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Fall Vitolinsh: Gratwanderung zwischen Sportlichkeit und Justiz

Das Verbandsgericht, die zweite und letzte Instanz innerhalb des Schweizer Eishockeys, hat entschieden: Der HC Ambrì-Piotta hat laut dem Urteil Harijs Vitolinsh in korrekter Art und Weise nach "Treu und Glauben" eingesetzt. Zwei Kommentare in unterschiedlichen Richtungen zum umstrittenen Entscheid.


Kommentar: Der Fall Ambri und die Reglemente

Von Urs Berger

Was viele nicht glauben konnten oder wollten wurde gestern um 16:00 Uhr bestätigt. Der Tessiner Klub Ambri-Piotta bekam seine, vom Einzelrichter abgesprochenen, zwei Punkte aus dem Spiel gegen den Lausanne HC zurück. Doch wie konnte ein solcher Entscheid gefällt werden? Wer sind die Schuldigen in diesem schwierigen Fall? Wo bleiben die Fans, welche mit ihrem Geld die Vereine mitfinanzieren?

Der Entscheid des Verbandssportgerichtes ist bei vielen Juristen umstritten, wie es mir nach verschiedenen Gesprächen klar wurde. Klar ist jedoch, dass sich das Verbandssportgericht auf die unklare Regelung der Ausländerfrage im Spielreglement stützt. Im Spielregelement, so das Verbandssportgericht, stehe lediglich, dass die Nationalliga-Gesellschafter beschlossen haben, dass drei Ausländer, egal welcher Herkunft, plus ein EU-Ausländer in der Saison 2004/2005 spielberechtigt sind. Also so wie es bekanntlich Ambri argumentiert hatte. Genau dieser Passus wird nun, in den Augen der Juristen, als nicht genügend begründet angeschaut. Zieht man nun, als Laie, die aktuellen gültigen Verträge der Schweiz mit der EU zu rate, so steht dort in der Personenfreizügigkeit kein Wort, das die zehn neuen EU-Länder ab sofort von der vollen Freizügigkeit gebrauch machen können. Im Gegenteil, läuft doch in dieser Sache noch ein Referendum, über welches das Schweizer Stimmvolk im September 2005 zu entscheiden hat. Das Verbandssportgericht irrt sich also, wenn es sich auf die "unklaren Regelungen" der EU-Ausländer bezieht, sind doch die einschlägigen Richtlinien klar und deutlich, auch wenn diese nicht in einem (Spiel-)Reglement festgelegt sind.

Dem Schweizerischen Eishockeyverband, respektive der Nationalliga GmbH, kann man insofern einen Vorwurf machen, dass die Information der Klubs lediglich mit einem E-Mail erfolgte und die Regelung, wie dies normalerweise der Fall wäre, nicht klar in Reglementen definiert wurde. Dies ist aus Sicht der Liga der einzige Fehler. Dass nun aber das Verbandssportgericht einen solchen schwer nachvollziehbaren Entscheid fällt, grenzt schon fast an Zynismus. Klubs wie Genf-Servette, die ZSC Lions, Fribourg-Gottéron oder der HC Davos müssen sich nun wie Deppen vorkommen, haben sie doch in der Qualifikation mit Tschechen oder Slowaken gespielt und diese immer richtig als "normale" Ausländer eingesetzt. Damit könnte man durchaus von einem Usus ausgehen. Die Klubs wussten, dass der Einsatz von Spielern aus den neuen EU-Ländern in Form des zusätzlichen EU-Ausländers nicht erlaubt war. Ambri verstiess so wissentlich gegen eine mündliche Abmachung, welche bereits an der Liga Versammlung im Februar 2004 klar geregelt wurde.

Ambri jedoch deswegen weiter an den Pranger zu stellen ist nicht richtig. Ambri fand eine Lücke, unwissentlich. Es zeigte während dem Spiel Grösse und gestand durch Peter Jaks den Fehler ein. Doch nun wurde Jaks das Maul verboten, da die Juristen begannen ihre Messer zu schleifen. Von nun an war der Sport Geschichte und verlagerte das Geschehen in die Hände der Juristen und deren Wasserträger. Der Fan, der Sportler und die Funktionäre wurden dem Geschehen neben dem Eis ausgeliefert und konnte nun nicht mehr eingreifen. Die Liga war, nach dem Weiterzug des Urteils durch Ambri, machtlos und musste der Dinge harren, die da kommen würden. Denn das Verbandssportgericht ist eine unabhängige Instanz der Liga, welche als oberste Instanz im Eishockey angerufen werden kann. Dieses Verbandssportgericht hat nun kein Fingerspitzengefühl gezeigt. Mit Begründungen, die vor einem zivilen Gericht vielleicht auch nicht standhalten würden, (siehe die noch kommenden Abstimmungen), wurde von einer Annahme ausgegangen, die nie und nimmer richtig war. Das Verbandssportgericht hat nach dem juristischen Grundsatz der Gleichheit falsch entschieden. Die einzelnen Interessen sind denen der Gesellschaft unterzuordnen. Diesen liess jedoch die Drei Richter kalt und unbeachtet.

Was bleibt nun dem frustrierten Fan übrig, als die Faust im Sack zu machen und das Urteil zu akzeptieren? Was bleibt den 11 der 12 Klubverantwortlichen übrig, als Ambri mit gut gemeinten Worten zu überzeugen, dass sie den Fehler eingestehen und freiwillig auf die zwei Punkte verzichten? Peter Jaks machte den richtigen Schritt, doch die Juristen von Ambri witterten Profilierungssucht und Effekthascherei. Das Ziel wurde erreicht und die Liga steht erneut am Abgrund. Was lernt uns das? Die Wahrheit und die Ehrlichkeit geht im Sport verloren und die wahren Gewinner sind die Juristen.

Wie soll es nun weitergehen? Wie wäre es, wenn die Nationalliga GmbH entscheiden würde, dass man den Entscheid vor das Schiedsgericht bringt, die Saison ausspielt und wenn der Entschied gefällt wurde, ob negativ oder positiv für Ambri, die entsprechenden Massnahmen einleitet? Sollte Ambri auch vor dem Schiedsgericht Erfolg haben, wäre die Qualifikation richtig erreicht worden. Wenn nicht, startet Ambri, wie in der Super League im Fussball bei nachgewiesenen Lizenzverstössen, mit Minus 2 Punkten in die neue Saison. Sicher ein gangbarer Weg der vielen Kompromissen. Doch immer noch besser als mit lauten Tönen zu spucken und darüber die Sportlichkeit zu vergessen. Denn hier geht es um gesunden Menschenverstand. Dieser hatte das Verbandssportgericht nicht.
Kommentar: Eine heilsame Ohrfeige für die Nationalliga

Von Martin Merk

Einen Tag vor den entscheidenden beiden Runden um die Playoff-Qualifikation hat es das Verbandssportgericht doch noch geschafft: Die Würfel im "Fall Vitolinsh" sind gefallen. Und der Entscheid hat verblüfft. Er hat insbesondere in der Nationalliga für ein Wachrütteln gesorgt, welches zum Überdenken der bisher laschen Philosophie innerhalb der Liga animiert.

Vor Jahrzehnten wäre ein solches Szenario undenkbar gewesen. Nicht nur, weil es keinen Spezialstatus für EU-Bürger gab. Damals stand der Sport im Vordergrund. In den letzten 20 Jahren hat sich das Eishockey aber auch hierzulande zum "Business" etabliert. Alles soll professioneller sein, Löhne in sechsstelliger Höhe bei Spielern, Trainern und Clubmanagern gehören zum Usus wie auch Budgets um die Marke von zehn Millionen Franken herum. Die Schweiz ist Spitzenreiter nach der NHL und Russland, könnte man fast meinen.

Der "Fall Vitolinsh" hat aber das Gegenteil gezeigt. Die Schweiz ist zwar ein reiches Eishockeyland mit entsprechendem Potential. Bezüglich Organisation und der Professionalität, der Performance des Kaderpersonals hinken wir Ligen wie der NHL, der schwedischen Elitserien oder der Deutschen DEL deutlich hinterher. Wer mal mit ausländischen Ligen zu tun hatte, wird dies rasch bemerken: Wir liegen da Ländern wie Frankreich, Italien oder Lettland näher als der NHL, werden den Anforderungen des heutigen Managements nicht gerecht für eine derart reiche Liga, welche sich gerne zu den Spitzenreitern in Europa zählt. Sportmanagement umfasst heutzutage mehr als nur Eishockey-Kenntnisse. Eine Liga muss in das Leben der Eishockey-Welt wie auch der "realen" Welt passen und mit den verschiedenen Ansprüchen umgehen können. Man muss sein Umfeld kennen, mit Interessensgruppen umgehen können und die Reglemente kennen.

Peter Jaks als Sportdirektor des HC Ambrì-Piotta kennt diese, sollte man meinen. Doch er hat am 9. Januar 2005 einen Fehler begangen und den Letten Harijs Vitolinsh als "EU-Bürger" eingesetzt, obwohl man in der Nationalliga abgesprochen hatte, dass nur Bürger der alten EU vor 2004 (also ohne Lettland) den vierten Ausländerplatz beanspruchen dürfen. Alle anderen Clubs haben dies perfekt umgesetzt, nur Ambrì in diesem Fall nicht. Jaks hatte nach dem Spiel diesen unbeabsichtigten Lapsus zugegeben. Aus Ehrlichkeit, behaupte ich. Aus Druck der Journalisten, redet sich der Anwalt der Tessiner heraus. Doch seien wir ehrlich: Ambrì hätte in Lausanne (6:2-Sieg) auch ohne Vitolinsh gewonnen wie Fribourg vor zwei Jahren auch ohne den Junioren Sandro Abplanalp gewonnen hätte. Von der Spielstärke her muss niemand beleidigt sein, wenn Ambrì die zwei Punkte doch erhält, "nur" von der Fairness gegenüber den Vereinbarungen her. Doch seien wir auch ehrlich: Der HC Ambrì-Piotta zählte vor Saisonbeginn nicht zu den glasklaren Playoff-Favoriten. Im Gegensatz zu vielen anderen Managern hat Jaks in diesem Bereich viel aus Ambrì herausgeholt, gerade mit den guten und preiswerten Ausländerentscheidungen. Er hat zwar die zwei aus sportlicher Sicht verloren gehörenden Punkte verschuldet. Doch wie viele Punkte haben andere Clubmanager mit Transferflops, Ausländerflops, falscher Trainerbesetzung oder sonstigen Fehleinschätzungen verschuldet? Wohl mehr als jene zwei von Jaks. Umso bedauerlicher ist es aber, dass sich die Juristen bei Ambrì schnell in diesen Fall eingenistet hatten mit dem Ziel, den Fehler zu vertuschen und die zwei Punkte für Ambrì zurückzuholen. Da wären wir also wieder: Eishockey ist mehr als nur Sport. Es ist auch willkommenes Futter für Juristen.

Der Einzelrichter Reto Steinmann hatte im Sinne der Nationalliga entschieden - und im Sinne der Sportlichkeit. Er ging wie die meisten davon aus, dass der HC Ambrì-Piotta und dessen verantwortlicher Sportdirektor Peter Jaks die Idee hinter dem Eishockey-Reglement kannten. Jaks war in mehreren Versammlungen der Nationalliga-Clubs dabei, in welchen unmissverständlich dargelegt wurde, dass der vierte Ausländer aus einem der "alten" EU-Länder kommen muss. Mit einem ebenfalls unmissverständlichen E-Mail wurde dies von der Nationalliga-Führung bestätigt. Er entschied wie ein Eishockey-Schiedsrichter im Sinne der Fairness und zum Wohle des Schweizer Eishockeys. Doch wie geschrieben: Eishockey ist mehr als nur Sport, es ist "Big Business", was man nicht zuletzt im komplexen Fall der NHL zu sehen bekam. In der Nationalliga sind 24 Clubs mit eigenen Interessen, welche jeden Fehler des anderen auszunützen versuchen, egal auf welchem Parkett. Es versteht sich von selbst, dass ein Reglement "dubelisicher" sein muss, wie man in meinem Dialekt so schön sagt. Das Reglement ist aber nicht "dubelisicher", es hat Lücken. So wird zwar die Regel "3+1" definiert mit dem zusätzlichen EU-Ausländer, es wird jedoch nicht definiert, dass man nicht alle EU-Ausländer meint. Und dies mit Absicht. Die Nationalliga war schon Monate vor Saisonbeginn über diese Unklarheit aufgeklärt gewesen, unter anderem auch in einem Gespräch dieses Autors. Die Folge? Im September hat man die gemeinte Definition des EU-Ausländers wissentlich nicht im Reglement festgehalten und nie explizit darüber abstimmen lassen. Und dies wohlgemerkt zu einer Zeit, in der die EU bereits erweitert war.

Dies ist eine sehr legère, wenn nicht gar unprofessionelle Haltung der Nationalliga und deren Gesellschafter (sprich NLA-Clubs), welche nun bestraft wurde. Das Verbandssportgericht beruhte sich klar auf die Reglemente, welche das A und O im Spielbetrieb darstellen. Es sah es als gutes Recht jedes Clubs an, dieses Reglement so zu interpretieren, wie es niedergeschrieben ist, nämlich mit dem Wort EU-Ausländer und dieses dürfte sehr wohl so interpretiert werden wie man dies im aktuellen Stand macht, wenn keine andere Definition präzisiert. Und dieses beinhaltet auch Letten, Tschechen oder Slowaken. Das Verbandssportgericht entschied nach dem Motto "im Zweifel für den Angeklagten", es entschied, dass man Ambrì kein Bruch der Reglemente oder verbindlicher Beschlüsse nachgeweisen kann. Nur den Bruch mündlicher Gespräche oder eines E-Mails des Nationalliga-Präsidenten, was als irrelevant angeschaut wird. Ob sportlich oder nicht, dieses wohlgemerkt zum Schweizer Eishockey gehörende Gericht hat formaljuristisch wohl korrekt entschieden. Man kann von juristischer Haarspalterei sprechen, doch diese hatten die Nationalliga und die NLA-Clubs wissentlich in Kauf genommen, indem sie die Reglemente nicht präzisiert haben. Und diese sollten alle Beteiligten kennen, nicht nur der vielgescholtene Peter Jaks und sein Club.

Was hat dies nun für Konsequenzen, abgesehen vom sportlichen Aspekt in der Tabelle? Die Nationalliga hat ja nun endlich reagiert und doch noch einen hieb- und stichfesten Beschluss bezüglich Ausländerregelung gefasst. Einige Clubs haben gar mit Playout-Boykott gedroht, den Ausschluss von Ambrì gefordert oder die Verwirrung für eine Aufstockung auf 13 Mannschaften und damit einem Klassenerhalt auf dem grünen Tisch nutzen wollen wie vor zwei Jahren im "Fall Abplanalp". Diese Punkte entsprechen genausowenig dem Sportgedanken wie das hinterlistige Verhalten von Ambrì, sich über (mangelhafte) Abmachungen hinwegzusetzen. Denn jeder verärgerte Nationalliga-Club muss sich selbst an die Nase fassen, wieso derart schlecht an der Ausländerregelung gearbeitet wurde. Dieser Fall ist wohl bei allen grossen Eishockey-Ligen nur in der Schweiz möglich. Er zeigt auf, woran es in der NLA mangelt: An professionellem Verhalten in den wichtigen Positionen und am Denken im Sinne des Schweizer Eishockeys. Jeder Club denkt in erster Linie für sich und höchstens in zweiter Linie in einer Art Milizsystem unter den Clubs für das Gesamtwohl der NLA. Eine Instanz, welche für das Wohl der Liga in der Eishockey-Welt und in der Sport- und Unterhaltungsbranche schaut, gibt es in der Schweiz nicht, weil die Clubs das Sagen haben. Kein Wunder, schwankt die Ligagrösse mal auf 12, mal auf 13 oder mal in Gedanken auf 16 Mannschaften. Und mit dem neuen "Managing Director", der bald gefunden ist, wird sich dies auch kaum ändern, weil auch der nur im Sinne der bestimmenden Nationalliga-Clubs handeln soll, den Clubs klar unterstellt ist. Der "Fall Vitolinsh" gibt dieser Philosophie jedoch nicht recht. Die Fälle wie Abplanalp oder Vitolinsh, bei welchen sich Clubs über Schlupflöcher unsportlich besserstellen konnten, werden wohl nicht die letzten gewesen sein, welche die NLA in ein schlechtes Licht rücken.




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