René Kammerer: "Das Team wird bereit sein!"

Von Maria Pinzger

   

Die Schweizer Frauen-Nationalmannschaft bereitet sich für die Frauen-WM in Winnipeg (Kanada) vor. An der WM kommt es früh zum nächsten Highlight nach der Teilnahme an den Olympischen Winterspielen 2006 in Turin: Am 3. April bestreiten die Schweizerinnen vor 15 000 Zuschauern im ehemaligen NHL-Stadion in Winnipeg das Eröffnungsspiel gegen Kanada. Der Frauen-Nationaltrainer René Kammerer vor dem Saison-Höhepunkt des Frauen-Eishockeys.

Herr Kammerer, zuerst einmal eine persönliche Frage: Der wievielte Kanada-Aufenthalt ist die Reise nach Winnipeg für Sie denn?

René Kammerer: Neben einer privaten Reise vor einigen Jahren geht es für mich bereits zum vierten Mal in Bezug auf Eishockey nach Kanada - bereits zum zweiten Mal zu einer WM. Daneben waren noch zwei Trainer-Symposien Anlass für den Flug über den Atlantik, aber die Weltmeisterschaften sind natürlich tollere Anlässe.

Mit Sicherheit ist diese Reise die Wichtigste Ihrer Laufbahn - zeichnen Sie als Head-Coach ja verantwortlich für den Erfolg des Schweizer Teams. Mit welchen Erwartungen packen Sie die Koffer für die Abreise am 27. März?

Es wird eine tolle WM werden. In Kanada, dem "Mutterland" des Eishockeys, wird allein schon die Atmosphäre rund um die Spiele ein Erlebnis werden. In den Spielen erwarte ich natürlich vom Team, dass es zeigt, wozu es fähig ist: Schnelles attraktives Frauen Eishockey auf hohem Niveau, mutig, kreativ, voller Spielfreude. Dass wir, egal was passiert, stolz unsere Farben tragen können. Das ist es, worauf es ankommt.
Natürlich wird es ab und zu etwas hektisch und stressig werden, aber das gehört einfach auch zu einem Turnier dazu.

In rund zwei Wochen geht die Reise los - welche wichtigen Termine stehen für die Nationalmannschaft bis dahin noch an?

Wir haben noch 2 Zusammenzüge. Zum einen am 17. und 18. März in Sursee. Dann eine Woche später am 24. und 25. März in Huttwil nochmals.

Die heisse Phase der Vorbereitungen hat schon begonnen - entsprechen diese und der Status des Teams Ihren Planungen?

Ja. Natürlich gibt es noch einige Punkte die noch zu klären sind. Bei anderen müssen wir auf die Organisatoren vor Ort vertrauen. Wir haben aber das Glück über sehr gute Kontakte in Kanada zu Verfügen. Paddy Elsmore wird unser Host sein, bei den Olympischen Spielen spielte sie ja noch für uns. Somit kennt sie aus erster Hand unsere Bedürfnisse - und gleichzeitig ist Sie Insider über die Gegebenheiten vor Ort, das hilft natürlich ungemein.
Zudem werden wir durch den Verband unterstützt und zu guter letzt ist der gesamte Stab erfahren genug, um zu wissen worauf es ankommt und flexibel genug zu sein, um auf unvorhergesehenes zu reagieren.
Das Team, wird bereit sein ja. Aktuell haben einige Pause, da sie nicht mehr in den Play Offs sind. Die fehlende Spielpraxis könnte ein Nachteil sein, da wir es aber nicht ändern können machen wir das Beste daraus.

Laufen die Vorbereitungen im Rückblick auf die letzte WM vor vier Jahren in Halifax, bei der die Schweiz aus der A-Gruppe abstieg anders ab?

Damals war ich als Assistent dabei, kannte nicht alle Vorbereitungen im Detail. Wenn wir einen Grossanlass als Vergleich nehmen, dann Turin. Und ja, wir haben in die aktuellen Vorbereitungen die Lehren von dort einfliessen lassen.

Welchen Stellenwert hat die WWHC 2007 für das Frauen-Eishockey in der Schweiz?

Einen sehr hohen. Neben Olympischen Spielen gibt es nichts Vergleichbares. Und wer ein solches Turnier einmal erlebt hat, weiss wovon ich spreche. Dafür lohnt sich die harte Arbeit und die Entbehrungen, die das gesamte Team in Kauf nehmen muss.

In wenigen Tagen werden Sie Ihren Kader nominieren. Nach welchen Kriterien stellen Sie diesen zusammen?

Es spielen diverse Komponenten hinein. Zunächst sind da technische und taktische Grundvoraussetzungen, die einfach gegeben sein müssen. Als nächstes die physische Verfassung. Hier haben wir grosse Fortschritte erzielt, dank unseres Swiss Olympic Projektes, sind aber noch nicht ganz am Ziel.
Weiter ist immer ein Kriterium, welche Positionen wir wie besetzen wollen- brauchen wir einen kreativen Verteidiger oder einen soliden "Handwerker"? Auch der Faktor Erfahrung darf nicht unterschätzt werden. Und nicht zuletzt ausschlaggebende Gründe wie Teamplayer und Coachbarkeit.
Ich gebe zu, dass das letzte Quäntchen einer Entscheidung meistens ein Bauchgefühl ist.

Bereiten Sie die Spielerinnen, vor allem auch die Jungen, die noch kein vergleichbares Turnier gespielt haben, speziell auf das Eröffnungsspiel gegen Kanada, die Atmosphäre vor 15'000 Zuschauern vor?

Ja. Wir haben versucht, und werden das weiter tun, alle unsere Spielerinnen darauf vorzubereiten. Aber wir machen uns nichts vor, es wird Gänsehaut geben, wenn wir dort einmarschieren, und die Halle bebt. Aber ich hoffe nur positive Gänsehaut: Gibt es was Schöneres für einen Spitzensportler?
Dafür haben sie ein Jahr lang in Spielen und Trainings ohne Zuschauer geschuftet. Sie sollen es auch geniessen, so oft gibt es ein solches Erlebnis nicht und unsere Spielerinnen haben es sich verdient.

Gastgeber Kanada geht als eine der führenden Eishockey-Nationen weltweit das Turnier vor eigenem Publikum. Wie charakterisieren Sie das Team und dessen Spielweise?

Zunächst sollte man wissen, dass Kanada an der letzten WM (2005 in Schweden) kein Gegentor in der regulären Spielzeit erhalten hat, auch im Finale nicht. Sie sind technisch, taktisch und physisch auf Top-Niveau. Und das in der gesamten Tiefe des Kaders, es gibt keine Schwachstelle bzw. nur sehr kleine und wenige. Aufgrund ihrer technisch-taktischen Überlegenheit können sie sehr variantenreich spielen, und wie ein wahres Gewitter über einen hineinbrechen. Da folgt Angriffswelle um Angriffswelle... Aber wir werden uns etwas einfallen lassen.

Beim AIR CANADA CUP 2007 zu Jahresbeginn in Ravensburg spielte Ihr Team bereits gegen Kanada - welche Erfahrungen könnten aus der 0:11-Niederlage für Ihre Vorbereitungen ziehen?

Fehler werden gnadenlos bestraft. Strafzeiten gegen uns sind tödlich, wir haben in diesem Spiel sechs Tore in Unterzahl erhalten! Und das war erst die U22 Kanadas. Wir brauchen ein einfaches, diszipliniertes Spiel. Nur sich ins Schneckenhaus zurückziehen ist keine echte Alternative, etwas frech sein wollen wir schon. Aber es ist klar wer der Favorit, der haushohe Favorit ist.

Im zweiten Gruppenspiel geht es für Ihr Team gegen Deutschland - ist bei diesem Spiel, nur einen Tag nach dem Eröffnungsspiel, ein Sieg Pflicht?

Ein Pflichtsieg? Für die Deutschen ja. Für uns - nein. Gemessen an den Möglichkeiten sind wir auch im 2. Spiel klarer Aussenseiter. Aber, im Sport ist alles anders. Unsere Mannschaft hat bewiesen, dass sie in entscheidenden Momenten über sich hinauswachsen kann. Tagesform, Spielverlauf, Umgang mit der Situation etc. wird entscheidend sein. Auf dem Papier ist die Sache klar. Deutschland gewinnt. Auf dem Eis ist alles möglich.

Bei den Olympischen Spielen 2006 in Turin erspielte sich Ihr Team den 7. Rang, welche Platzierung streben Sie in Winnipeg an?

Als Mindestziel haben wir uns den Ligaerhalt vorgenommen. Das wäre bei aktuellem Wissensstand der 8. Platz.

Und zum Abschluss bitten wir Sie, noch ein bisschen zu träumen: Was wünschen Sie sich als Mitbringsel bei der Rückkehr in die Schweiz am Ostermontag?

Die Rückkehr erfolgt am 12. April. Die Ostereier werden dann wohl schon weg sein...ein Mitbringsel? Im Gepäck mindestens die Punkte, die uns die Sicherung der Zugehörigkeit zur A-Gruppe garantieren.

Herr Kammerer, vielen Dank für dieses Gespräch!





Zur Person René Kammerer:

Head Coach René Kammerer kann bereits auf eine 30jährige Eishockey-Vergangenheit zurückschauen - und das bei einem Lebensalter von grade einmal 37 Jahren. Beim EHC Uzwil stand er in allen Junioren-Mannschaften auf dem Eis und blieb seinem Verein bis in die 1. Liga treu. Parallel engagierte er sich auch schon als Trainer (Nachwuchteams beim EHC Uzwil und EHC St. Gallen), was er nach dem berufsbedingten Ausscheiden als Aktiver, intensivierte: In der Saison 200/2001 übernahm er die Assistenz des Erstliga-Teams seines Heimatvereins und startete seine Karriere als Frauen-Eishockey-Trainer, u.a. als Head Coach der B-Nationalmannschaft. Seit 2002 zeichnet er verantwortlich für die A-Nationalmannschaft der Frauen, zuerst als Assistenz-Coach und nach dem Abstieg aus der A-Gruppe bei der WM in Halifax im Frühjahr 2004 als Head-Coach.

Zu seinen grössten Erfolgen zählen die Qualifikation für die Olympischen Spiele in Turin 2006 sowie das Erreichen des 7. Rangs im Olympischen Turnier. Die WWHC 2007 im kanadischen Winnipeg ist seine erste A-Weltmeisterschafts als Head Coach. WM-Premiere hatte René Kammerer bei der WWHC 2005 Div I in Romanshorn, wo durch den Turniersieg der Wiederaufstieg in den A-Pool geschafft wurde.

René Kammerer ist verheiratet und lebt in Uzwil (SG).


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