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Die Überflieger von einem anderen Stern oder die "Joe-Sixpacks" von nebenan?

Meine Bilanz zu den Lockout-Spielern

Von Thomas Roost

Eine Bilanz vor den Playoffs? Ja, ganz bewusst jetzt, denn eine meiner wichtigsten Überzeugungen ist diejenige, dass die Resultate und die Scorerpunkte der Lockout-Spieler weitgehend unbedeutend sind, um deren Qualität zu beurteilen. Zu unterschiedlich ist deren Basis-Motivation und zudem variiert diese noch von Spiel zu Spiel und ist unberechenbar. Die Play-Offs sind nur für uns wichtig, in der Karriere eines Lockout-Spielers dienen sie hingegen nur als Randnotiz.

In vielen Gesprächen ist mir aufgefallen, dass es drei Kategorien von Beobachtern gibt, die von den Lockout-Spielern enttäuscht sind:
Erstens die "Hardcore-Fans" mit Vereinsbrille, welche die eigenen Spieler über- und alle anderen gering schätzen. Ihr Adrenalinkick bildet sich durch die radikale und offen zur Schau gestellte Subjektivität. Dies ist OK, sie sind glücklich damit.
Die zweite Kategorie sind Fans mit stark ausgeprägtem Patriotismus und nur mittelmässigem Selbstbewusstsein. Diese Gruppe verherrlicht die einheimische Liga gepaart mit stetigem Fingerzeigen auf scheinbares Fehlverhalten und vermeintlichen Schwächen der Lockout-Spieler. Auch dies ist eine legitime Haltung, ja sogar eine psychologisch geschickte Verdrängungsstrategie und führt mindestens ansatzweise zu persönlichem Glück bei diesen Eishockeyfans.
Die dritte Kategorie sind diejenigen, die bisher nur wenige NHL-Spiele gesehen haben und somit die NHL-Spieler als Kreaturen von einem anderen Planeten erwartet/erhofft und in ihren Träumen überschätzt haben. Dabei haben sie vergessen, dass auch NHL-Spieler nur mit zwei Beinen, zwei Armen, einem Stock und einem einzigen Kopf Eishockey spielen.

Allen gemeinsam ist die leise Enttäuschung über die Ernsthaftigkeit der Lockout-Cracks. In dieser Beziehung schliesse selbst ich mich den kritischen Beobachtern an. Obwohl - was würden wohl die SCB-Fans von einem Christian Dubé erwarten, der sich wegen eines Schweizer-Lockouts in der mexikanischen Liga fit halten würde? Dass er dort allen Mexikanern beweist, wie gut er ist? Dass er dort in der mexikanischen Liga Kopf und Kragen riskiert? Wohl kaum... Sie würden erwarten, dass er möglichst fit und vor allem gesund zurückkehrt, sollte die Liga in der Schweiz unverhofft doch noch starten.

Persönlich bin ich begeistert von den meisten Lockout-Spielern! Dies vielleicht auch darum, weil ich aufgrund ihrer speziellen beruflichen Situation nicht sehr viel von ihnen erwartet habe. Auch wenn die meisten nur mit angezogener Handbremse spielen, so spülen sie mit ihren individuellen Qualitäten doch einigen Sand aus unseren Augen - sie öffnen uns den Blick für die Realität und die Realität ist wahrscheinlich die, dass unser Eishockey weit deutlicher von der absoluten Weltspitze entfernt ist, als dass wir dies wahrhaben möchten.

Wie viel besser sind die Lockout-Spieler als die "normalen" Ausländer?
Eine halbe Klasse würde ich sagen (Thornton/Heatley/Nash eine ganze Klasse) und dabei vergleiche ich den NHL-Durchschnitt mit unseren Ausländern. Die NHL-Spieler, die sich am unteren Ende der Skala bewegen sind nur "marginal" besser als unsere besten Ausländer, wenn überhaupt. Es gibt viele Spieler auf diesem Planeten, die im dritten/vierten Block eines mittelmässigen NHL-Teams durchaus mitspielen könnten, dazu gehören einige bei uns tätige Ausländer und auch die zwei bis drei besten Schweizer Spieler. Dazu gehören aber auch zirka 50 bis 60 andere Hockeyspieler in Europa, die (noch) nie in der NHL gespielt haben. Unsere Nationalmannschaft könnte wahrscheinlich in der AHL gut mithalten. Der Rest der Liga bewegt sich auf "Borderlineniveau" zwischen ECHL und AHL, somit gebe ich Joe Thornton ansatzweise recht.

Die uns vorgetäuschte "Schweizer Realität" ist: "Unsere Spieler sind technisch und läuferisch sehr gut, ja mitunter höre/lese ich sogar, wir seien diesbezüglich Weltklasse..."

Die NHL-Realität betreffend Skating wird uns nun aber tagtäglich vor Augen geführt: Achtet mal in einem Spiel nur auf Dave Tanabe oder David Legwand (beides bezeichnenderweise (noch) keine Stars in der NHL!) und vergleicht dann mal mit den jeweils besten Schweizer Skatern in eben diesem Spiel. Das ist ein Unterschied einer ganzen Klasse. Achtet mal auf die Stabilität und die Balance der eher mittelmässigen Stilisten Heatley, Nash und Thornton. Die stehen wie Eichen im "Slot". Gutes Skating ist nur zu einem kleinen Teil Schnelligkeit im offenen Eis, Skating ist vor allem auch Balance und Stabilität auf den Schlittschuhen. Dies ist unter anderem die Folge einer starken Bein- und Hüftmuskulatur und in diesem Bereich haben unsere Spieler grosse Defizite. Marcel Jenni wäre dann ein Weltklasseskater, wenn Eishockey körperlos gespielt werden würde. Weil dem aber nicht so ist, erreicht sein Skatingniveau maximal internationales Niveau, keinesfalls aber Weltklasse.

Die NHL-Realität betreffend Technik: Habt ihr mal Tim Connolly (auch er, bezeichnenderweise (noch) kein Star in der NHL) genauer beobachtet? Nennt mir einen Schweizer Spieler, der auch nur ansatzweise an die "Klassemoves" und "Dekes" des Amerikaners herankommt. Beobachtet mal die Schusstechnik eines Rick Nash, Dany Heatley und Dan Brière. Nennt mir einen Schweizer Spieler, der auch nur annähernd die Schussqualität der genannten Spieler erreicht. Nur Patrik Bärtschi und in seinen besten Tagen Michel Riesen haben bei uns internationales Format betreffend Schusstechnik, speziell bei den immer wichtiger werdenden Direktschüssen (OK, Mark Streits Direktschüsse sind auch ganz in Ordnung). Beobachtet mal die Scheibenkontrolle eines Dany Heatley oder eines Joe Thornton. Ihr werdet schnell einen sehr grossen Unterschied zu unserem Alltagsniveau erkennen! Habt ihr zufälligerweise die Scheibenkontrolle eines Maxim Afinogenov oder eines Sergei Samsonov bei ihrem Schweizer Gastspiel vor dem World-Cup beobachtet? Können wir bei diesen Vergleichen allen Ernstes behaupten wir seien Weltklassetechniker? Da liegen leider noch Welten dazwischen! Wir müssen der Wahrheit in die Augen schauen, alles andere bringt uns einen weiteren Schritt näher zur B-Gruppe!

Eine weitere sich abzeichnende Wahrheit ist das schleichende Abdriften ins Mittelfeld betreffend Wirtschaftskraft.
Unsere Liga war noch vor nicht allzu langer Zeit der Krösus ausserhalb der NHL. Russland hat uns inzwischen längst überholt. Schweden hat aufgeholt und die neuen Stadien in Schweden werden helfen, den Rückstand weiter zu verkleinern. Deutschland hat den Grundstein mit einigen neuen, phantastischen Arenen längst gelegt. Tschechien und die Slowakei entwickeln sich mit Riesenschritten; mit grossem Stolz werden dort grosse Sportprojekte angepackt und umgesetzt! Auch diesbezüglich müssen wir der Wahrheit in die Augen schauen: Wir müssen uns darauf einstellen, in Zukunft kleinere Brötchen zu backen. Wir dürfen uns nicht auf Ausnahmemäzene verlassen, die dazu tendieren, an der Realität vorbei zu wirtschaften. Die zunehmend abbröckelnde Wirtschaftskraft müssen wir durch bescheidene, aber professionelle Strukturen ersetzen. Die "Payroll" unserer Clubs muss im Durchschnitt wahrscheinlich um zirka 20 Prozent sinken. Steigern müssen wir hingegen das Engagement sämtlicher Angestellten, inklusive den Spielern. Das Schweizer Eishockey benötigt dringend mehr Leidenschaft, mehr Herzblut, mehr Charisma. Als Club- und Verbandsverantwortliche sollten wir uns zudem überlegen, wie wir eine eigene Identität (auf Marketingdeutsch einen "Unique Selling Proposition, USP") kultivieren oder gar erschaffen könnten. Grundsätzlich hat unsere Liga respektive unser Land einige attraktive Elemente, die kaum kopiert werden können: z.B. leidenschaftliche und treue Fans, kurze Wegzeiten, gute Lebensqualität, verhältnismässig viele gedeckte Eisfelder. Die "Swissness", das Kultivieren des Kleinen, könnten wir beispielsweise symbolisch umsetzen, indem wir unsere Eisfelder verkleinern und dem nordamerikanischen Standard anpassen. Dies führt zu einem intensiveren, dynamischeren Spiel und provoziert erst noch, unsere Schwächen im "Infight" langfristig auszumerzen. Ich wage zu behaupten, dass unsere internationale Eishockeyzukunft von dieser Massnahme profitieren würde! Unsere Elite-Juniorenliga leidet beispielsweise enorm unter der fehlenden Intensität. Man sieht praktisch keine "Hits", kein Tempo, keine Intensität, keine Emotionen. Defensives, abgeklärtes Steuerspiel dominiert, alles ist geordnet und systematisch. Eine Katastrophe, wenn wir den Anspruch haben, international weiter nach vorne zu kommen! Kleinere Eisfelder könnten auch diesbezüglich ein wenig helfen. Zudem glaube ich, dass sich für die Zuschauer der Spassfaktor zusätzlich erhöht... und wir hätten in unserer Liga europaweit (Ausnahme teilweise Finnland) etwas Einmaliges, eben... einen zusätzlichen "USP" zur Vermarktung unserer Liga - und auch mit sportlichem Langfristpotenzial!

Dies die Theorie. Nur die Theorie, ich weiss; aber vielleicht ein Anfang für eine fruchtbare Diskussion.

Zum Schluss noch ein Wort zum viel gescholtenen Joe Thornton: Wenn er mit dem HCD spielt, so erinnert mich dies immer wieder an ein Bubentraining, bei dem der Trainer mitmacht und mit seinen Pässen aus dem Stand das Resultat hüben wie drüben beeinflusst. Er spielt mit angezogener Handbremse, fährt nur seinen Stock etwas spazieren, um seine Jungs ja nicht zu frustrieren. Er versucht mit seinen Pässen, die Buben positiv in Szene zu setzen. Seiner Überlegenheit bewusst, hält er sich physisch zurück - es wäre ja unfair, wenn er als Erwachsener seine Jungs mit krachenden Checks einschüchtern würde. Zudem möchte er als Übungsleiter keine unnötige Verletzung riskieren. Mit Spässen und aufmunterndem Lachen sorgt er für gute Stimmung bei seinen Jungs. Als Bubentrainer soll er ja vor allem die Freude am Spiel vermitteln. Soweit Joe Thornton beim HCD. Der langen Worte kurzer Sinn: Joe Thornton ist aus meiner Sicht ein junger, sympathischer, fröhlicher, noch etwas unreifer Mann und als Spieler nur eins: Weltklasse!



2. Auflage von "Puck-Dreams - Der steinige Weg in die "Big League", die legendäre NHL"

Der Schweizer NHL-Scout Thomas Roost, Autor dieses Artikels, befasst sich in dieser Broschüre mit dem Thema Schweizer und die NHL. Er sucht nach Gründen, wieso bis auf David Aebischer und Martin Gerber sich noch kein Schweizer Spieler in der NHL durchsetzen konnte und wie das Schweizer Eishockey auf der anderen Seite des Teichs angesehen wird. Darüber hinaus findet der Leser Hintergründe zum Scouting und der NHL sowie wertvolle Tipps für Eishockeytalente und alle, die sich mit dem Thema der Broschüre befassen wollen.

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