Medwedew als Captain der Gazprom-Auswahl. Foto: Thomas Oswald (auf Bild klicken für MMS)




Medwedew im Gazprom-Shirt an einer Medienkonferenz. Foto: Martin Merk (auf Bild klicken für MMS)





Medwedew mit Gas und Geld auf den Hockeythron

Von Martin Merk

Der Eishockey-verrückte Gazprom-Vize Alexander Medwedew mischelt das europäische Club-Eishockey auf. Seit letzter Woche sitzt der Präsident der russischen Liga KHL und des SKA St. Petersburg auch im IIHF-Council.

Es war eine verhältnismässig diskrete Vorstellung, als sich ein gewisser Alexander Medwedew vor einem Jahr anlässlich der Weltmeisterschaft in Moskau auf internationales Parkett begab. Mit der Firmenmannschaft Gazproms, dem weltweit grössten Erdgasunternehmen, verstärkt um russische Altstars wie Waleri Kamensky, wurde an einem spielfreien Tag ein Spiel gegen eine Weltauswahl ehemaliger Spieler durchgeführt und vom IIHF-Präsidenten René Fasel in seiner früheren Funktion als Schiedsrichter geleitet. Nach dem Spiel fragte er Fasel auch sogleich, ob man den Anlass in Kanada wiederholen könnte. Dieses fand vor einigen Wochen in Québec auch statt und Medwedew, gleichzeitig Captain der Gazprom-Auswahl, war nicht mehr ganz so unbekannt in der internationalen Eishockey-Szene wie noch ein Jahr zuvor.

Machtergreifung in Russland

Medwedew ist einer der Vizepräsidenten in Gazproms Management-Komitee und Generaldirektor der Exportabteilung Gazproms. Als solcher ist er auch Präsident des von Gazprom unterstützten, russischen Spitzenclubs SKA St. Petersburg und arbeitet seit einem Jahr an der Gründung einer neuen russischen Liga, der Kontinentalnaja Hokkejnaja Liga (KHL), welche de facto Nachfolger der russischen Superliga wird, und wo er ebenfalls Präsident ist. Selbst die russische Torhüterlegende und Verbandspräsident Wladislaw Tretjak blieb gegenüber dem Gazprom-Mann blass und hat sämtliche Macht über die Proficlubs verloren. Mit einem Kooperationsvertrag wird nun vom russischen Verband versucht zu retten, was zu retten ist. Die Kontrolle über die Liga haben Gazprom und andere Unternehmungen, welche den Rubel bei einzelnen Clubs rollen lassen. Sie wird auch vom abgelösten Sportminister Wjatscheslaw Fetisow, vom ehemaligen Star Igor Larionow unterstützt und selbst der frühere NHLPA-Gewerkschaftsführer Bob Goodenow gehört zur Arbeitsgruppe. Die Töne, welche in den russischen Medien gespuckt werden, sind gross. Medwedew wurde etwa zitiert, dass die KHL dereinst nach Westen expandieren und die stärkere Liga werden soll als die NHL. In Zeiten, wo der Eiserne Vorhang weg ist und das Internet Russland mit dem Westen verbindet, weiss man natürlich auch in Nordamerika über die Pläne. Entsprechend wurde Medwedew in Québec weniger über das Oldtimer-Spiel ausgefragt.

Im Eishockey ist der 53-Jährige nicht nur Präsident vom SKA St. Petersburg und der KHL, sondern trägt mit Gazprom seinen Teil zur Finanzierung der Champions Hockey League (CHL) bei und wurde letzte Woche ins Council des internationalen Eishockey-Verbands IIHF gewählt. In Westeuropa würde man schon bei halb so vielen Mandaten von einem Interessenskonflikt sprechen, in Russland gehört sich das zu einem erfolgreichen Geschäftsmann. "Wenn es Interessenskonflikte gäbe, würden wir nicht in die CHL investieren", so Medwedews Antwort. Zu den Nordamerikanern gibt er sich noch etwas kleinlauter als in der Heimat: "Die NHL ist die beste Liga der Welt und es wird Zeit brauchen, um ihr Level zu erreichen." Auf dem Papier sieht die neue Liga auch nicht viel anders zusammengesetzt aus als bislang.

Durch acht Zeitzonen von der Ostsee bis zum Pazifik

Neben den 20 bisherigen Superliga-Teams kommt als Aufsteiger Awtomobilist Jekaterinburg hinzu sowie drei Teams aus der Nachbarschaft: Dynamo Minsk (Weissrussland), Dinamo Riga (Lettland) und Barys Astana (Kasachstan). Die Mannschaft aus der kasachischen Hauptstadt nahm bereits an der zweithöchsten russischen Liga teil und wird vom Staat unterstützt, der analog dem Radsport einzelne Sportteams ins Rampenlicht stellen will. Dynamo Minsk spielte in der heimischen Liga und erhält den Support des Verbands, der in einem Jahr eine neue Multifunktionsarena in Minsk eröffnet. Dinamo Riga ist ein neugegründeter Club, finanziert vom lettischen Gazprom-Ableger und organisiert vom nationalen Verband. Zahlreiche lettische Nationalspieler wurden bereits in die Heimat zurücklotst. Die 24 Teams wurden in vier Divisionen gelost, wobei keine geographischen Kriterien zum Tragen kamen. So spielen die am weitesten entfernten Clubs Dinamo Riga und Amur Chabarowsk in derselben Division. Dazwischen liegen nicht weniger als 9150 Kilometer und acht Zeitzonen.

Russische Expansionsgelüste

"In Zukunft wollen wir mit Verbänden und Ligen zusammen anschauen, wie wir expandieren können", sagt Medwedew. Bestrebungen wurden jedoch bereits hinter dem Rücken gemacht. Die Adler Mannheim (Deutschland), Red Bull Salzburg (Österreich), Frölunda Göteborg, Färjestads BK (Schweden) und Kärpät Oulu (Finnland) sollen zur Liste der angefragten Clubs gehören. Teilweise gab es schon Gespräche. Bislang fehlten jedoch die Anzeichen, dass einer dieser Kandidaten lieber gegen Clubs wie Traktor Tscheljabinsk oder Torpedo Nischnij Nowgorow spielen will anstatt gegen die traditionellen Gegner in der heimischen Liga. Die von der IIHF organisierte und von Gazprom unterstützte Champions Hockey League als eine Art Zwischenmodell scheint westlich des ehemals sowjetischen Raums besser anzukommen als eine russisch-dominierte KHL, momentan eine Art Revival der sowjetischen Liga, bloss im kapitalistischen Zeitalter.

In der KHL wurden neben den Divisionen auch andere Elemente aus der NHL aufgenommen. Etwa ein Salary Floor (10 Millionen Dollar) und ein Salary Cap (22,5 Millionen Dollar). Für später ist gar von einem Draft die Rede. Selbst die Währung ist in einem Land, wo Clubmanager mit 100-Dollar-Scheinen in Taschen rumlaufen, die gleiche wie beim Erzrivalen. Medwedew hat sich in Québec auch mit dem NHL-Commissioner Gary Bettman getroffen. "Wir wollen den Wettbewerb mit ihnen, streben jedoch auch eine Kooperation an, etwa bezüglich Spielertransfers. Wir hoffen auf einen Rahmenvertrag, damit sowohl das Eishockey in Nordamerika wie auch in Europa profitieren und sich weiterentwickeln kann. Wir wollen lieber Partner als Gegner sein", sagt Medwedew zum Treffen. Dies und die Förderung von Eishockey in neuen Ländern seien seine Ziele im IIHF-Council. "Es müssen nicht unbedingt bestehende Clubs sein, die KHL könnte auch in Städte wie London, Mailand oder Paris expandieren", sagt Medwedew.

Ein Alleingang scheint derzeit aber unwahrscheinlich. Die NHL stellte gegenüber nordamerikanischen Medien klar, dass Russland keine Sonderrolle einnehmen soll. Verhandlungspartner für ein Transferabkommen mit alle Ligen sei nach wie vor die IIHF. Bislang fehlen von den grossen Nationen die Zusagen aus Russland und Tschechien für ein neues Abkommen.

Eishockey als Mittel der Diplomatie

Für Medwedew sind vor allem Orte interessant, wo Gazprom selbst aktiv sein kann. In Québec etwa wurde ein Partnerschaftsabkommen mit einer kanadischen Gesellschaft unterzeichnet. "Die Gazprom-Mannschaft hatte etwa 30 Spiele rund um die Welt und Eishockey ist für uns ein Mittel, um diplomatische Beziehungen zu fördern", bezeichnet der Eishockey-Fan die Beweggründe für das Engagement des Gasriesen, "wir spielen in vielen Ländern, wo Gazprom vertreten ist." Damit entspricht er auch der Philosophie anderer Mäzenen im russischen Eishockey, denn aus dem operativen Geschäft lassen sich höchsten wenige Millionen Dollar verdienen, der Rest muss durch reiche Eishockey-Liebhaber gedeckt werden, welche die Eishockey-Arenen als Bühne sehen, um mit Freunden und wichtigen Geschäftskunden Beziehungen zu pflegen. Und dies lässt man sich kosten. Tatneft, das Mineralölunternehmen der Republik Tatarstan, soll mit anderen Geldgebern 80 Millionen Dollar investiert haben, um Ak Bars Kasan zum 1000-jährigen Jubiläum der Stadt im Jahr 2005 den Meistertitel holen zu lassen. Wie so oft im Sport hat das Geld nicht gesiegt - Ak Bars holte den Meistertitel ein Jahr später ohne das Budget derart grosszügig ausreissen zu lassen.