Zeitungsausschnitte aus der Neuen Zürcher Zeitung, 1959









Blick zurück: Rangers 1959

Von Martin Merk

Es ist nicht das erste Mal, dass ein NHL-Team, geschweige denn die New York Rangers, auf Schweizer Eis auftreten – entgegen weitverbreiteter Meinung vieler Experten. Europäische Gastauftritte von NHL-Profis gehen 70 Jahre zurück. Die hiesigen Amateure fürchteten den „Propaganda-Feldzug“ der Profis.

1938 machten die Montréal Canadiens und Detroit Red Wings den Anfang. Mit dem Dampfschiff ging es für ein Reisli zum alten Kontinent. In England und Frankreich wurden innert 24 Tagen neun Spiele bestritten. Von 1975 bis 1991 prägten Duelle zwischen NHL- und sowjetischen Teams das internationale Geschehen der NHL, als erstmals gemessen wurde, ob die NHL-Profis oder die sowjetischen Eishockey-Soldaten besser waren. Am kommenden Mittwoch soll bekanntlich der Vergleich der Kontinente mit dem Victoria Cup wiederbelebt werden.

Zwischen 1938 und 1975 gab es allerdings nur in einem Jahr internationale NHL-Auftritte. Im Frühling 1959 bestritten die New York Rangers und die Boston Bruins 23 Spiele in nur 26 Tagen. Auf dem Reiseprogramm: London, Genf, Paris, Antwerpen, Zürich, Dortmund, Essen, Krefeld, Berlin und Wien. In der Schweiz organisierte der Ex-Nationalspieler Othmar Delnon die beiden Etappen.

Am 3. Mai etwa waren in der Neuen Zürcher Zeitung erste Vorboten zu lesen. Die „Professional-Mannschaften“ der New York Rangers und Boston Bruins traten im Wembley für zwei Spiele gegeneinander an. Bis zum Tag der Ausgabe hatte es bereits zwei weitere Spiele in Genf gegeben, doch die Verbreitung funktionierte 1959 noch nicht so schnell wie im hockeyfans.ch-Zeitalter. Dafür kostete die NZZ, die täglich zwei bis drei Ausgaben hatte, auch nur 30 Rappen. Lunchteller ab 2,50 Franken, Unterhaltung wie der Kinofilm „Das Zeichen des Zorro“, oder das „Züri-Meitli-Abig“ mit der sensationellen „Neger-Tanz-Band“ wurden in den Inseraten angepriesen. Tags darauf dann der Titel: „Amerikanischen Professional-Eishockey in Genf“.

„Ein groß (danke denjenigen, die dieses Zeichen in der Schweiz abgeschafft haben!) angelegter Propagandafeldzug lenkte in den vergangenen Wochen die Aufmerksamkeit der schweizerischen Sportöffentlichkeit auf den Schweizer Start der aus Kanadiern zusammengesetzten Eishockey-Professionalteams der Boston Bruins und New York Rangers.“

Die NZZ gestand dem Versuch in Genf jedoch einen Erfolg zu, war die erste Partie, welche die Rangers 4:3 (3:1, 1:1, 0:1) gewannen, mit 11'000 Zuschauern ausverkauft. Jedoch befand der Autor, dass sich das Prädikat „einmalig“, mit dem geworben wurde, vor allem auf die Eintrittspreise von bis zu 35 Franken bezog. Dies entspricht, bereinigt um die Teuerung und Reallohnsteigerung, etwa 300 „heutige“ Franken. Man hätte zum Start mehr Spektakel erwartet. „Erfahrungsgemäß pflegt ein schweizerisches Publikum gerade an Berufssport-Veranstaltungen einen in jeder Hinsicht ziemlich strengen Maßstab anzulegen. Es bedurfte jedenfalls einer unmißverständlichen Demonstration der Zuschauer zu Beginn des Schlußdrittels, um die Spieler zu einer verschärften Gangart zu bewegen.“ Von da an sei ein horrendes Tempo sichtbar gewesen und die Spieler krachten nur so in die Bande, es gab Ringkämpfe, Kniestiche und die „unter Berufsspielern üblichen Mätzchen“. Die Zuschauer, welche sich an einem Novum, dem Rauchverbot, hielten, tobten nun. Und dies nicht wegen der sauberen Luft.

Anderes Eishockey sei es gewesen, mit „groß gewachsenen, größtenteils über 80 Kilo schweren Spielern“, wobei der kleine Rangers-Hüter Lorne „Gump“ Worsley mit seinen Reflexen zum Matchwinner wurde. Dazu, so beobachtete der erstaunte Autor, gingen die Verteidiger in die Knie, um Schüsse abzublocken. Und die Spieler dürften sich in der Schweiz wohlgefühlt haben, zumal der Dollarkurs von 4,32 wohl nach ihrem Geschmack gewesen sein dürfte.

Die damaligen NHL-Profis waren keine Millionäre, sondern – salärmässig – schlichte Arbeiter. Die besseren Spieler dürften jährlich 20'000 bis 30'000 Dollar verdient haben – pro Jahr. Was aber damals immer noch ein privilegiertes Salär war, aber weit entfernt von den heutigen Einkünften in der Liga. 1963 wurde ein Mindestsalär von 7000 Dollar eingeführt. Das Durchschnittssalär in den 60er-Jahren wird auf etwa 17'000 Dollar geschätzt.

In der Abendausgabe wird das zweite Spiel nachgetragen: 12:4 (4:2, 1:1, 7:1) für die Boston Bruins. Und es erscheint ein Inserat für die Partien in Zürich, für die „einmalige Spiele der Teams aus der berühmten National Hockey-Liga“.

Dann, ein paar Tage Ruhe von Eishockey im Mai, es wird über Formelrennen, die Moskauer Missstimmung über den Westen, Washingtons Ärger über Moskau, Hinrichtungen im Irak, einer Armeereform, Finanzausgleich unter den Kantonen, Milchpreisen sowie den Verdacht, dass Fidel Castro in ein Diktator sei und die Stimmung für den Kommunismus auf Kuba begünstige, geschrieben. In 50 Jahren scheint sich nicht alles geändert zu haben. Oder doch? Hausfrauen werden in einem Inserat aufgefordert, Landeier zu verlangen, sie seien so billig wie noch nie. Was man heute als „Dating“ bezeichnet, waren damals Heiratsanzeigen. Daneben wird der 9 PS starke Ford Taunus 17 M mit 4-Gang-Getriebe für 9250 Franken angepriesen. Und für nur 2348 Franken kommt man mit der Swissair täglich nach New York, in der „Economy Klasse“ wohlverstanden. Doch wer will das schon, wenn die New York Rangers den umgekehrten Weg hinlegen?

Dann, als das Wetter sich auf 15 Grad verbesserte, war es soweit. „Amerikanisches Professional-Eishockey in Vollendung“ titelt die Neue Zürcher Zeitung. Die Rangers gewannen das erste Spiel im Zürcher Hallenstadion mit 7:6 (0:1, 3:4, 4:1). Die Demonstration, wie Eishockey in der NHL gespielt werde, sei bei ausgezeichneten Eisverhältnissen in jeder Beziehung gelungen, befand der Journalist. Trotz der „unverständlichen“ Preispolitik sowie des späten Datums kamen 4500 Zuschauer, berichtet die NZZ. „Auf diese Weise sind zahlreiche Interessenten um den Genuß einer prächtigen Stildemonstration geprellt worden, wie man sie sich ausgeprägter kaum vorstellen kann. Kenner des amerikanisch-kanadischen Professional-Eishockeys haben denn auch unumwunden erklärt, daß – mit Ausnahme des ersten Drittels – selbst in der Meisterschaft der National League nicht zielstrebiger und wuchtiger gespielt werde.“

Die Spieler hätten sich nichts geschenkt und die drei Schiedsrichter die Regeln sehr large interpretiert.

„Man weiß nicht, was man mehr loben soll: die Wucht der sich pausenlos folgenden Angriffe und Gegenattacken, die Perfektion in der Scheibenführung oder die ausgefeilte Lauftechnik. Die präzisen Schüsse flitzten mit unerhörter Wucht aufs Tor, so schnell, daß das Auge kaum zu folgen vermochte. Die akrobatisch-wendigen Abwehraktionen der beiden Hüter riefen immer wieder Applaus auf offener Szene hervor. Es wurde hart, aber fair gekämpft. Der Bodycheck ist auf dem ganzen Feld erlaubt, sogar an den Banden, und oftmals dröhnte es im weiten Raum, wenn die gepanzerten Körper dieser Muskelpakete aufeinander prallten und die Spieler an oder über die Bande flogen.“

Einzig der Wunsch des Schreibers, dass dem im zweiten Spiel mehr Zuschauer kommen, wurde nicht erfüllt. Lediglich 2000 Fans sahen, wie die Boston Bruins 4:2 (0:1, 2:0, 2:1) gewannen.

Die Basler Nachrichten beschrieben Spiel und Spieler wie folgt: „Beide Teams verfügen über sehr starke Verteidiger und Torhüter, und die Stürmer sind überragende Künstler in der Stockführung. Diese Professionalspieler zeigten ein Eishockey, wie wir es in der Schweiz vordem noch nie gesehen haben. In erster Linie ist hervorzuheben, dass jeder einzelne Spieler ein perfekter Schlittschuhläufer ist, der blitzschnell nach allen Richtungen wendet und der rückwärts schneller fährt als jeder unserer Eishockeyspieler vorwärts. Frappant ist auch die Eleganz in ihrem Laufen und vor allem die Startschnelligkeit. Besonders fällt aber auch die Schusskraft jedes einzelnen Spielers auf. Die Härte der Schüsse ist unerreicht und man sieht die Scheibe kaum durch die Luft flitzen. Dann ist auch die Präzision der Schüsse hervorzuheben. Während des ganzen Spiels gingen keine zehn Schüsse neben das Tor, sonst alle auf das Gehäuse, meist flach, höchstens 50 cm hoch und genau in die Ecken placiert. In der Zeit, in der sich ein Schweizer Eishockeyspieler überlegt, was er aus einer gegebenen Situation tun soll, hat sie einer dieser Berufsspieler schon ausgeführt. Das dritte besonders auffallende Moment ist die körperliche Kraft und die Härte dieser Spieler. Gewiss, sie spielen nach anderen Regeln, bei denen das Checken gegen die Banden und im ganzen Spielfeld, nicht nur im Angriffsdrittel, gestattet ist, und würden schon aus diesem Grunde jede andere Mannschaft in Europa fertig machen. Natürlich ist auch die Technik hervorragend. Die Scheibe klebt am Stock, sie wird mit grosser Wucht zugespielt, so scharf, wie bei uns aufs Tor geschossen wird und immer präzis weitergespielt.“

Noch bevor die Sowjets insbesondere ab den 70er-Jahren die nordamerikanischen Fans entzückten, fiel dem Zeitungsreporter bei den Boston Bruins der „Ukrainer Sturm“ auf. „Die drei abstammungsmässigen Russen spielten manchmal auch wirklich russisch mit dem genauen Kurzpassing und gekonnten Kombinationen.“ Auch bei dieser „Superklasse“ konnten jedoch Fehler gefunden werden. „Wir finden dies als glücklich, denn man sah doch, dass noch Menschen spielten und nicht Maschinen.“

Während den NHL-Spielen in Genf, die damals wohlgemerkt noch nicht zur Meisterschaft zählten wie diejenigen in London, Prag und Stockholm, wurde die Vereinigung Schweizerischer Kunsteisbahnclubs gegründet zur Förderung des Eishockeys auf Kunsteisbahnen. Clubs der höchsten beiden Ligen, die auf Naturreis spielten, gab der SEHV zwei Jahre Zeit um umzurüsten. Die meisten Clubs spielten damals auf offenem Eis. Der Zürcher SC war seiner Zeit am weitesten voraus, als er sich 1950 mit Mühe und Not das Recht erkämpfte, die NLA-Spiele in einer geschlossenen Halle austragen zu dürfen, wie es sich die NHL-Teams längst gewohnt waren. 1953 fand dann auch eine Eishockey-WM im 1939 erbauten Hallenstadion statt. Es dauerte fast 30 Jahren, bis Hallen (oder hallenähnliche Konstruktionen) in den letzten Eishockey-Orten der Nationalliga Einzug erhielten.

Die Zeiten haben sich geändert. Schweizer vermögen NHL-Spieler – an den Olympischen Spielen – zu besiegen. Und die Sowjets hatten in den Dutzenden Duellen gegen NHL die Nase vorn. Am Dienstag trifft der SC Bern, eine Art Schweizer Antwort auf die Rangers, auf die „Blueshirts“. Mittlerweile hat es in der Schweiz Hunderte von Profis, der Niveauunterschied ist nicht mehr derart frappant. Trotzdem sind die New York Rangers klarer Favorit. Dies weiss auch Christian Dubé, ein ehemaliger Ranger und derzeit wieder PostFinance Topscorer beim SCB. „Es wird ein hartes Spiel für uns. Ich hoffe, die bringen uns nicht um! Es ist hart, gegen eine der besten Mannschaften der Welt zu spielen, aber wird werden unser Bestes geben. Ich hoffe es wird ein enges Spiel, und ein gutes für unsere Fans“, sagt der Franko-Kanadier, „für mich ist es natürlich speziell. Ich spielte vor einer langen Zeit für sie. Es war grossartig, als 19-Jähriger mit Typen wie Wayne Gretzky, Mark Messier, Luc Robitaille oder Brian Leetch zu spielen. Aber es war nicht einfach, als junger Spieler den Sprung zu schaffen.“ Nun kann er es den Rangers spät nochmals zeigen.