine Landsfrau hier zu haben?

Christine Meier: Ja, ich bin jetzt drei Wochen da. Ich habe mich sehr gut eingelebt und wurde auch gut aufgenommen. Ich bin auch froh, dass mit Kathrin jemand hier ist, die ich kenne, auch wenn es nicht so ist, dass ich mich sonst nicht integrieren könnte.

Wie wohnt es sich denn so? Gibt es spezielle Unterkünfte vom Club aus?

Kathrin Lehmann: Nein, wir haben eigentlich ganz normale Wohnungen. Ich wohne in Stockholm, in Södermalm, und Christine hier in Solna.

Schauen wir doch zum Schluss noch auf die Nationalmannschaft. Nach der starken WM in China mit dem vierten Rang steht im nächsten Frühling die WM in Finnland an. Was darf man da erwarten?

Kathrin Lehmann: Wir haben eine recht gute WM abgeklopft. Wir sind jedoch nach wie vor die Nation die am wenigsten Geld hat und bei den Gegnerinnen kein unbeschriebenes Blatt mehr. Wir müssen uns erst einmal auf den Ligaerhalt konzentrieren und müssen realistisch bleiben.

Christine Meier: Wir dürfen jetzt nicht zu viel erwarten, zum Beispiel dass jetzt ein dritter Platz drin liege

Kathrin Lehmann: Wir nehmen aber natürlich alles, was besser ist als bloss der Klassenerhalt, aber wir müssen immer realistisch bleiben.

Das Fernziel ist Vancouver 2010, da müsst ihr euch wohl auch schon sehr darauf freuen.

Kathrin Lehmann: Ja, zuerst einmal kommt aber die WM, dann Olympia. Aber wir sind natürlich sehr motiviert, so was ist unglaublich.

Christine Meier: Wir haben auch Glück mit dem Spielplan, dass wir in Vancouver gegen Kanada spielen und an der WM ebenfalls in der Gruppe mit dem Gastgeber Finnland sind.

Die Revanche für den verlorenen Final ist AIK nicht geglückt. Trotz eines ausgeglichenen Schussverhältnisses gewann der Segeltorps IK mit 4:1. Der "Schweizer" Block kam auf eine positive Bilanz. Sowohl Lehmann wie auch Meier standen beim Ehrentreffer in der letzten Minute auf dem Eis, Lehmann gab den Assist zu Isabella Jordanssons Tor.