Scouting Report Martin St. Louis

Von Thomas Roost

Martin St. Louis, Center, 5.09 (176 cm) / 185 Pfund (83 kg) / schiesst links 29-jährig / Tampa Bay Lightning / Lausanne HC

2. Auflage von "Puck-Dreams - Der steinige Weg in die "Big League", die legendäre NHL"

Der Schweizer NHL-Scout Thomas Roost, Autor dieses Artikels, befasst sich in dieser Broschüre mit dem Thema Schweizer und die NHL. Er sucht nach Gründen, wieso bis auf David Aebischer und Martin Gerber sich noch kein Schweizer Spieler in der NHL durchsetzen konnte und wie das Schweizer Eishockey auf der anderen Seite des Teichs angesehen wird. Darüber hinaus findet der Leser Hintergründe zum Scouting und der NHL sowie wertvolle Tipps für Eishockeytalente und alle, die sich mit dem Thema der Broschüre befassen wollen.

Die neue zweite Auflage der Broschüre ist für 16 Franken inkl. Versandkosten Book-Shop von hockeyfans.ch erhältlich.
Martin St. Louis war in der vergangenen Saison Topscorer der NHL-Regular Season und wurde als MVP (wertvollster Spieler) ausgezeichnet. Ist Martin St. Louis der beste Spieler der Welt? Ganz klar nein, bei allem Respekt, so gut ist er nicht. Er hat sich zwar zum Starspieler entwickelt, den Status Superstar wird er wohl aber nie ganz erreichen. Hierzu fehlt ihm die körperliche Dominanz und auch der letzte Schuss Genialität. St. Louis profitierte in der vergangenen Saison davon, dass er als Superscorer noch immer nicht ganz ernst genommen wurde und dass man sich bei Tampa Bay nicht auf eine Linie und/oder nur auf einzelne Spieler konzentrieren kann. Die Last des Toreproduzierens ist auf einige Starschultern verteilt. Mit Vincent Lecavalier, Brad Richards und eben Martin St. Louis ist die Offensive der Lightning schwer auszurechnen. Ich mag wohl Martin St. Louis nicht, weil ich nicht bedingungslos in den allgemeinen "Hype" einstimme? Das Gegenteil ist der Fall, ich bin ein grosser Fan von ihm und zwar weil er phantastische Eigenschaften als Eishockeyspieler aufweist. Diese schildere ich in einem nachfolgenden Abschnitt. Zuerst aber zu einer der wundersamsten Hockeykarrieren in der Geschichte der NHL:

Die Karriere von Martin St. Louis ist eine phantastische Story für schmalzige Hollywood-Sportfilmdrehbücher. Dies aber mit einem bemerkenswerten Unterschied zu Filmen wie z.B. "Slapshot" oder "Mighty Ducks": Die Geschichte von Martin St. Louis ist wahr! Vom Tellerwäscher zum Millionär. St. Louis, dem niemand... wirklich niemand eine derartige Karriere zugetraut hat, arbeitete sich Stufe um Stufe hoch. Er wurde nie gedraftet... und hat es allen Scouts und GMs gezeigt, als er den Sprung zu den Flames als Free Agent geschafft hat. Ernst genommen wurde er aber noch immer nicht, denn ohne nennenswerten Gegenwert wurde er nach Florida zu Tampa Bay abgeschoben. Die Lightning-Verantwortlichen, die grossen Helden, die das verkannte Potenzial von St. Louis schon immer als einzige richtig eingeschätzt haben? Dies wäre eine supergute Story und einige Vertreter dieser Organisation versuchen heute auch, die Geschichtsbücher umzuschreiben... Die Wahrheit kenne ich aber aus erster Hand: Selbst die Lightning-Verantwortlichen haben Martin St. Louis lange nicht richtig ernst genommen. Noch vor zwei Jahren haben sie gejammert mit der Bemerkung, dass man wohl noch weit davon entfernt sei, ein Playoff-Contender zu sein, so lange ein Spieler wie St. Louis in der internen Scorerliste in den Top 3 zu finden sei. Trotz all diesen Relativierungen: Es ist die Lightning-Organisation, die St. Louis die Chance gegeben hat, sich als Scorer zu beweisen - auch wenn diese Chance nur aus der Not geboren wurde. Somit: Well done Tampa Bay Lightning! Hut ab!

Nun zu den Eigenschaften des Martin St. Louis als Hockeyspieler:
Martin St. Louis ist ein Riesenkämpfer mit unheimlich viel Mut und sog. "Grit". Er ist die Verkörperung des "Heart and Soul"-Spielers schlechthin! Ein Spieler voller Leidenschaft der zudem bei den Goalies Leiden schafft. Er scheut keinen Zweikampf und geht auch gegen Verteidigerhünen wie Pronger, Chara und Jovanovski in den "Infight". Mit seinem tiefen Schwerpunkt gepaart mit schnellen Füssen und starken Beinen ist es selbst für diese Kolosse nicht einfach, St. Louis aus dem Gleichgewicht zu bringen. St. Louis ist sehr beweglich und mit seinen Körpertäuschungen entlang der Bande kommt es häufig vor, dass geplante Körperattacken gegen St. Louis ins Leere laufen. St. Louis spielt mit einer unglaublich hohen Drehzahl, mit höchster Kadenz, er ist wie ein Dynamo und scheint nie zu ermüden. Sein Skating ist sehr dynamisch und seine Fähigkeiten in bezug auf Puckkontrolle sind sehr, sehr gut. Er hat auch exzellente Werte im Boxplay. In der offensiven Zone ist er unberechenbar, weil er nicht nur die kleinste Tendenz zum Vorbereiter (Passeur) oder Goalscorer erkennen lässt. Gut informierte Verteidiger können bei den meisten Stürmern mit einer relativen Wahrscheinlichkeit abschätzen, ob sie in gewissen Situationen eher den Pass spielen oder den Abschluss suchen. Bei St. Louis ist dies unmöglich, er ist nicht berechen- und/oder ausrechenbar. Zudem hat er sehr schnelle Hände und sein "Shot-Release" ist ähnlich schnell wie derjenige von Daniel Brière.

Martin St. Louis, der erstaunlichste Spieler in der NHL! Wegen ihm lohnt es sich, Tickets zu kaufen! Viel Spass!

Thomas Roost
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