BACKGROUND - Saisonrückblick


Keine Entwarnung im Juniorenbereich

Die ersten Sommereindrücke des für den kommenden NHL-Draft relevanten Jahrgangs 87 signalisieren keine Entwarnung. Im Weltklassevergleich können wir auch in diesem Jahr nicht mithalten. Gegenüber dem Vorjahr scheint mir zwar der Talentlevel wieder etwas höher zu sein, nicht aber hoch genug, um im Abstiegskampf (höchstwahrscheinlich gegen Dänemark und Deutschland) als Favorit zu gelten.

Von Thomas Roost, Central Scouting Europe

Dänemark hat an der letzten U18-A-WM überzeugt und ein Teil davon wird auch bei der 87er-Ausgabe das Gerüst bilden, d.h. Dänemark wird sicher sehr ernst zu nehmen sein und die Deutschen? Die Deutschen haben den wohl stärksten Jahrgang seit ich vor vielen Jahren meine Scoutingtätigkeit begonnen habe. In den direkten Vergleichen (3 Spiele in Davos) waren die Deutschen stärker als die Schweizer, so dass ein Abstieg von uns nur die logische Folge wäre. Die Deutschen sind aber nicht so viel besser, als dass wir sie nicht bezwingen können, d.h. wir dürfen durchaus hoffen. Eine Überraschung gegen die grossen Nationen darf nicht erwartet werden denn am 8-Nationenturnier in Hodonin, Breclav und Piestany von anfangs August waren die Schweizer klar am schwächsten. Beim "Warm-up" vor dem Spiel gegen Kanada wunderte ich mich, weil die Schweizer von der Körpergrösse her gesehen keinesfalls unterlegen waren - ein ganz neues Bild im Nordamerikanischen Vergleich. Die Ernüchterung folgte dann aber während des Spiels. Die Kanadier waren stocktechnisch und vor allem läuferisch deutlich überlegen. Das läuferische Manko möchte ich an dieser Stelle noch etwas spezifizieren denn einige der Schweizer zeigten elegante Ansätze, enge Kurven und flinke Wendungen - was aber gänzlich fehlte war der Schub, die Kraft aus dem Hüft- und Beinbereich, die Beschleunigung, die Stabilität auf den Schlittschuhen. Zudem waren die Defizite im Stickhandling und im Kreativbereich ebenfalls offensichtlich. Mangelnde Scheibenkontrolle führte oft zu unverständlichen Scheibenverlusten und die Körpertäuschungen unserer Talente sind im Vergleich zur Weltklasse eher banal und zu durchsichtig - aber... wir kommen zu einem Ursprung der Mängel zurück: Schnelle, echt verwirrende Körpertäuschungen sind oft nur möglich wenn man perfekt und stabil auf den Schlittschuhen steht, es gibt nur wenige Spieler (z.B. Brian Leetch) die selbst mit einem Augenaufschlag Gegenspieler ins Leere laufen lassen können. Leicht deprimiert ging ich nach dem enttäuschenden Spiel gegen Kanada von dannen, echt besorgt war ich aber erst nach dem Spiel gegen Schweden: Unsere Jungs haben unterstützt vom überzeugenden Goalie Reto Berra zwar hervorragend gekämpft und das Resultat lange offen gehalten. Sie konnten aber nicht kaschieren, dass die Schweden eindeutig besser waren (obwohl die besten 3 Spieler gefehlt haben!) und zwar exakt in den beiden vorgenannten Bereichen: Scheibenkontrolle, Körpertäuschungen einerseits und kraftvolles, raumgewinnendes Skating andererseits. Es war etwas traurig mitanzusehen, wie unser Turm in der Defense, Alessandro Chiesa, wiederholt überlaufen wurde...und zwar aussenrum...

Das Positive: Die Spiele gegen Schweden, die Slowakei, Russland und Finnland endeten alle mit nur knappen Niederlagen, d.h. unsere Jungs haben echt versucht, sich zu wehren so gut es halt ging.

Trotzdem: Der letzte Schlussrang war kein Zufall sondern er entsprach eindeutig dem Kräfteverhältnis. Erschwerend kommt noch hinzu, dass in allen Teams die besten Einzelspieler gefehlt haben, d.h. an der WM im April sind die vorgenannten Nationen (ausser Kanada) höchstwahrscheinlich noch stärker. Bei uns sehe ich hingegen aus personeller Sicht nicht mehr viel Verbesserungspotenzial. Vielleicht könnte noch der eine oder andere 88er hinzustossen, aber wenn ich an die gute Leistung von Reto Berra gegen Schweden denke, dann ist beispielsweise die potenzielle Hebelwirkung eines Lukas Flüeler auch nur gering.

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Der Schweizer NHL-Scout Thomas Roost, Autor dieses Artikels, befasst sich in dieser Broschüre mit dem Thema Schweizer und die NHL. Er sucht nach Gründen, wieso bis auf David Aebischer und Martin Gerber sich noch kein Schweizer Spieler in der NHL durchsetzen konnte und wie das Schweizer Eishockey auf der anderen Seite des Teichs angesehen wird. Darüber hinaus findet der Leser Hintergründe zum Scouting und der NHL sowie wertvolle Tipps für Eishockeytalente und alle, die sich mit dem Thema der Broschüre befassen wollen.

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Der NHL-Draft:
Zum heutigen Zeitpunkt wage ich zu behaupten, dass im nächsten Juni eventuell so wenige Schweizer wie schon lange nicht mehr gedraftet werden. Yanick Steinmann steht im Schaufenster, er hat viele Stärken... aber... er hat sein Spiel noch nicht auf die nächsthöhere Ebene gehievt. Er macht zu wenig Scorerpunkte, er nimmt noch zu wenig Einfluss auf das Spiel. Mit seinem Talent erwarte ich von ihm, dass er hin und wieder in einem engen Spiel das "Gamewinning-Goal" oder den "Gamewinning-Assist" beisteuert, dass er in "Clutch-Situationen" Verantwortung übernimmt und den Druck erhöht, den Extragang einlegt. Dies ist er bis jetzt noch schuldig geblieben. Trotzdem: Ein feines Talent, diese Zuger Nachwuchshoffnung: Phantastisches Bodytiming, gutes Skating, gute Hände, gute Spielübersicht und er denkt in zwei Wegen, zudem ist er kein Floater. Seine Spielanlage gefällt mir sehr. Er muss aber noch an seinen Face-Off-Qualitäten arbeiten und etwas opportunistischer werden. Alessandro Chiesa wirkt etwas ähnlich wie Beat Forster, sehr stark an der Bande, kräftig wie ein Ochse aber sein "Footspeed" ist völlig ungenügend und wie Forster wirkt er auch etwas hüftsteif. Forster spielt zudem im positiven Sinn arroganter und mit mehr Vertrauen. Wenn Chiesa eine NHL-Chance haben will, dann muss er unbedingt deutlich schneller werden. Die positiven Überraschungen aus den Sommerspielen waren einerseits Fabrizio Conte und Reto Berra. Conte ist ein sehr smarter Spieler, fast immer wenn er an der Scheibe ist, kreiert er etwas Positives und er ist auch torgefährlich. Im Gegensatz zu Steinmann schafft er es fast immer, auf dem "Scoresheet" zu erscheinen, er scheint den gewissen Instinkt zu haben, "the Nose for the Net". Contes Körper wirkt aber im internationalen Vergleich wie derjenige eines frisch geschlüpften Vögelchens - in diesem Bereich hat er noch grosse Defizite. Reto Berra hat mit seiner Ruhe und Abgeklärtheit im Spiel gegen Schweden sehr überzeugt, das war wirklich eine gute Leistung. Von den "Underagern", die erst im 2006 für den NHL-Draft zugelassen sind, gilt es einerseits Jurai Simek zu erwähnen, ein hochtalentierter Forward mit einem superguten Body aber noch etwas mangelndem Spielverständnis, speziell im Spiel ohne Scheibe - zudem scheint er den eigenen Goalie kaum zu kennen. Ziemlich überzeugt hat der kräftige Klotner Stürmer Arnaud Jacquemet, der viel Zug aufs Tor entwickelt und auch immer wieder den Abschluss sucht, auffallend auch, dass viele seiner Schüsse den Weg zum Tor finden, d.h. seine Abschlussversuche eröffnen meistens Optionen (direktes Tor, Deflection oder Rebound). Zudem zeigte der Verteidiger Marc Welti Ansätze, die es zu beachten gilt und auch andere Spieler hatten ihre "Highlights"; die Saison ist aber noch zu jung, um bereits detaillierte Urteile zu bilden.

Bei meinem Shorttrip nach Füssen hat mich unsere U20 ziemlich überzeugt. Wir dürfen uns in dieser Alterkategorie sicher gute Chancen ausrechnen, dem Abstieg zu entrinnen. Roman Wick und Peter Guggisberg zeigten "Flashes" ihres für Schweizer Verhältnisse unglaublichen Talentlevels, zudem spielte Goalie Tobler solid und Scorer Stancescu zeigte sich nach verletzungsbedingten Durchhängern in den vergangenen Saisons deutlich verbessert. Roman Wick, der bodymässig sicher nicht zu den schwächlichen Schweizern gehört, hat aber wahrscheinlich im Nachwuchscamp der Senators Anschauungsunterricht erhalten, was es heisst, sich körperlich auf die NHL vorzubereiten...ganz zu schweigen vom nicht minder talentierten Philippe Seydoux... Wick, Guggisberg und Seydoux: Ach wenn ich ihnen doch nur ein finnisches Löwenherz einpflanzen könnte... dann müsste ich mich nicht ewig mit der Frage beschäftigen, wieso noch immer kein Schweizer Skater in der NHL spielt. Ein Trainingsbesuch in Davos bei Joe Thornton würde vielleicht auch nicht schaden. Seine Unterarme sind wohl kräftiger als die Oberschenkel von Michel Riesen...na ja... jetzt übertreibe ich wohl ein wenig... aber... überzeugt Euch selbst und nehmt mal einen Augenschein...

Neue Sternchen am Eishockeyhimmel?
Mit Sidney Crosby fehlte bei Kanada der kommende Superstar. Er ist jetzt schon zu gut für die U18 und wird bei der U20 bereits eine dominierende Rolle spielen. Er hat ja an der letzten U20-WM schon als 16-Jähriger bereits eine auffällige Rolle gespielt und dies bei.... Kanada...der Nation mit der grössten Auswahl an Spielern... Die Kanadier haben aber auch in diesem Sommer wieder eine Supertruppe gestellt: Corey Price, der Goalie, die "hulking" und good skating Abwehrspieler Brendan Mikkelson und Marc Staal dann die zwar eher kleinen aber kräftigen und aggressiven Forwards Gilbert Brule, Bryan Little, Dan Bertram und Andrew Cogliano. Die Tschechen mit ihrem Superdefender Jakub Vojta. Die Tschechen gehen mit drei sehr, sehr guten Defendern in den nächsten Draft. Die Russen und die US-Boys haben etwas enttäuscht, wobei aber bei den US-Amerikanern die allerbesten Kräfte gefehlt haben. Bei den Russen mangelt es für einmal an Ausnahmekönnern. Alle sind zwar gut ausgebildet, haben gute Hände und können skaten. Der mittelmässige Teameffort und die latente Mentalschwäche gepaart mit dem nur durchschnittlichen Jahrgang haben aber dazu geführt, dass die Russen für einmal nur mittelmässig gut ausgesehen haben. Die Schweden zeigen sich mit diesem Jahrgang wieder verbessert und die Finnen machten ihr mittelmässiges Talent mit grosser Kampfkraft wett...und...auch bei den Finnen haben die beiden besten Spieler gefehlt. Die Slowaken überzeugten mit einigen überdimensionierten Verteidigern im Stile eines Zdeno Chara sowie mit zwei bis drei sehr talentierten und kräftigen Forwards.

Zusammenfassend habe ich das Gefühl, dass unser Jahrgang 87 besser ist als der 86er. Zudem scheint mir die taktische Grundschulung einiger unserer Jungs OK, da gibt es nicht viel auszusetzen, aber: Die anderen Nationen haben wieder einen Schritt nach vorne gemacht. Nachdem wir vor einigen Jahren den Schritt von 75 auf 85 gemacht haben, sind wir vielleicht im letzten Jahr auf 81 zurückgefallen und jetzt haben wir uns wieder auf 83 verbessert. Den Topnationen ist nun aber der schwierige Sprung von 90 auf 93 geglückt und somit scheint der Abstand zur Weltspitze im Juniorenhockey wieder etwas grösser als auch schon. Es ist ja definitiv nicht so, dass sich die Topnationen mit dem zufrieden geben, was sie schon erreicht haben, auch sie wollen sich stetig verbessern - und es scheint ihnen gelungen zu sein. Wir dürfen nicht hinten anstehen und müssen versuchen, das Loch wieder kleiner werden zu lassen. Nehmen wir die Slowakei als Vorbild.

Dieses Statement ist vielleicht etwas gar zu kritisch. Wir dürfen das Positive nicht vergessen. Noch immer können wir stolz auf unsere Juniorenfortschritte sein und die Zeichen aus dem Verband stimmen mich positiv. Viele gesetzte Mosaiksteinchen auf der Auswahlebene werden mittelfristig sicher gute Resultate bringen. Frustrierend wird vielleicht sein, dass diese Resultate der Durchschnittshockeykonsument kaum wahrnehmen wird, weil sie sich nicht in Medaillen und Titeln zeigen werden, sondern "maximal" in der Stabilisierung des bereits erreichten Niveaus... und denken wir daran: Viele andere Nationen unternehmen grosse Anstrengungen, unseren Platz auf der Eishockeyjuniorenweltkarte einzunehmen, beispielsweise Deutschland Weissrussland, Dänemark, Lettland, aber auch Österreich.

Thomas Roost
Central Scouting Europe


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