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Die Schweizer stehen resultatmässig mit leeren Händen da. Viel wurde erwartet von diesem Team, vieles hat sich auch bestätigt, die resultatmässigen Hoffnungen haben sich mit dem 7. Rang aber nicht ganz erfüllt.


von Thomas Roost, Central Scouting Europe

Das Positive vorweg: Die Schweizer haben sich das Attribut "the hardest working team" verdient und haben mit ihrem unermüdlichen, aggressiven Forechecking viele bereits früher erworbene Sympathien bestätigt. Das System stimmt, in einem solchen taktischen Umfeld können sich die Spieler weiterentwickeln. Die Arbeit von Roger Bader und seinem Team darf (sofern ich dies aus der Distanz beurteilen kann) gewürdigt werden: Sie haben mit ihrer Taktik für die Entwicklung unseres Eishockeys die richtigen Zeichen gesetzt. Positiv die physische Aufopferung unserer Spieler, der recht gute "Speed" und das furchtlose Einsetzen des Körpers. Das Spiel gegen Schweden war hervorragend, die Skandinavier, die stocktechnisch die feinere Klinge führten, wurden mit nordamerikanischen Tugenden besiegt: mit Mut, mit Leidenschaft, mit Herzblut und aggressivem Forechecking. Sehr positiv auch der Teamgeist. Die Spieler haben sich gegenseitig unterstützt, auf und neben dem Eis. Auch in dieser Hinsicht haben die Schweizer ein hervorragendes und sympathisches Zeugnis abgelegt.
Randnotizen
A wie AerzteWelches Team hatte die beste medizinische Abteilung? Tschechien. Kein Team hatte während den Spielen derart viele schwerverletzte Spieler zu beklagen die dann jeweils aber auf wundersame Weise wieder auf's Eis zurückgekehrt sind...
B wie BallettänzerDas Russische Staatsballet zu Besuch auf dem Eisrink mit dem Hauptdarsteller Nikolai Zherdev, a balletdancer on ice. This guy will help to sell tickets in the NHL, that's for sure, he is so entertaining!
C wie ChampionsTeam USA, ein nicht unverdienter Sieger: Speed and Drive to the net waren ihre Erfolgskomponenten, aber auch hervorragende Einzelspieler mit Stuart, Suter, Eaves, Parise und vor allem mit Patrick O'Sullivan. They are so fast!
E wie EntertainerThe most entertaining team? Na ja, leichte Frage: Die Russen. Phantastisch was die draufhaben, man hat immer das Gefühl, dass sie alle deklassieren könnten...am Schluss gewinnen sie dann aber meistens nie... sensible Künstler mit geheimnisvollen Seelen...
F wie Franchise-PlayerDer erst gut 16-jährige Alexander Ovechkhin wird wohl als möglicher Franchise-Player gehandelt werden. D.h. ein Spieler um den man ein Team aufbaut. Er war bereits Topscorer...als Underager...seine Mutter war Olympiasiegerin im Basketball...das verpflichtet natürlich
G wie GastfreundschaftKaum im Hotel angekommen haben sich zwei Personen rührend darum bemüht, mir auf meinem Laptop ein lokales Internetaccount einzurichten. Zudem hat die Hotel-Küche auch nach Mitternacht keine Mühe gescheut, ein komplettes Menu aufzutischen. I will never forget! Ein herzlicher Dank an meine Slovakischen Gastgeber!
H wie HirnWie ist es möglich, dass 17-jährige Jungs wie Jiri Hudler und Milan Michalek (beide Tschechien) eine Abgeklärtheit und taktische Reife auf's Eis zaubern wie man dies sonst nur bei 30-jährigen Spielern feststellt? They are so smart!
L wie LegendeDer über 60-jährige Boris Shagas, heute in Diensten der Ottawa Senators, hat seinerzeit Spieler für den legendären Russischen Nationaltrainer Anatoli Tarasov rekrutiert...seine Russischen Scoutingkollegen verehren ihn über alles
M wie MagicRobert Nilsson hat die Magie am Stock definitiv von seinem Vater geerbt, auch er kann Ahhhs und Ohhhs auslösen, auch Robert is a little magic...
R wie Ringe4 Stanleycup-Ringe nennt die Habs-Legende Guy Lapointe sein eigen, da kommt schon ein wenig Ehrfurcht auf, wenn der heutige Minnesota-Wild-Scout seine Aufwartung macht...
S wie SuppeIn den Scouts-Lounges wurde in den Drittelspausen immer Suppe aufgetischt, ich kenne sie nun in allen Variationen, die Slovakische Suppenküche: Krautsuppe, Wurstsuppe, Kartoffelsuppe, undefinierbare Suppe etc. ...hat aber immer herrlich gewärmt und gut gemundet
U wie UnwohlseinJim Setters, Coach der Deutschen, anlässlich seiner Spielbeobachtung Schweiz - Weissrussland, er wurde bleicher und bleicher....er ahnte dabei wohl, wie schwer es für sein Team werden wird, dem Abstieg zu entrinnen...
W wie WurzelnKent Nilsson, heute Scout der Edmonton Oilers....was hat er wohl über seinen Sohn Robert geschrieben? Thomas Steen, Winnipeg Jets-Legende, wie hat ihm wohl der extrem smarte Zweiweg-Center Alexander gefallen? Alexander Koshevnikov, legendärer Russischer Flügelstürmer, was denkt er über seinen Nachkommen, Alexander Junior? Urs Bärtschi, der legendäre Klotener Eisbär, wie gross ist der Stolz auf die megastarken Handgelenke und den Torriecher von Sohn Patrick? Renato Lemm, wie urteilt er wohl über die Fortschritte seines Sprösslings Romano? Vladimir Krutov, wie hat er wohl die kurzfristige Eliminierung seines Sohnes Alexei aus dem Kader der Russischen U18-Nationalmannschaft verkraftet?


Auf der Negativseite hat es sich aber gezeigt, dass wir es uns nicht leisten können, auf unseren Captain Emanuel Peter zu verzichten. Ein Spieler seines Kalibers kann die Schweiz (im Gegensatz zu Russland, Kanada, USA und Tschechien) nicht einfach so ersetzen, die Breite fehlt (und wird wahrscheinlich immer fehlen), so dass diese verletzungsbedingte Absenz (zu) stark ins Gewicht gefallen ist. Zudem konnten wir in diesem Turnier für einmal nicht auf überdurchschnittliches "Goaltending" zählen. Tobias Stephan, das grösste Schweizer Goalietalent aller Zeiten, wirkte nach seinen überirdischen internationalen Turnieren an der letztjährigen U18-WM und an der vergangenen U20-WM, nur noch menschlich und musste in Trnava schmerzlich auch die Schattenseiten eines Goalielebens erfahren. Er konnte die Schweiz in kritischen Augenblicken nicht im Spiel halten. Trotzdem: Da wächst ein Supergoalie heran, Stephan hat in dieser Saison auch immer sehr viel Besuch von Scouts aus aller Welt erhalten und wird im kommenden Draft ganz bestimmt nicht übergangen werden. Auch die Kanadier hatten mit eher durchschnittlichen Goalieleistungen zu kämpfen, auch Maxim Daigneault gilt grundsätzlich als sehr gutes Talent, aber auch er konnte in kritischen Momenten seinem Team keinen zusätzlichen Rückhalt verleihen. Ein weiterer Grund für das resultatmässig leicht enttäuschende Abschneiden liegt darin, dass auch andere Länder hervorragende Nachwuchsprogramme initiiert haben. Weissrussland hat in dieser Beziehung grosse Fortschritte erzielt und konnte bereits an diesem Turnier einige sehr vielversprechende Spieler präsentieren. Die Spitze wird immer breiter denn nicht nur die Schweiz kann konzeptionell gute Nachwuchsarbeit abliefern, d.h. für uns: Die hinteren A-Nationen verstärken den Druck und sind fähig, uns bei unglücklicher Konstellation in ernsthafte Schwierigkeiten zu bringen; genau so wie wir das unter gewissen Umständen mit der absoluten Weltspitze tun können. Wir liegen so zwischendrin: Ein kleiner (aber spürbarer) Vorsprung auf die hinteren Nationen und auch ein kleiner (aber ebenfalls spürbarer) Rückstand zur Weltklasse. Es hat sich in Trnava/Piestany gezeigt, dass wir in den folgenden Bereichen noch aufholen müssen: Vor allem im Bereich Puckkontrolle können wir noch nicht mit den besten Nationen mithalten. Die Hände genügen (noch) nicht für höchste Ansprüche. Der Unterschied in den Händen zwischen Spielern wie z.B. Alexander Ovechkhin, Nikolai Zherdev, Alexander Semin, Jiri Hudler, Milan Michalek, Patrick O'Sullivan und Robert Nilsson zu unseren besten Spielerhänden war doch ziemlich markant. Für mich etwas überraschend, dass die Schweizer auch im "Speed-Bereich" nicht ganz zu den Top-Nationen gezählt haben. Die US-Amerikaner waren schlicht zu schnell für uns und auch die Russen haben teilweise ein Tempo vorgelegt bei dem unser Team eher überfordert gewesen wäre. Dies eine Erkenntnis die wir unbedingt ebenfalls in die Ausbildungsstrategien miteinfliessen lassen müssen. Wir Schweizer sind zwar läuferisch gut und im Durchschnitt auch ziemlich schnell aber im Vergleich mit der absoluten Weltklasse genügen wir auch in dieser Hinsicht noch nicht ganz: Dies eine meiner neuen Erkenntnisse aus der Junioren U18-WM 2002. "Speed kills" ist ein geflügeltes Wort unter Scouts - und gegnerischer "Speed" hat uns Schweizern an dieser Junioren-WM (zu) oft in Schwierigkeiten gebracht. Eine weitere Erkenntnis: Der psychische Zustand eines Spielers oder auch einer ganzen Mannschaft hängt nur marginal davon ab, ob man sich mit "positivem Denken", mit Mentaltraining, mit gemeinsam erlebten Naturevents o.ä. trivialpsychologischen Elementen auf ein solches Turnier oder auch ein einzelnes Spiel vorbereitet. Entscheidend für die psychische Verfassung einer Mannschaft ist der Spiel- und/oder der Turnierverlauf. Die Schweizer waren das typischste Beispiel in dieser Beziehung: Bei schneller Führung und ein paar gelungenen Aktionen haben sie sich schnell in ein "Momentum", eine Art Spielrausch gesteigert. Wenn aber auch ein deutlich unterlegenes Team überraschend in Führung gehen konnte dann hat unsere Schweizer Mannschaft schnell an Gelassenheit eingebüsst und an Qualität verloren. "Momentum" heisst das Zauberwort im positiven wie auch negativen Sinn. Lässt sich das trainieren, simulieren? Meiner Meinung nach ganz klar nein. Nur die Erfahrung wird eine entsprechende Gelassenheit in die Spielerköpfe implantieren, das Wissen, sich schon mehrmals in ähnlichen Situationen befunden zu haben; und Erfahrung kann man bei 17-18 jährigen Talenten noch nicht unbedingt voraussetzen...

Generell betrachtet haben wir teilweise hervorragende Spiele gesehen. Die für den diesjährigen Draft hochgehandelten Talente Jiri Hudler, Alexander Semin, Michal Barinka, Mark Stuart und Pierre-Marc Bouchard haben allesamt die hohen Erwartungen erfüllen können. Keiner dieser sehr guten Talente wird aber am Lack der Top-Draftees 2002 kratzen können. Der Kanadische Verteidiger Jay Bouwmeester und das Finnische Goaliewunder Kari Lehtonen werden wohl die ersten beiden Plätze unter sich ausmachen, dicht gefolgt vom Kanadischen Powerforward Rick Nash und dem Finnischen Verteidiger Joni Pitkänen.

Aufsteiger dieser WM sind der Finnische Goalie Hannu Toivonen, der Tschechische Goalie Lukas Mensator der mit seinem Stil an Baseball erinnert... sowie der Norwegische Stürmer Marius Holtet.

Bei den noch jüngeren Spielern (kommen erst 2003 oder 2004 in den Draft) haben wir mit Milan Michalek und Nikolai Zherdev zwei Wunderspieler gesehen die das Rennen um die Nrn. 1 und 2 im Europäischen Ranking für 2003 eröffnet haben. Ebenfalls auf ähnlichem Niveau bewegt sich der hart und schnell schiessende US-Boy Patrick O'Sullivan. Weiter überzeugend der kraftvoll "skatende" Weissrusse Andrei Kastsizyn der wie ein nicht zu stoppender Güterzug durch die gegnerische Defensive rollt, die US-Amerikaner Ryan Suter, Pat Eaves und Zach Parise. Mit dem Double-Underager Alexander Ovechkhin wächst (wenn alles gut läuft) ein neuer Russischer Superstar heran. Ich glaube er ist vom Kaliber eines Ilja Kovalchuk auch wenn diese zwei völlig verschiedene Spielertypen sind. Die Schweizer? Meine Funktion verbietet es mir, diesbezüglich Detail-Aussagen zu machen aber in der Tendenz sind unsere Spieler auf den Listen der meisten Scouts doch eher etwas zurückgefallen. Trotzdem werden im Europäischen Ranking von Central-Scouting erstmals 17 Schweizer erwartet plus 2 Goalies..... so viele wie noch nie!

Links

U18-WM 2002
Central Scouting


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